In der klassischen Rockmusik gibt es ein paar wenige Stilrichtungen die essentiell sind. Ohne Frage gehört Blues Rock dabei in die erste Reihe gestellt. Viele erstklassige Bands hinterlassen hier auch heute noch deutlichste Spuren, beschreiten aber alle Wege, die einem einzigen Stammbaum zuzuordnen sind: Dem britischen Blues Rock der 1960er Jahre!
Was mit Alexis Korner und den Yardbirds begann, wurde von den Stones, den Animals, Blind Faith verfeinert und von Cream, Humble Pie und Led Zeppelin perfektioniert und auf die Spitze getrieben. Wer immer sich heute dem Blues Rock verschreibt, wird an keiner dieser Bands (und auch ein paar nicht genannten) vorbei kommen!
Doch lassen wir die Vergangenheit erstmal ruhen, denn im Falle von diffizilen bis rauen Blues Rock (sprich also frühe Led Zepp, Cream, ect) gibt es nun aus USA eine Band zu vermelden, die sich nicht nur dieser hochklassigen Stilrichtung verschrieben hat, sondern dazu noch eine ordentliche Schaufel Classic Rock drauf packt und das Ganze mit einer Handvoll "Southern-Superphosphat" düngt. Zudem hat die Band einen Frontmann in ihren Reihen, dessen Organ dem eines Robert Plant täuschend ähneln möchte, ohne dabei aber gar zu sehr zu krähen. The Parlor Mob nennt sich die Truppe nach einer berühmt-berüchtigten New Yorker Gang der 1850er Jahre und sie bietet mit der Stimme von Mark Melicia wesentlich mehr Verknüpfungspunkte zu Led Zeppelin, als es die Band mit ihrem akribisch ausgefeilten und zugleich auch lockeren Musikstil eigentlich möchte.
"And You Were A Crow" nennt sich die Debütscheibe dieser jungen Band aus Red Bank/New Jersey zweideutig und es ist, ohne Übertreibung, eins der besten Debüts der letzten zehn Jahre. Waren The Muggs mit ihrer "On With The Show" (Rezi folgt demnächst) zu Beginn 2009 schon ein echter Kracher, so ist der, in fast doppelter Zahl agierende, Parlor Mob dazu in etwa ein Unterschied, wie er größer nicht sein konnte. Damit möchte ich den (fantastischen) Muggs in keinster Weise ans Zeug flicken, aber ihre Möglichkeiten als Trios sind halt doch eher begrenzt. Das wiederum nutzt der (noch fantastischere) Parlor Mob als Quintett gnadenlos aus und bläst dem Hörer einen Sound um die Ohren, der sich gewaschen hat. Stilistisch sind die beiden Bands an sich gar nicht so weit auseinander. Dennoch unterscheidet sich der schwere Motown Blues vom eher Florett-gefochtenen Blues Rock aus New Jersey. So gesehen stellen die beiden Bands derzeit also zwei höchstinteressante Pole innerhalb der weltweiten Blues Rock Szene dar!
Bleiben wir aber beim Parlor Mob und "And You Were A Crow". Schon beim Opener "Hard Times" fällt der enorm transparente Sound in Verbindung mit einem Mördergroove auf und lässt den Hörer automatisch die Personendaten der Rhythmusabteilung suchen. Wenn also ein Drummer, wie Sam Bey, der eigentliche Initiator einer solchen Band ist, dann kann man gewiss sein, dass sich der das (Rhythmus-) Heft nicht mehr aus der Hand nehmen lässt. Bey besticht mit einem wunderbar differenzierten, leicht gerührten bis geradezu gewalttätigen Drumming und unterfüttert damit nicht nur seine Gitarristen sondern auch die Vokal-Akrobatik seines Frontmannes. Ich gebe mich nur selten irgendwelchen Spekulationen hin, aber mit Sam Bey wächst definitiv ein Drummer heran, dem einmal dieselbe Schuhgröße passen wird, die Moonie, Bonzo oder Cozy Powell trugen. Dieser Kerl hat Format; keine Frage!
Spätestens bei Nummer 2, dem enorm retro-lastigen "Dead Wrong" findet sich der Hörer in die Frühsiebziger zurück katapultiert. Bei diesem Sound winken natürlich schon mal Page und Plant herüber; aber lasst sie ruhig winken, The Parlor Mob machen, auch wenn mal Bezüge zu Led Zeppelin, Cream oder Humble Pie auftauchen, letztlich ihr ureigen Ding.
Als wenn sie diese Worte manifestieren wollten, kitzeln sich die Jungens ein schlichtweg geniales "Everything You Breathing For" aus den Handgelenken. Page würde, hörte er es, jetzt nur noch säuerlich lächeln, während Plant das Grinsen im Hals stecken bliebe. Von "Erich Clapton", der seit bald 40 Jahren vergessen hat, wie zielsicheres, aggressives Gitarrenspiel zu klingen hat, möchte ich hier gar nicht anfangen. Tatsächlich ist es so, dass The Parlor Mob den Spieß, der ja meist darauf zielt, möglichst so zu klingen, wie es die alten Heroen mal taten, einfach umdrehen und dabei auf die Altvorderen mit einem Mördersound und perfekt arrangierten Kompositionen eindreschen, dass sich, bleiben wir ruhig bei Led Zepp und Erich, die grau gewordenen Herren demnächst endgültig zur Ruhe setzen werden. Verdient zur Ruhe setzen, wohlgemerkt!
