Ein zeitloses Stück, das immer und immer wieder gelesen und von Neuem interpretiert werden kann... in jeder Hinsicht...
Vor etlichen Jahren, als ich dieses Stück als Pflichtlektüre in der Schule lesen mussste, empfand ich es vielmehr als eine Qual - als ein Vergnügen, genauso wie "Homo Faber". Doch spaeter an der Uni begann ich zu begreifen... Frisch hat mich mit seinen Werken regelrecht in seinen Bann gezogen! Und ich fing an, mich mit Frisch näher auseinander zu setzen und seine Werke regelrecht zu verschlingen.
In seinem Drama "Andorra", das Max Frisch in seinem Tagebuch als der "andorranische Jude" vorbehandelt, geht es um das Spiel zwischen Identität und Rolle. Es kommt jedoch zu keiner Individualisierung, sondern zu einem gesellschaftlichen Beschluss, zu einer Reihe von Vor-Urteilen und schließlich zur Identitätsberaubung, die Folge einer kollektiven Schuld werden. Die Welt wird als Modell dargestellt. Das sogenannte jüdische Schuldproblem wird schematisiert.
Die männliche Hauptfigur Andri, sowie die weibliche Hauptfigur Barblin befinden sich im Unwissen, dass sie Halb-Geschwister sind. Andri lebt im Glauben, dass sein Pflegevater, der Lehrer, ihn als Judenkind "von den Schwarzen" gerettet und groß gezogen hat. Andri wird als "Jude" abgestempelt, obwohl er gar keiner ist. Er wird immer wieder mit bestimmten Klischees seiner angeblich jüdisch-ethnischen Provinz konfrontiert. Er darf beispielsweise kein Tischler werden. Er liebt Barblin, die ihm verweigert wird, da sie seine Halbschwester ist. Alle machen sich ein falsches Bild von ihm, er wird nur von Vor-Urteilen umgeben und letztendlich fängt er an, sich diese Eigenschaften selbst einzubilden und spielt seine Rolle zu Ende. Andri wird seiner Identität beraubt.
"Andorra" ist ein Stück über die Manipulation der Menschen, es ist eine An-Häufung von Klischees, wie man zu sein hat, wenn man einer bestimmten ethnischen oder sozialen Klasse angehört.
"Die Hölle sind die andern", so heißt es in Sartres Stück "Geschlossene Gesellschaft". Zwischenmenschliche Beziehungen können manchmal teuflisch sein, vor allem, wenn man von den anderen abhängig ist und sich beeinflussen lässt, indem man auf ihr Vor-Urteil eingeht. Dann befindet man sich tatsächlich in der "Hölle". Besonders, wenn man gegen diese Vor-Urteile nicht ankämpft. Der Mensch ist nur "frei" bzw. findet seine wahre Identität, indem er individuell reagiert. Und genau das war Frischs Absicht in seinen Werken. Er versucht den Menschen zu individuellen Reaktionen zu bringen!!!