"Menschsein, das heißt Mensch WERDEN."
André Gide
Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann un glühender Antifaschist, gehört, wenn auch nicht zu den größten, so zumindest zu den am meisten unterschätzten deutschen Schriftstellern des (frühen) 20. Jahrhunderts. Sein letztes Buch, eine Biographie von André Gide, ist ihm stilistisch und auch inhaltlich famos gelungen; er schafft es, einen äußerst beeindruckenden Geist vor uns auszubreiten, zumal er sich sehr gut im gideschen Werk auskennt, welches so natürlich zum Fixpunkt seiner Studie gerät. Über den Menschen Gide erfahren wir daher eher viel im (Gegen-)Bezug zu seinem Werk.
Leider ist gerade dieses Werk heute größtenteils in Vergessenheit geraten. Mal abgesehen von
Die Falschmünzer oder vielleicht noch
Die Verliese des Vatikans, ist alles entschwunden; vergessen sind solch wunderschöne kleine Bücher wie
Der Liebesversuch oder die Symbolik von
Die enge Pforte.
Und auch vergessen scheint ihr Schöpfer, der Mann, der wie kaum ein anderer die Dialektik und Problematik der Moderne durchlebte, das Moralische ergründete, das freie Leben jenseits von Gut und Böse pries (
Les Nourritures terrestres, den Kolonialismus erforschte, kurze Zeit dem Kommunismus angehörte und der trotz seiner langen Odyssee nie aufhörte nach Vollkommenheit zu streben: Le Paradis es toujours à refaire...
und der sein Leben lang trotz seines Kampfes gegen Institutionen wie die Kirche, seinem christlichen Glauben nie ganz entsagte und sein Leitmotiv in einem der wichtigsten Bibelzitate fand: "Den wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert, der wird es erhalten."
"Wie reich man wird, wenn man sich verschwendet!"
Klaus Mann
Dieses Buch ist nicht nur eine Gideeinführung, es ist auch Konfrontation und eine Reise. Wer diese Reise im vollen Genuss erleben will, sollte vielleicht ein paar französisch Kenntnisse mitbringen, da das Buch viele Originalzitate, die nicht übersetzt sind, enthält. Trotzdem würde ich dieses Buch empfehlen, allein schon auf Grund der beiden Persönlichkeiten denen wir hier begegnen und die uns beide einiges über das allgemeine Leben und Werden und über die menschliche Botschaft, aber auch über ihre Epoche zu berichten haben, die diese Botschaft nicht "Ensemble" getragen hat.
Gide war ein großer Mann, nach seiner eigenen Definition:
"Ein großer Mann hat nur einen Wunsch: So menschlich wie möglich - sei es selbst auf die Gefahr hin, gewöhnlich zu erscheinen. Gerade indem er dies tut, wird er - wie bewunderungswürdig! - auch seine Persönlichkeit durchaus entfalten. Wer sich aber vom allgemein Menschlichen auf die Enge des eigenen Ich zurückzieht, der verkümmert in grillenhafter Vereinsamung..."
Dies ist sicherlich nicht der einzige Standpunkt des "werdenden" Gides - die anderen finden sich in diesem Buch; man durchläuft sie fast sämtlich mit.
"Und um wenn sollte man sich die Mühe geben, wenn nicht um den Menschen. Er hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen."