"Allem Ende wohnt ein Anfang inne" -- dies steht, so scheint es, als Motto über dem (immer noch jungen) politischen Leben der Angela Merkel. Es beginnt mit dem Untergang der DDR, den sie als stellvertretende Regierungssprecherin der ersten frei gewählten Regierung unter Lothar de Maizière erlebt und mitgestaltet. Unter dem ewigen Kanzler Helmut Kohl dann mitsamt den "neuen Ländern" in der Bundesrepublik angekommen, setzt die "talentierte Frau aus dem Osten" ihre Karriere zunächst als Ministerin, später als CDU-Generalsekretärin fort. Mit dem Ende der Ära Kohl beginnt dann das, was man das so richtige Erwachsenwerden der politischen Angela Merkel nennen könnte. Der Fall Kohls und der Sturz seines Kronprinzen Schäuble lassen die Frau aus dem Osten aufsteigen in die Spitze der nunmehr in Berlin, im Osten also, angekommenen Partei. Dies ist in kurzen Worten alles, was wir verlässlich über die derzeitige Vorsitzende der CDU wissen. Alles in allem nicht viel. Gerade mal die Fakten eben, die ohne Kenntnis der Person nicht sonderlich aussagekräftig sind.
Wolfgang Stock, Focus-Redakteur in Berlin, erzählt uns den Rest. Den Rest von dem zumindest, was die CDU-Politikerin von ihrem persönlichen Leben im Gespräch mit Stock preiszugeben bereit war. Und das ist mehr, als mancher erwartet hätte. Der Autor macht aus seiner Sympathie für Angela Merkel kein Geheimnis -- eine Sympathie, die den Grundton für diese manchmal sehr freundliche politische Biografie ausmacht. Eine leichte, gut lesbare Lektüre über eine Frau, deren politischer Aufstieg insgesamt doch überraschend ist. Und vielleicht überrascht sie uns (die wir ihr politisches Ende schon nahe wähnen) ja noch einmal und erklimmt tatsächlich noch eine Stufe auf der Karriereleiter. --Andreas Vierecke
Die Aussenseiterin als Parteichefin
Eine wohlwollende Biographie über Angela Merkel
eg. Biographien schreibt man mit Vorteil über Menschen, die schon einiges erlebt haben. Dies gilt besonders für Politiker, weil diese in Perfektion gelernt haben, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, was eine Biographie abgesehen von harten Fakten interessant macht: Gefühle, Stimmungen, kurz, alle Regungen der Persönlichkeit, die man nicht so leicht preiszugeben geneigt ist. Politiker beurteilt man daher am besten nach ihren Taten und nicht nach den pseudopsychologischen Porträts, die in allen Mediengattungen Mode geworden sind. Was aber tun, wenn ein Politiker noch nicht allzu viel vorzuweisen hat? Vor diesem Problem stand auch Wolfgang Stock, der Biograph von Angela Merkel. So liefert er eine farbige Momentaufnahme aus dem Leben einer Frau, die das grösste Abenteuer ihrer bisherigen Karriere, den Vorsitz der CDU, gerade erst in Angriff genommen hat.
Kurze politische Vita
Die politische Vita Merkels beginnt mit dem Ende des kommunistischen Regimes, als sie in die Position der stellvertretenden Regierungssprecherin unter dem ersten und letzten frei gewählten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière katapultiert wurde. Dem folgten Stationen als Ressortchefin eines von Kohl aus koalitionspolitischen Erwägungen gegründeten potemkinschen Ministeriums und als Leiterin des Umweltministeriums. Nach der Wahlniederlage von 1998 wurde sie Generalsekretärin ihrer Partei, bis sie das zweite Erdbeben ihrer kurzen Laufbahn, der Spendenskandal um Kohl und Kanther, in das Amt der Vorsitzenden beförderte.
Soweit die dürre Rahmenhandlung, die den Autor nötigt, sich ausführlich dem persönlichen Werdegang der Protagonistin zuzuwenden. Stock verhehlt seine Sympathie für die Politikerin Merkel nicht, und dieser mehr freundliche als kritische Grundton macht seine Darstellung angenehm leicht lesbar. Im Parlando des erfahrenen Magazin-Journalisten Stock gehört dem Berliner Büro von «Focus» an skizziert er die Etappen von der Kindheit in einem brandenburgischen Pfarrhaus über das Studium der Physik in Leipzig bis zum Engagement im «Demokratischen Aufbruch», einer von der CDU nach der Volkskammerwahl 1990 aufgesogenen Splittergruppe. Er beschreibt die schnelle Intelligenz und die unprätentiöse Offenheit der Regierungssprecherin, die sie im Treibsand der Ostberliner Politik zur begehrten Gesprächspartnerin machten.
Ohne falsche Sentimentalität
In Bonn verschaffte sich die junge Ministerin Respekt mit ihrer Personalpolitik, in der sie sich nicht scheute, sich von wichtigen Mitarbeitern zu trennen, sofern sie zur Belastung geworden waren. Das Gespür für psychologische Konstellationen und die Bereitschaft, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen, waren ihr auch in der Spendenaffäre von Nutzen. So verlangte sie noch vor Ausbruch des Skandals die Entlassung von Kohls langjährigem Wasserträger im Parteiapparat, Terlinden. Schäuble lehnte diesen Schritt mit Hinweis auf die nicht mehr ferne Pensionierung ab und sah, als es dann zum Showdown mit Kohl kam, seine Zurückhaltung durch grobe Illoyalität Terlindens gedankt. Merkel war nicht nur in diesem Fall nüchterner, nicht so sehr im Gespinst von Abhängigkeit, Treue und Betriebsblindheit gefangen wie Kohls zuverlässige Garde von Schäuble bis Rühe eine Aussenseiterin eben.
Stock hatte Gelegenheit zu zahlreichen Interviews mit Merkel, die sonst wenig Einblick in ihr Privatleben gewährt. Dass sie eine Ausnahme machte, unter anderem ihre erste Ehe mit einem Kommilitonen und andere Details ihres Lebens in der DDR zwischen Anpassung und Alltagsrenitenz Revue passieren liess, hat einen triftigen Grund. Sowohl Kohl als auch Schäuble präsentierten ihre Version der Monate nach Bekanntwerden der schwarzen Konten, da durfte die Sicht der Parteichefin nicht fehlen.
Facetten einer Affäre
Merkel, deren ostdeutsche Erfahrung ihren Sinn für Endzeitstimmungen geschärft haben mochte, gab mit einem Zeitungsartikel im Dezember 1999 den Startschuss zur Distanzierung der Partei von Kohl und weil er allzu lange in Loyalität zu seinem politischen Ziehvater verharrte auch von ihrem Amtsvorgänger Schäuble. Wie dieser beharrt sie darauf, dass der Artikel nicht zwischen Generalsekretärin und Vorsitzendem abgesprochen, sondern das Produkt stillen Nachdenkens und einiger Gläser Rotwein war. Kohl hingegen verbreitet zu diesem Schlüsselmoment der Affäre die Verschwörungstheorie, dass Schäuble und Merkel den Artikel vereinbart hätten, um den Patriarchen loszuwerden. Auch in diesem Punkt scheint Kohl der unzuverlässigste, am meisten von dem Wunsch nach Selbstrechtfertigung getriebene Chronist des Skandals zu sein.