Das Ausgangsszenario von "Angerichtet" ist hoch interessant: Die Handlung besteht im Wesentlichen aus einem Abend in einem edlen Restaurant, der viele familiäre Verwerfungen offenlegt. In einem traumhaft leichten Ton lässt uns der Autor an den feinsinnigen Beobachtungen des Ich-Erzählers teilhaben. Dessen scharf-ironischer Blick nimmt genüsslich die Fassade der High-Society auseinander, er sagt viel über das Verhältnis zu seinem machtbewussten Bruder aus, mit dem er essen geht. Man stimmt als Leser unterbewusst dem Urteil des Ich-Erzählers gerne zu, wenn er seinen Bruder, einen aufstrebenden Politiker, als unangenehme, karrieregeile und berechnende Persönlichkeit charakterisiert.
Doch dann folgt der Bruch: Nach und nach zeigt sich, dass der Blick des Ich-Erzählers von Neid und Neurosen gefärbt war - ist alles ganz anders, als es scheint? Ist nicht der Politiker, sondern der Ich-Erzähler der wahre Problemfall, das echte Charakterschwein? All das hat Autor Hermann Koch hervorragend komponiert, bzw. "angerichtet". Es ist der Stoff für einen tollen Roman. Und es scheint noch besser und dramatischer zu kommen, als der Verlauf des Abends einen erschütternden Vorfall preisgibt, für den die Kinder der beiden Brüder verantwortlich sind. Wie gehen die Eltern damit um? Können die beiden Brüder ihre persönlichen Streitigkeiten angesichts der Tragweite des Vorfalls überwinden? Sind sie sogar durch ihre womöglich falsche Erziehung an den Taten der Kinder mitschuldig? Hochspannende Fragen, die Hermann Koch mit seinem Plot aufwirft und deren Beantwortung man entgegenfiebert. Allein: Dazu kommt es nicht.
Was als feinsinnges Kammerspiel beginnt, endet als Slapstick-Comedy, die keinen ihrer Protagonisten mehr ernst nimmt. Man will als Leser ja nicht der Spielverderber sein, wenn ein Roman eine unvorhergesehene Wendung nimmt, sondern sich möglich unvoreingenommen darauf einlassen. Das stellt den Leser bei "Angerichtet" allerdings vor fast unüberwindbare Hürden: Der Roman, der seiner Figuren zu Beginn mit feiner Hand charakterisiert, gibt sie nun der Lächerlichkeit preis. Als was für eine Person genau sich der Ich-Erzähler entpuppt, soll hier aus Gründen der Spannung nicht vorweg genommen werden. Doch so viel kann verraten werden: Die Entwicklung, die die Person des Ich-Erzählers nimmt, wertet den ganzen Roman ab. "Angerichtet" gibt eine triviale, profane Antwort auf die so mühevoll augeworfenen, komplexen Fragen. "Angerichtet" endet ernüchternd, es endet erst dann, als Hermann Koch von seiner präzisen Charaktersudie einer Familie nichts mehr übrig gelassen hat. "Angerichtet" ist ein lesenswerter Roman, der die DNA eines Meisterwerks in sich trägt und dessen ernüchternde Auflöung genau deswegen so tief enttäuscht.