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Am Anfang war die Nacht Musik: Roman
 
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Am Anfang war die Nacht Musik: Roman [Taschenbuch]

Alissa Walser
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 256 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch (August 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492272029
  • ISBN-13: 978-3492272025
  • Größe und/oder Gewicht: 19 x 12 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 97.046 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Poetisch und bestechend klarsichtig.« Freundin • »Von besonderer Sprachmagie, die in jeder Zeile satte Sinneseindrücke erzeugt – ein großer Lesegenuss!« Norddeutscher Rundfunk • »Das vor allem macht diesen Roman zu einem großen Stück Literatur: dass er mit Worten an das streift, was mit Worten nicht zu fassen ist.« Die Presse, Wien • »Raffiniert: Alissa Walsers Roman über den Wiener Heiler Franz Anton Mesmer und eine Art Liebe.« Die Zeit • »Alissa Walsers Roman erzählt virtuos von Ehrgeiz und Genügsamkeit des Menschen.« Frankfurter Rundschau • »Ein Debütroman von beeindruckendem sprachlichen Willen.« Focus   

Kurzbeschreibung

Wien, 1777. Franz Anton Mesmer, der wohl berühmteste Arzt seiner Zeit, soll das Wunderkind Maria Theresia Paradis heilen, eine blinde Pianistin und Sängerin. In ihrer hochmusikalischen Sprache nimmt Alissa Walser uns mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
"Mesmerizing"... 18. Januar 2012
Von Dr. M.
Format:Taschenbuch
...so wird in der englischen Sprache noch heute ein Werk genannt, das einen förmlich elektrisiert, ein Attribut, das durchaus auch für dieses Buch gilt, das es nun in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.

Das englische Wort leitet sich ab von Franz Anton Mesmer (1734-1815), dem Begründer einer Heilkunderichtung, die man als Magnetismus des lebenden Wesens (animalischen Magnetismus) bezeichnet. Heute wird sie nach ihrem Erfinder auch als Mesmerismus bezeichnet und gilt als parapsychologische Heilungsmethode. Sie hat sich nicht als der große medizinische Durchbruch erwiesen, der ihrem Begründer seinerzeit - auch davon handelt das Buch - in grandioser Selbstüberschätzung vorschwebte, sondern ist eine esoterische Lehre für Sonderlinge und Okkultisten geblieben. Alissa Walser arbeitet den Fall der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis auf, Tochter eines angesehenen Wiener Hofsekretärs, die 1877 in die Obhut des Arztes kommt, weil ihre Eltern sich eine große künstlerische Karriere für die Tochter erhoffen, die mit drei Jahren über Nacht erblindet ist. Die Blindheit gilt ihnen als Hindernis für den musikalischen Erfolg. Tatsächlich schlägt die bizarre Therapie, Streichbewegungen, Musik und ein magnetischer Zuber, an. Doch parallel zur Wiedererlangung der Sehkraft hat die Musikerin ihre Fähigkeit zum Klavierspielen eingebüßt, was seitens der etablierten Ärzteschaft prompt zur Infragestellung des therapeutischen Erfolgs führt. Zum größten Gegner entwickelt sich Mesmers Lehrmeister und Doktorvater Professor Störck, der Mesmer zum Scharlatan erklärt, sich selbst aber zuvor bei der Behandlung der jungen Paradis nicht gerade mit Ruhm bekleckert, das Mädchen mit Elektroschocks nachgerade gefoltert hat. Doch der Verlust ihrer musikalischen Gabe diskreditiert Mesmer und seine Methode. Die Eltern fordern ihr Kind, gegen dessen erklärten Willen, zurück, Störck behauptet sogar, das Mädchen habe seine Sehkraft überhaupt nicht zurückgewonnen, alles sei ein Schwindel. Für andere, oft unheilbar Kranke, die das Haus des umstrittenen Mediziners förmlich belagern, wird er hingegen zu einer Art Messias, einem "Mesmerssias" gewissermaßen.

