Dieser flott geschriebene politische Essay über gut 200 Seiten ist eine schon lange fällige Abrechnung mit der Politik Angela Merkels aus der Sicht einer enttäuschten Merkel-Wählerin.
Schon in ihrem Vorwort bringt Cora Stephan es auf den Punkt: Sie habe sich statt Angie eine Frau eingehandelt, die sie jetzt treffend Tina nennt, abgeleitet aus den Initialen von "there is no alternative". "Alternativlos" ist zum Schlüsselwort ihrer Politik geworden. Viele Entscheidungen, z.B. in der Finanzpolitik, Steuerpolitik, Gesundheitspolitik, Energiepolitik, Europapolitk werden von Angela Merkel - wenn denn überhaupt welche getroffen werden - als "alternativlos" verkauft, als ob es sich dabei um ein Naturgesetz handele. Letztlich liegt darin das Eingeständnis, politisch nichts mehr bewirken zu können. Tatsächlich bestehen objektiv natürlich durchaus verschiedene Handlungsmöglichkeiten, aber Angela Merkel erhebt - so Cora Stephan - den "totalitären Anspruch", keine Alternative zu dulden, sich mit Kritikern gar nicht auseinandersetzen zu wollen. In dem Buch von Hans-Olaf Henkel "Rettet unser Geld" (vergl. meine Rezension) findet man übrigens den gleichen Gedanken.
Ohne dies immer ausdrücklich zu erwähnen (in der Literaturliste ist Henkel aufgeführt) stimmt Cora Stephan auch hinsichtlich des Versagens Merkels in der Europapolitik mit vielen Gedanken Henkels überein. Dies betrifft inbesondere die fatale Rolle, die Merkel bei der Aufhebung der "Nichtbeistandsklausel" (No-Bail-Out) und damit der Wandlung der EU zu einer Transferunion (hauptsächlich zu Lasten Deutschlands)gespielt hat. "Der Euro ist unser Schicksal", dekretierte Angela Merkel, und was daraus folgt ist klar: Seine Rettung ist alternativlos.
Cora Stephan geht auch auf die Sarrazin-Debatte ein. Sie versteht das Buch Sarrazins vor allem als ein Manifest für das "arme Schwein vom Dienst", den deutschen gemeinen Steuerzahler. Dieser habe den ganz bescheidenen Wunsch, nicht auch noch dafür beschimpft und verleumdet zu werden, dass er permanent zur Kasse gebeten wird. Angela Merkel fand bekanntlich das Buch Sarrazins - ohne es gelesen zu haben - "überhaupt nicht hilfreich". Sie stellte stilbildend sich an die Spitze der Bewegung, die den Stab über etwas bricht, das man nicht kennt.
Im Zusammenhang mit dem sog. Euro-Rettungsfonds zitiert Cora Stephan den Ex-EU-Kommissar Günter Verheugen (ein Mann der es wisssen muss!)dem in einer Diskussion bei Maybrit Illner am 09.12.2010 wohl eher ungewollt rausgerutscht ist:
"Das ganze Projekt "Europäische Einheit" ist wegen Deutschland notwendig geworden. Es geht immer (darum) Deutschland dabei einzubinden, damit es nicht zur Gefahr wird für andere."
Cora Stephan meint dazu: "Klarer kann man es eigentlich kaum sagen: Ohne die Warnung vor der "deutschen Gefahr" und den Appell an deutsche Schuldgefühle glaubt man dem Steuerzahler nicht verkaufen zu können, dass er wieder einmal den Kopf hinhalten soll." Ich bin geneigt "Steuerzahler" durch "Politiker" zu ersetzen, denn bei vielen Steuerzahlern kommt es gar nicht an, was zu seinen Lasten alles in Brüssel deutschen Politiker abgepresst wird.
Auf eine Frage der "Bild-Zeitung" vom 29.11.2004 an Angela Merkel, welche Empfindungen Deutschland in ihr wecke, hat Angela Merkel geantwortet: "Ich denke an dichte Fenster."
Cora Stephan interpretiert das so: "Hier zieht's nicht, aber es mieft schon mal." Weiter meint sie dazu, sie verlange keine Visionen, es wäre aber doch schön, wenn Angela Merkel zu ihrem Reich und ihren Leibeigenen mehr einfiele als dichte Fenster, Kartoffelsuppe und Uckermark. Als eine der größten Enttäuschungen bezeichnet es Cora Stephan, dass Angela Merkel in Zeiten der Krise kein Projekt, keine Idee habe, die die Deutschen beflügeln könnte.
Selbstbewußtsein und das Einfordern normalen Respekts von Ausländern, könne auch von unserer Kanzlerin erwartet werden. Es sei einfach lächerlich, wenn Deutschland noch 65 Jahre nach Weltkriegsende, als Rückgrat Europas, als Zahlmeister von UNO und UNESCO, gebeugten Rückens und mit dem Selbstbewußtsein eines rückfälligen Straftäters durch die Weltgeschichte stolpert, jederzeit darauf gefasst, auf immer weggesperrt zu werden.
Der Kritik an Angela Merkel und der Hoffungslosigkeit einer Änderung ihrer Politk (ihr desaströses Verhalten im Zusammenhang mit dem Rücktritt Guttenbergs konnte Cora Stephan gar nicht mehr berücksichtigen) stellt Cora Stephan die zunehmende Aufgeklärtheit und die Informatiosmöglichkeiten im Internet - auch Abseits des mainstreams der veröffentlichen Meinung in TV und traditioneller Presse - gegenüber. Mit Peter Sloterdijk sieht sie die Politik der "nützlichen Entpolitisierung des Volkes" vor dem Scheitern. Die positive Botschaft Cora Stephans lautet: "Deutschland kann mehr - als seine Bundeskanzlerin".
Fazit: Das Buch bringt einiges was man aus den Büchern von Hans-Olaf Henkel schon kennt, geht aber in seiner Kritik an dem Politikstil und letztlich auch der Persönlichkeit Angela Merkels daüber hinaus - auch wenn es für viele Leser lediglich eine Bestätigung von längst Bekanntem sein dürfte. Ein berechtigter, längst fälliger Abgesang, der durch die Guttenberg-Affäre und den fatalen Satz Angela Merkels, sie habe "keinen wisssenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen", sondern einen Mann, der Verteidigungsminister sein soll, nur noch untermauert wird.