1992 ist er gestorben - Willy Brandt, einer der wichtigsten Politiker der jungen Bundesrepublik Deutschland. Unbestritten ist seine politische Lebensleistung; die Ost-West-Verständigung und sein unablässiger Glaube daran, daß wieder zusammenkommen wird, was zusammen gehört, haben unser Land geprägt. Aber auch unrühmliche Erinnerungen beschleichen den Zeitgenossen: der Radikalenerlaß mit dem Berufsverbot, der Zehntausenden politisch engagierter Menschen den Weg in den erlernten Beruf verweigerte und etliche Skandale.
Willy Brandt war offenbar ein Mensch, der sich selbst und vor allem seine Vergangenheit mit Geheimnissen umgab und sie auch bis zu seinem Tod nicht lüftete. Selbst seinem Sohn Lars gegenüber nicht, der viele Jahre neben seinem Beruf als Maler Reden und Texte für seinen Vater schrieb und auch maßgeblich an Willy Brandts "Erinnerungen" mitarbeitete.
"Hätte man diesen Menschen von seinen Widersprüchen befreien wollen, wäre wenig von ihm übrig geblieben", schreibt Lars Brandt zu Beginn eines wunderbaren "Vaterbuches", das die Unnahbarkeit des Vaters einzufangen versucht in kurzen Texten, Erinnerungen, Anekdoten und literarischen Fußnoten.
Niemals hat Lars Brandt eine Umarmung seines Vaters erfahren, er war ihm nah beim gemeinsamen Fischen und meistens doch ferner als der unbekannte Passant auf der Straße. Lars Brandts Buch ist keine Abrechnung, auch keine "Nachgetragene Liebe" (Peter Härtling), es kommt völlig ohne Vorwürfe aus. Die Frauen in Brandts Leben, sicher immer ein besonderes Thema für die Söhne, werden überhaupt nicht erwähnt. Da nähert sich ein Sohn seinem Vater, und man spürt auf jeder Seite, er hat es zunächst einmal für sich selbst getan. Da werden keine Denkmäler gebaut und auch keine eingerissen.
Die Zwischentöne eines Lebens, das Hintergründige einer Vater-Sohn-Beziehung werden mit literarischen Texten, die manches Mal leuchten wie ein Kleinod, zum Klingen gebracht.
Ein empfehlenswertes Buch.