Einen kurzen Gastauftritt hat auch Mozart (am Anfang war die "Nachtmusik"), dessen Kunst ähnlich wie Mesmers Methode bei vielen Zeitgenossen noch auf Skepsis trifft. Ein Hund, der dem Roman eine entzückende Schlusspointe verleiht, gehört ebenfalls zum festen Inventar des Romans. In Nebenhandlungen geht es um die nicht gerade vorbildliche Hausangestellte Kaline, die sich von einem der Patienten im Haus des Arztes schwängern lässt und sich mich Maria Theresia anfreundet, sowie um Mesmers Beziehung zu seiner Frau Anna, die sich von ihrem zweiten Mann oft nicht genügend in seine Forschungen eingeweiht fühlt. Sie hofft, dass etwas vom Ruhm ihres Mannes auf sie abfällt und sie sich so ein mondänes Leben sichern kann. Mesmer fühlt sich nach dem Fortgang Maria Theresias indes so sehr von den führenden Wiener Zirkeln angefeindet, dass er die Stadt verlässt in dem Glauben, nur in Paris, Europas heimlicher Hauptstadt, die nötige Anerkennung finden zu können. Sieben Jahre später kommt es zu einem Wiedersehen zwischen der Patientin und ihrem berühmten Arzt: Maria Theresia ist aus pragmatischen Gründen zur Blindheit zurückgekehrt und steht im Zenit ihrer Karriere. Sogar Ludwig XVI. und Marie Antoinette wollen sie spielen sehen. Mesmer hat unterdessen zahlreiche Anhänger um sich geschart und kämpft weiter um Anerkennung.

Wie ihr Vater verhackstückelt Alissa Walser komplexe Sätze zu Satzfragmenten, macht Nebensätze zu Hauptsätzen und zieht indirekte Rede dem direkten Dialog vor. Nicht jedem wird das gefallen. Der Drahtseilakt zwischen sprachlicher Raffinesse und Gekünsteltheit ist riskant, doch die Autorin stürzt selten ab. Ihr gelingen oft wunderbar doppelbödige, pointierte Sätze. In herrlich komponierten Miniaturen, jedes Kapitel ist ein kleines Kunstwerk für sich, lässt Alissa Walser die Epoche der Aufklärung wieder auferstehen, deren Fortschrittsgläubigkeit und Wissenschaftshörigkeit aus heutiger Sicht fast rührend wirkt. Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, hat eben auch viel Blödsinn sprießen lassen. Zwar ergreift die Autorin in ihrem Roman ziemlich eindeutig Partei für die Figur des charismatischen, aber auch versponnenen Arztes und handelt auf 250 Seiten, im Vergleich zu Daniel Kehlmann in seiner Vermessung der Welt etwa, erstaunlich wenig äußere Ereignisse ab. Dass sie einer faszinierenden, heute fast vergessenen Figur der deutschen Geistesgeschichte Leben eingehaucht und dem Leser auf diese Weise zugleich deren Zeit, ihre Prämissen, Moden und Konventionen erschlossen hat, hebt diesen Roman jedoch weit aus dem Durchschnitt heraus.

Am meisten Lob verdient die Autorin freilich für die sich unweigerlich nach der Lektüre einstellende Erkenntnis, dass es noch etwas anderes gibt zwischen den Geschlechtern als die in der Literatur so furchtbar überstrapazierte ästhetisch-sinnliche Anziehung, die man auch Verliebtheit nennt, nämlich: Fluidum!
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Dr. Ursula Kempf TOP 100 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Franz Anton Mesmer (1734 - 1815) war deutscher Arzt, Heiler und Begründer der Lehre vom animalischen Magnetismus, auch Mesmerismus genannt. Dabei handelte es sich um die Anwendung magnetischer Kräfte auf den menschlichen Körper zur Heilung der unterschiedlichsten Krankheitsbilder. Mesmer selbst hoffte, mit seiner Theorie, die Medizin zu revolutionieren. Mesmers Lehre war jedoch Zeit seines Lebens umstritten und wissenschaftlich unhaltbar. Von Kollegen wurde der Wiener Skandalarzt als wahnhafter Scharlatan beschimpft. Eine seiner berühmtesten Patientinnen war die seit ihrem dritten Lebensjahr blinde Sängerin und Komponistin Maria Theresia Paradis (1759 - 1824). Ihr Vater war kaiserlich-königlicher Hofbeamter mit entsprechendem Einfluss. Die beiden begegneten einander in Wien, wo ihr Mesmer Heilung versprach.

Die Behandlung der "Jungfer Paradis", die scheinbare Besserung der Beschwerden durch die Methoden des animalischen Magnetismus und die Beendigung der Therapie durch Vater Paradis verwebt Alissa Walser zu einem sprachlich elektrisierenden, kunstvollen Roman. Dabei hat sie weniger eine Biografie über den skandalumwitterten Wunderheiler im Sinn als vielmehr eine Seelenschau zwischen Arzt und Patientin. Behutsam krabbelt Alissa Walser hinter die glatte Fassade der beiden Ausnahmetalente. Je näher sie sich kennenlernen, umso mehr Gemeinsamkeiten entdeckt das ungleiche Paar: die Liebe zur Musik, aber auch die Unfähigkeit, Worte für ihre ureigensten Empfindungen, Träume, Wünsche zu finden. Sie scheinen seelenverwandt.

