...so wird in der englischen Sprache noch heute ein Werk genannt, das einen förmlich elektrisiert, ein Attribut, das durchaus auch für dieses Buch gilt, das es nun in einer preiswerten Taschenbuchausgabe gibt.
Das englische Wort leitet sich ab von Franz Anton Mesmer (1734-1815), dem Begründer einer Heilkunderichtung, die man als Magnetismus des lebenden Wesens (animalischen Magnetismus) bezeichnet. Heute wird sie nach ihrem Erfinder auch als Mesmerismus bezeichnet und gilt als parapsychologische Heilungsmethode. Sie hat sich nicht als der große medizinische Durchbruch erwiesen, der ihrem Begründer seinerzeit - auch davon handelt das Buch - in grandioser Selbstüberschätzung vorschwebte, sondern ist eine esoterische Lehre für Sonderlinge und Okkultisten geblieben. Alissa Walser arbeitet den Fall der blinden Pianistin Maria Theresia Paradis auf, Tochter eines angesehenen Wiener Hofsekretärs, die 1877 in die Obhut des Arztes kommt, weil ihre Eltern sich eine große künstlerische Karriere für die Tochter erhoffen, die mit drei Jahren über Nacht erblindet ist. Die Blindheit gilt ihnen als Hindernis für den musikalischen Erfolg. Tatsächlich schlägt die bizarre Therapie, Streichbewegungen, Musik und ein magnetischer Zuber, an. Doch parallel zur Wiedererlangung der Sehkraft hat die Musikerin ihre Fähigkeit zum Klavierspielen eingebüßt, was seitens der etablierten Ärzteschaft prompt zur Infragestellung des therapeutischen Erfolgs führt. Zum größten Gegner entwickelt sich Mesmers Lehrmeister und Doktorvater Professor Störck, der Mesmer zum Scharlatan erklärt, sich selbst aber zuvor bei der Behandlung der jungen Paradis nicht gerade mit Ruhm bekleckert, das Mädchen mit Elektroschocks nachgerade gefoltert hat. Doch der Verlust ihrer musikalischen Gabe diskreditiert Mesmer und seine Methode. Die Eltern fordern ihr Kind, gegen dessen erklärten Willen, zurück, Störck behauptet sogar, das Mädchen habe seine Sehkraft überhaupt nicht zurückgewonnen, alles sei ein Schwindel. Für andere, oft unheilbar Kranke, die das Haus des umstrittenen Mediziners förmlich belagern, wird er hingegen zu einer Art Messias, einem "Mesmerssias" gewissermaßen.
Einen kurzen Gastauftritt hat auch Mozart (am Anfang war die "Nachtmusik"), dessen Kunst ähnlich wie Mesmers Methode bei vielen Zeitgenossen noch auf Skepsis trifft. Ein Hund, der dem Roman eine entzückende Schlusspointe verleiht, gehört ebenfalls zum festen Inventar des Romans. In Nebenhandlungen geht es um die nicht gerade vorbildliche Hausangestellte Kaline, die sich von einem der Patienten im Haus des Arztes schwängern lässt und sich mich Maria Theresia anfreundet, sowie um Mesmers Beziehung zu seiner Frau Anna, die sich von ihrem zweiten Mann oft nicht genügend in seine Forschungen eingeweiht fühlt. Sie hofft, dass etwas vom Ruhm ihres Mannes auf sie abfällt und sie sich so ein mondänes Leben sichern kann. Mesmer fühlt sich nach dem Fortgang Maria Theresias indes so sehr von den führenden Wiener Zirkeln angefeindet, dass er die Stadt verlässt in dem Glauben, nur in Paris, Europas heimlicher Hauptstadt, die nötige Anerkennung finden zu können. Sieben Jahre später kommt es zu einem Wiedersehen zwischen der Patientin und ihrem berühmten Arzt: Maria Theresia ist aus pragmatischen Gründen zur Blindheit zurückgekehrt und steht im Zenit ihrer Karriere. Sogar Ludwig XVI. und Marie Antoinette wollen sie spielen sehen. Mesmer hat unterdessen zahlreiche Anhänger um sich geschart und kämpft weiter um Anerkennung.
Wie ihr Vater verhackstückelt Alissa Walser komplexe Sätze zu Satzfragmenten, macht Nebensätze zu Hauptsätzen und zieht indirekte Rede dem direkten Dialog vor. Nicht jedem wird das gefallen. Der Drahtseilakt zwischen sprachlicher Raffinesse und Gekünsteltheit ist riskant, doch die Autorin stürzt selten ab. Ihr gelingen oft wunderbar doppelbödige, pointierte Sätze. In herrlich komponierten Miniaturen, jedes Kapitel ist ein kleines Kunstwerk für sich, lässt Alissa Walser die Epoche der Aufklärung wieder auferstehen, deren Fortschrittsgläubigkeit und Wissenschaftshörigkeit aus heutiger Sicht fast rührend wirkt. Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, hat eben auch viel Blödsinn sprießen lassen. Zwar ergreift die Autorin in ihrem Roman ziemlich eindeutig Partei für die Figur des charismatischen, aber auch versponnenen Arztes und handelt auf 250 Seiten, im Vergleich zu Daniel Kehlmann in seiner
Vermessung der Welt etwa, erstaunlich wenig äußere Ereignisse ab. Dass sie einer faszinierenden, heute fast vergessenen Figur der deutschen Geistesgeschichte Leben eingehaucht und dem Leser auf diese Weise zugleich deren Zeit, ihre Prämissen, Moden und Konventionen erschlossen hat, hebt diesen Roman jedoch weit aus dem Durchschnitt heraus.
Am meisten Lob verdient die Autorin freilich für die sich unweigerlich nach der Lektüre einstellende Erkenntnis, dass es noch etwas anderes gibt zwischen den Geschlechtern als die in der Literatur so furchtbar überstrapazierte ästhetisch-sinnliche Anziehung, die man auch Verliebtheit nennt, nämlich: Fluidum!