Schaut man die aktuellen Vorschauen und Programme der Verlage an, fällt auf, dass in den nächsten Wochen und Monaten viele Romane erscheinen, bei denen Engel eine wesentliche Rolle spielen und es drängt sich förmlich die Frage auf, ob damit die Ablösung für die vielleicht bald abflachende Vampirwelle geschaffen werden soll. Ich gebe zu, dass diese Auffälligkeiten bei mir lediglich bewirken, dass ich solche Bücher eher nicht oder mit großer Zurückhaltung zur Hand nehme. Bei "Angelus" von Danielle Trussoni hat meine Neugier meine Bedenken besiegt - mit dem Ergebnis, dass ich die knapp 646 Seiten innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe.
Danielle Trussoni verbindet in ihrem Buch "Angelus" Elemente der Mythologie, des Abenteuerromans, hier insbesondere die Schatzsuche, und des temporeichen Thrillers. Dennoch ist Angelus" sicher kein Roman, der jeden Liebhaber von Verschwörungsromanen und rätselhaften Thrillern mit religiösem Hintergrund anspricht, da es im Kern um Engel geht und Danielle Trussonis Roman somit eher zur epischen Fantasy wird. Der Titel des amerikanischen Originals "Angelology" verrät schon ein wenig, was im Mittelpunkt des Romans steht. Die Angelologie ist ein Teilgebiet der theologischen Dogmatik und beschäftigt sich mit der Erforschung von Engeln, engelhafter Erscheinungen und deren Auftreten in der Menschheitsgeschichte sowie ihre Strukturierung. Da Engel in verschiedenen Kulturkreisen und Religionen als Verbindung zwischen Mensch und Gottheit gelten, ist die Angelologie an keine Glaubensrichtung gebunden.
Von der Angelologie ist die junge Schwester Evangeline ganz weit entfernt, als eine Anfrage zu den Archivdokumenten, die sie am 23. Dezember 1999 erhält, sie zu einem scheinbar geheimen Briefwechsel der früheren Äbtissin des Klosters der heiligen Rosa mit der Philantropin Abigail Rockefeller führt. Der Briefwechsel zeigt, dass die Äbtissin in ein Gehimprojekt verwickelt war. Evangelines Neugier steigt, als der Anfragende Verlaine, der im Besitz eines Teils des Briefwechsels ist, unangemeldet im Kloster erscheint. Nachdem Evangeline erfährt, dass Verlaine nach dem Verlassen des Klosters von Bediensteten seines Auftraggebers Percival Grigori beinahe überfallen worden wäre, beginnt sie zu recherchieren. Die Spur führt zu der gebrechlichen Nonne Celestine. Durch sie erfährt Evangeline, dass seit Jahrtausenden ein Kampf zwischen den Nephilim, den Nachkommen göttlicher Wesen und menschlicher Frauen, und einer geheimen Gesellschaft von Angelologen geführt wird. Die Nephilim, schauderhafte, habgierige, grausame und böse Wesen, die aber zugleich verführerisch, faszinierend, machtvoll und schön sind, haben aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten über Jahrtausende hinweg die Menschen beherrscht, Herrschergeschlechter infiltriert und Kriege initiiert. Celestine erzählt Evangeline von einer Expedition der Angelologen zu einer Höhle in Bulgarien in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, bei dem ein Fund gemacht wurde, den die Angelologen über Jahrzehnte verstecken konnten: eine Leier, ähnlich der Miniatur, die Evangeline als Halskette trägt, mit deren spärischer Musik Heil oder Unheil gebracht werden kann. Für Percival Grigori ist diese Leier nicht nur ein Instrument zur Festigung der Macht seiner Familie und seiner Art. Für ihn bedeutet der Besitz der Leier sein persönliches Überleben. Als Evangeline durch die Angelologen in die dramatische Suche nach dem himmlischen Instrument verwickelt wird, ahnt sie noch nicht, wie sehr ihr Schicksal und ihre Familie mit dem Kampf der Nephilim und der Angelologen verknüpft sind.
Danielle Trussoni erzählt die Geschichte des Kampfs von Angelologen und Nephilim mit viel Liebe zum Detail insbesondere in den längeren Passagen des Mittelteils zu Religionsgeschichte und Mythologie, die dem Spannungsaufbau nur wenig abträglich sind. Es gelingt der Autorin mit ihrer Sprache die erzählte Welt authentisch und anziehend zu gestalten und plastisch werden zu lassen. Die wesentlichen Charaktere Evangeline, Verlaine und Percival bleiben zugunsten der Handlungsorientierung des Romans eher flach. Der Höhepunkt des Romans wird tatsächlich erst kurz vor dem Ende erreicht, das nach dem Showdown mit einer interessanten Wendung aufwartet.
Egal ob Engelwelle oder nicht - mir hat es Spaß gemacht, mich in der von Danielle Trussoni in ihrem Fantasy-Roman "Angelus" beschriebenen Welt zu bewegen, da der Roman mit allem aufwartet, was eine spannende Geschichte braucht: interessante einnehmende Charaktere, ein durchdachter, ansprechender Kern, eine intelligent geschriebene, temporeiche Handlung und ein Atmosphäre zum Eintauchen. Ich freue mich, dass das Ende bereits eine Fortsetzung erahnen lässt...