Franz Anton Mesmer (1734 - 1815) war deutscher Arzt, Heiler und Begründer der Lehre vom animalischen Magnetismus, auch Mesmerismus genannt. Dabei handelte es sich um die Anwendung magnetischer Kräfte auf den menschlichen Körper zur Heilung der unterschiedlichsten Krankheitsbilder. Mesmer selbst hoffte, mit seiner Theorie, die Medizin zu revolutionieren. Mesmers Lehre war jedoch Zeit seines Lebens umstritten und wissenschaftlich unhaltbar. Von Kollegen wurde der Wiener Skandalarzt als wahnhafter Scharlatan beschimpft. Eine seiner berühmtesten Patientinnen war die seit ihrem dritten Lebensjahr blinde Sängerin und Komponistin Maria Theresia Paradis (1759 - 1824). Ihr Vater war kaiserlich-königlicher Hofbeamter mit entsprechendem Einfluss. Die beiden begegneten einander in Wien, wo ihr Mesmer Heilung versprach.
Die Behandlung der "Jungfer Paradis", die scheinbare Besserung der Beschwerden durch die Methoden des animalischen Magnetismus und die Beendigung der Therapie durch Vater Paradis verwebt Alissa Walser zu einem sprachlich elektrisierenden, kunstvollen Roman. Dabei hat sie weniger eine Biografie über den skandalumwitterten Wunderheiler im Sinn als vielmehr eine Seelenschau zwischen Arzt und Patientin. Behutsam krabbelt Alissa Walser hinter die glatte Fassade der beiden Ausnahmetalente. Je näher sie sich kennenlernen, umso mehr Gemeinsamkeiten entdeckt das ungleiche Paar: die Liebe zur Musik, aber auch die Unfähigkeit, Worte für ihre ureigensten Empfindungen, Träume, Wünsche zu finden. Sie scheinen seelenverwandt.
Gemeinsam ist ihnen auch das fremdbestimmte Leben. Mesmer, ihrem zweiten Mann, verweigert Anna den Nachwuchs. Die Patienten sollen ihre Kinder sein. Mit ihren wechselhaften Launen beherrscht sie seinen Alltag. Währenddessen wird Maria Theresia von ihren Eltern wie eine Marionette gehalten, ausstaffiert wie eine Puppe ... "wie eine Torte auf Reisen".
"Sie ist bleich, mit Wachs geschminktes Wachs. Verkleidete Verkleidung. Eine Puppe. Jetzt schmeckt er den Atem der Puppe ... Der Puder der Puppe auf seiner Zunge?"
Das junge Mädchen ist mit einer außergewöhnlichen Begabung gesegnet. Doch für eine professionelle Karriere, die sich in meinen Augen der Vater mehr wünscht als die Tochter braucht es mehr.
"Wer nicht sehen kann, wird auch nicht gesehen. Wer nicht gesehen wird, wird auch nicht gehört. Wer nicht gehört wird, lebt nicht."
Unter einem grotesken Haargebirge aus Glöckchen, Bändern und Schleifen entdeckt der Magnetiseur zahlreiche Narben auf dem kahlgeschorenen Kopf seiner Patientin. Nachdem Mesmer mit Schrecken Einblick in das erlebte Martyrium mit tausendfachen Stromstößen und anderer zweifelhafter Medikationen aus Quecksilber und Schwefel gewonnen hat, erwidert er dem Hofbeamten lakonisch: "Heutzutage müsse ein Kranker vor allem den Arztbesuch überstehen." Aus heutiger Sicht ist diese Aussage so aktuell wie wahr. Es scheint sich nicht viel verändert zu haben in dreihundert Jahren Medizingeschichte.
Mit viel Verständnis, Respekt und Achtsamkeit vermag er der geschundenen Künstlerseele allein durch seine Worte geholfen haben. Seine Magnete waren es doch wohl eher nicht. Auch das ist heute nicht anders. Ein guter Arzt vermag manchmal durch Vertrauen, Hoffnung und Mut im Gespräch mit einem Patienten mehr Selbstheilungskräfte zu aktivieren als die modernste Apparatur und die aufwendigste Operation. (Und das sage ich als Chirurg.)
"Jede angenehme Hand ist eine mögliche Freundin." Auch das ist eine interessante Aussage der Gepeinigten. Sie beschreibt hier eindringlich die Kraft der menschlichen Berührung.
"Beamte sind alle gleich. Je pünktlicher und parfümierter man ihnen entgegentritt, desto gnädiger wird man empfangen. Gnädiger als gnädig. Am allergnädigsten."
Solche Sätze sorgen für ein gelegentliches Schmunzeln und steigern den Unterhaltungswert der Lektüre enorm.
Empört bricht Vater Paradis wird die Behandlung seiner Tochter nach ersten erzielten Erfolgen ab, da das Wunderkind mit zunehmender Sehkraft die künstlerische Begabung zu verlieren scheint. Die Schulmediziner bei Hof fühlen sich bestätigt und so muß Wiens bekanntester Arzt gedemütigt und geschlagen die Stadt verlassen. Wer weiß, wie seine Karriere verlaufen wäre, hätte er nicht gerade dieses berühmte Wunderkind behandelt. Auch da sehe ich durchaus Parallelen zu unserer Gegenwart. Heutzutage vermag es der Einfluss und die Macht der Medien darüber zu entscheiden, ob ein Mensch erfolgreich und berühmt wird oder nicht. Auch heute ist es manchmal weniger das Talent und das Können als vielmehr das Aufbauschen bzw. Unterlassen desselben der Presse.
Die 49-jährige Alissa Walser ist die zweitjüngste Tochter von Martin Walser. Neben dem Studium der Malerei in New York und Wien hat sie mit dem Schreiben zunächst einiger Erzählungen begonnen. 1992 wurde sie für ihre Kurzgeschichte Geschenkt" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. "Am Anfang war die Nacht Musik" ist ihr erster Roman. Mir hat die Lektüre dieser sprachlich elektrisierenden Arzt-Patienten-Geschichte um zwei real existierende historische Persönlichkeiten ausgesprochen gut gefallen.