Dieses ist ein ganz spezifisches Bilderbuch, das sich mit der Thematik auseinandersetzt, wie es Kindern später geht, wenn sie noch vor der Geburt einen Zwilling verloren haben. Dieser sogenannte vorgeburtliche Zwillingsverlust wird hier mit aller Offenheit thematisiert. Hauptfigur ist dabei die achtjährige Sandra, die manchmal wütend, tieftraurig und sich mutterseelenallein fühlt. Hierbei kann sie keiner trösten. Tagsüber ist sie oft verträumt und in der Nacht mag sie nicht alleine schlafen. Nach dieser kurzen Einleitung wird davon erzählt, wie es mit Sandra generell anfing. So wird von der Befruchtung und der Einnistung erzählt und dass sich zwei Wesen entwickeln. Bis dahin ist die Geschichte noch relativ gut erzählt. Doch dann bekommt sie einen Wendepunkt in der Erzählweise, wenn es zum Absterben des anderen Fötus heißt: "Das andere verliert sein Licht, wird ganz blass und...will gehen!" und der absterbende Teil Sandra tröstet mti den Worten: "Liebe Schwester, sei nicht traurig. Ich habe dich sehr lieb. Aber mein Weg ist hier zu Ende, und meine Aufgabe ist erfüllt...Du hast einen guten Platz gefunden. Du kannst deinen Weg ohne mich weitergehen." Dies erinnert sehr an Bert Hellinger und es fragt sich, ob dies so in einem Kinderbuch Platz braucht. Auch die Wende in der Geschichte (dass etwas Wunderbares geschieht und Sandra mit ihren Eltern eine Therapeutin besucht, die zufälligerweise von dem Leben der Babys im Mutterleib erzählt und sich dann Sandra an ihren Zwilling erinnert...) wirkt eher gekünstelt.
Auf jeden Fall geht es am Ende der Geschichte Sandra gut, weil sie die Geburt nachspielt und ihren Zwilling als Schutzengel begreift.
Die Bilder von Ute Fischer zu der Geschichte sind einfühlsam und können auch älteren Kindern den Prozess der Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt veranschaulichen. Ob die Zahlen zum frühen vorgeburtlichen Zwillingsverlust tatsächlich stimmen, lässt sich nicht nachprüfen. Im Begleittext zur Geschichte wird von 10 bis 30 teilweise sogar bis 60 Prozent gesprochen. Auch die Symptome und Indikationen, welche angeblich auf einen frühen Zwillignsverlust hindeuten können, wirken eher wage. Dennoch ist dieses interessante Buch eine große Chance, das Gefühlsleben vor, während und nach der Geburt stärker ins Auge zu fassen und die Möglichkeit (beispielsweise von unklaren psychischen Problemen) in Erwägung zu ziehen. Da es jedoch noch keine ausreichend fundierten wissenschaftlichen Untersuchungen hierzu gibt, sollte man "vorsichtig mit der Diagnose" sein. Von daher ist der Begleittext von Ilka-Maria Thurmann mitsamt den Literaturhinweisen eine gute Möglichkeit, sich ein persönliches Bild davon zu machen, wie man selbst einen pränatalen Zwillingsverlust einschätzt.