Diese Aussage des deutschen Philosophen wird des Öfteren in dem vorliegenden Buch "Anderwelten" von Gabriele Münnix, das Kindern ab zehn Jahren einen ersten Einstieg ins Philosophieren ermöglicht, zitiert. Kann und soll man bereits Kinder ans Philosophieren heranführen? Überfordert man sie damit nicht? Ist Philosophie nicht eher etwas für Erwachsene oder zumindest für Jugendliche?
Im Gegenteil. Philosophisches Nachdenken über sich und die Welt sowie sich darüber austauschen entspricht dem kindlichen Bedürfnis nach Erkundung und Aneignung von Wirklichkeit. Kinder suchen nach Orientierung im Leben, sie wollen wissen, wer sie sind und stellen existentielle Fragen. Sie stehen der Welt staunend gegenüber. Genau diese Haltung ist es, von der die Philosophie ausgeht.
"Eine fabelhafte Einführung ins Philosophieren" - so der Untertitel - hat Gabriele Münnix mit ihrem Buch geschrieben. Fabelhaft im Sinne von fantastisch oder großartig zum einen, da es viele Themen des alltäglichen Lebens in einer klaren und vor allem verständlichen Sprache aufgreift, die nicht von vornherein ausgrenzt und zum anderen, weil es aus philosophischen Fabeln, den sogenannten Philofabeln oder Nachdenkgeschichten besteht. Es "sind offene Geschichten", so die Autorin, "ohne die berühmte 'Moral von der Geschichte', in der man abschließend und ein für alle Mal erfährt, wie und was man zu denken hat." Antworten werden nicht vorgegeben und können dadurch dem jungen Leser als Denkanregungen dienen. Man kann dieses Buch aber auch nur als kuriose Geschichte lesen. Doch unweigerlich laden die in den Fabeln vorkommenden, sehr menschlichen Tiere, dazu ein, "sich in die unterschiedlichen Lebenswelten dieser Geschichten hineinzudenken und sie in ihrer Gleichnishaftigkeit zu deuten.", so Münnix. Die integrierten Differenzen zwischen Mensch und Tier geben immer wieder Anlass zu Überlegungen über Perspektiven. So werden die Kinder unweigerlich damit konfrontiert, "ihren ganz persönlichen Zugang zu den großen Fragen zu suchen."
Die Fabeln wiederum sind in eine komplexe Rahmengeschichte integriert, die aus einer drei Generationen übergreifenden Familiengeschichte und geistigen Abenteuern besteht. Die beiden jungen Helden, Phil und Feli, die ihre Ferien bei den Großeltern erleben, entdecken beim Stöbern auf dem Speicher des großelterlichen Hauses ein geheimnisvolles "Zauberbuch", das ein interessantes Rätsel enthält. Das Buch und die darin enthaltenen Fabeln bilden dabei den sogenannten roten Faden, der sich durch die ganze Geschichte zieht. Gleichzeitig wird immer wieder ein realistisches, humorvolles und sympathisches Bild der Beziehungen innerhalb der Großfamilie - zwischen den Paaren und über die Generationen hinweg - gezeichnet. Auch ein Überblick über die großen Philosophen des Altertums bis hin in die Gegenwart und deren grundlegende Ansichten ist enthalten.
Die nachfolgenden Auszüge einiger Themen und Fragestellungen sollen einen kleinen Einblick in das wunderbare Buch geben, dass nicht nur Kinder ansprechen wird, sondern parallel dazu auch für Erwachsene bzw. ältere Leser äußerst interessant und anregend ist:
"Es gab Dinge, die waren anders, als sie aussahen. Und woher konnte man dann wissen, was richtig war?"
"Wieso erfüllte so ein Duft [von frisch gebackenem Kuchen] einen eigentlich so mit Wohlgefühl? [...] Ist der Duft eigentlich für uns alle derselbe?"
"Wieso bin ich immer ich? [...] Wenn ich doch immer auch anders sein kann!"
"Was war Vergangenheit und was war Gegenwart?"
"Konnte es mehrere Wirklichkeiten geben?"
"Geht das Denken auf Kosten des Fühlens?"
"Weshalb braucht man Anerkennung? Wie kann man sie bekommen, ohne sich lächerlich zu machen?"
"Was ist überhaupt schön? Welche Schönheit braucht man? Weshalb?"
"Werden wir das, was wir werden sollen, oder können wir das selber bestimmen?"
"Wie ist es, wenn man stirbt?"
"Was ist Geist? Was ist Bewusstsein? [...] Welche Beziehung ist zwischen Körper und Geist?"
Fazit:
"Philosophie heißt in Wahrheit, von Neuem zu lernen, die Welt zu sehen, und insofern kann eine schlichte Erzählung - erzählte Geschichte - ebenso 'tief' die Welt bedeuten wie eine philosophische Abhandlung." Diesen Satz des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) hat Gabriele Münnix ihrem fabelhaften Buch vorangestellt.
"Anderwelten" zeigt, dass sich über viele Dinge philosophieren lässt. Denn gerade in unserer schnelllebigen Zeit mit ihren zunehmenden Krisen durch menschliches Versagen, einer allgemeinen Desorientierung und Orientierungslosigkeit, in der sich viele Menschen einfach nur treiben lassen, sich bloß anpassen und ihre Meinung aus dem Fernseher beziehen, sollte man sich von Zeit zu Zeit über die Prinzipien, nach denen Menschen ihr Leben aus eigener Überzeugung leben können, Gedanken machen.