Mittlerweile ist der Historismus als Kunstepoche dank der Wiederentdeckung der Industriearchitektur nicht mehr so verachtet. Bei Interesse an der Gründerzeitära sollte es doch nahe liegen, auch mal einen Bestsellerautor aus jener Zeit zu lesen. Paul Heyse war Ende des 19. Jahrhundert der Literaturstar und erhielt für sein Werk sogar den Literaturnobelpreis. Heute ist der Autor in Vergessenheit geraten. Nun gut, Heyse ist kein Thomas Mann oder Hauptmann, aber "Andrea Delfin" ist trotzdem eine Entdeckung gewesen: Es ist die leichte Lektüre, die man mal zwischendurch am besten am Strand oder im Zug schmökern will. Sprachlich schöner Stil, die Handlung dramatisch - ohne aber allzu viel Tiefgang zu haben. Die aufgezeigte Problematik ist auch nach einem Glas Rotwein noch verständlich. Als Novelle ist der Text auch nicht allzu lang(-atmig). Im Ergebnis ist "Andrea Delfin" weit unterhaltsamer und ehrlicher als manch amerikanischer Schinken, der sich heute an das Massenpublikum richtet. Zur Vermarktung fehlt eigentlich nur noch die Verfilmung durch die DEGETO oder die Produzenten der Pilcherserie. Mit Venedig hat "Andrea Delfin" den exotischen Ort und die Rache des Adligen an den Herrschenden der Lagunenstadt ist ein Sujet, das auch heute noch heute funktioniert.