Gemeinsam ist ihnen auch das fremdbestimmte Leben. Mesmer, ihrem zweiten Mann, verweigert Anna den Nachwuchs. Die Patienten sollen ihre Kinder sein. Mit ihren wechselhaften Launen beherrscht sie seinen Alltag. Währenddessen wird Maria Theresia von ihren Eltern wie eine Marionette gehalten, ausstaffiert wie eine Puppe ... "wie eine Torte auf Reisen".

"Sie ist bleich, mit Wachs geschminktes Wachs. Verkleidete Verkleidung. Eine Puppe. Jetzt schmeckt er den Atem der Puppe ... Der Puder der Puppe auf seiner Zunge?"

Das junge Mädchen ist mit einer außergewöhnlichen Begabung gesegnet. Doch für eine professionelle Karriere, die sich in meinen Augen der Vater mehr wünscht als die Tochter braucht es mehr.

"Wer nicht sehen kann, wird auch nicht gesehen. Wer nicht gesehen wird, wird auch nicht gehört. Wer nicht gehört wird, lebt nicht."

Unter einem grotesken Haargebirge aus Glöckchen, Bändern und Schleifen entdeckt der Magnetiseur zahlreiche Narben auf dem kahlgeschorenen Kopf seiner Patientin. Nachdem Mesmer mit Schrecken Einblick in das erlebte Martyrium mit tausendfachen Stromstößen und anderer zweifelhafter Medikationen aus Quecksilber und Schwefel gewonnen hat, erwidert er dem Hofbeamten lakonisch: "Heutzutage müsse ein Kranker vor allem den Arztbesuch überstehen." Aus heutiger Sicht ist diese Aussage so aktuell wie wahr. Es scheint sich nicht viel verändert zu haben in dreihundert Jahren Medizingeschichte.

Mit viel Verständnis, Respekt und Achtsamkeit vermag er der geschundenen Künstlerseele allein durch seine Worte geholfen haben. Seine Magnete waren es doch wohl eher nicht. Auch das ist heute nicht anders. Ein guter Arzt vermag manchmal durch Vertrauen, Hoffnung und Mut im Gespräch mit einem Patienten mehr Selbstheilungskräfte zu aktivieren als die modernste Apparatur und die aufwendigste Operation. (Und das sage ich als Chirurg.)
"Jede angenehme Hand ist eine mögliche Freundin." Auch das ist eine interessante Aussage der Gepeinigten. Sie beschreibt hier eindringlich die Kraft der menschlichen Berührung.

"Beamte sind alle gleich. Je pünktlicher und parfümierter man ihnen entgegentritt, desto gnädiger wird man empfangen. Gnädiger als gnädig. Am allergnädigsten."

Solche Sätze sorgen für ein gelegentliches Schmunzeln und steigern den Unterhaltungswert der Lektüre enorm.

Empört bricht Vater Paradis wird die Behandlung seiner Tochter nach ersten erzielten Erfolgen ab, da das Wunderkind mit zunehmender Sehkraft die künstlerische Begabung zu verlieren scheint. Die Schulmediziner bei Hof fühlen sich bestätigt und so muß Wiens bekanntester Arzt gedemütigt und geschlagen die Stadt verlassen. Wer weiß, wie seine Karriere verlaufen wäre, hätte er nicht gerade dieses berühmte Wunderkind behandelt. Auch da sehe ich durchaus Parallelen zu unserer Gegenwart. Heutzutage vermag es der Einfluss und die Macht der Medien darüber zu entscheiden, ob ein Mensch erfolgreich und berühmt wird oder nicht. Auch heute ist es manchmal weniger das Talent und das Können als vielmehr das Aufbauschen bzw. Unterlassen desselben der Presse.

Die 49-jährige Alissa Walser ist die zweitjüngste Tochter von Martin Walser. Neben dem Studium der Malerei in New York und Wien hat sie mit dem Schreiben zunächst einiger Erzählungen begonnen. 1992 wurde sie für ihre Kurzgeschichte Geschenkt" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. "Am Anfang war die Nacht Musik" ist ihr erster Roman. Mir hat die Lektüre dieser sprachlich elektrisierenden Arzt-Patienten-Geschichte um zwei real existierende historische Persönlichkeiten ausgesprochen gut gefallen.
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