Aber die junge Band aus New Jersey kanns auch filigran! "When I Was An Orphan" ist eine fantastische, fast schon in die Roots Rock Ecke drängende Nummer mit hohem Akustikanteil, klagendem Gesang und eindringlich-nachdenklichem Text.
Ruhig und zerbrechlich bleibt es mit dem schaurig-schönen "Angry Young Girl". Es ist erstaunlich, welche Facetten hier zu Tage treten und allein wegen solcher Tracks haben sich die Jungens vom Parlor Mob einen Lorbeerkranz verdient!
Wild und laut wird es, wie könnte es anders sein, mit dem stampfend-bösen ""Carnival Of Crows". Melicia's aggressiver Gesangsstil, die beißenden Chöre und schneidenden Gitarren; in keinem Song könnten sie besser zu Tage treten als hier! Selbst der krächzende Ausklang des Songs ist mehr als nur ein Gimmick. Hier sind fünf Kreativköpfe zu Gange, die uns ganz bestimmt noch eine Menge Freude bereiten werden. Nicht nur mit einer Fasenacht der Krähen!
Unter die gleiche Rubrik wie seinen Vorgänger kann man "Real Hard Headed" packen. Auch hier sind es aggressive Vokalparts, die mit bösen Gitarren und unnachgiebigen Drumming gepaart werden. Wenngleich hier auch mal eine Harp dazwischen zwitschert und die "A-aaah-Chöre" ein wenig an DEEP PURPLEs "Child In Time" erinnern (wobei ich mir fast sicher bin, dass das kein Zufall ist), bleibt nach der Nummer nichts weiter als eine brennende Hütte...
Mit "Tide Of Tears" drehen The Parlor Mob dann endgültig auf und zeigen, dass es, außerhalb manches genialen 1970er Blues Rock Longtracks, auch heute noch möglich ist, 9-Minuten Nummern zu schreiben, die nicht eine Sekunde eintönig oder gar langweilig wirken. Kurzum: "Tide Of Tears" ist ein Masterpiece modernen Blues Rocks! Die Nummer könnte doppelt so lang sein ohne auch nur ein bisschen an Spannung zu verlieren. Getragen und schwer, eindrucksvoll-bewegend, gleichsam wütend, mörderisch, nervzehrend und zuallerletzt auch glückselig machend; es gibt keine Stimmungslage, die sie nicht bedient! Ich wüsste in den letzten 10 Jahren nicht, wann mir ein solcher Song untergekommen wäre und ziehe meinen Hut vor dieser Kreativität, dieser absoluten Authentizität und Musikalität!
Von absolut gleichrangiger Qualität ist das folgende, unglaublich schleppende "My Favorite Heart To Break"! Da gehen selbst einem alten Knochen wie mir die Superlativen aus. Das ist Musik, die man kaum noch beschreiben kann; man muss sich von ihr tragen lassen, sie fühlen und erleben oder, besser noch, leben!
Mir stellt es während jeden Hördurchgangs geradezu die Haare auf und ich bin versucht, noch vor dem Ende des Reviews "And You Were A Crow" als wertvollsten Tonträger des neuen Jahrtausends zu feiern! Dass ist in der Tat eine der Scheiben, wie sie nur alle Dekaden mal erscheint. Ein Monument!
Bleiben wir aber bei den Songs: Das folgende "Bullet" haut zum Ende hin nochmal so richtig auf den Tisch! Pumpend, aggressiv, fordernd zehrt der Song am Nervengewand seines Hörers, treibt in in schwindelnde Höhen bis er regelrecht nach Luft ringt und lässt ihn dann in dieses weite, tiefe Meer der Tränen fallen und darin treiben, bis dieses Spektakel Namens "And You Were A Crow" sein Ende findet!
Bleibt, als weiterer und letzter Höhepunkt, die ein wenig in Southern-Gefilden wildernde, herausragende Akustik-Nummer "Can't Keep No Good Boy Down"! Auch dieser fantastische Song ist nur schwer in Worte zu fassen. Einfach genial oder genial einfach... ich weiß es nicht.
Man muss ihn hören und: Leben!
Fazit: Nach jedem Hördurchgang bleibt, obwohl nun mindestens schon zwanzig Mal und mehr gehört, nur Staunen. Staunen über eine Band, wie es sie in dieser Form und Kreativität schon lange nicht mehr gab. Einer Band, die, wie aus dem Handgelenk, einen aufregenden, nervzehrend-schönen, ja bisweilen tödlich-süßen Song nach dem anderen hervor zaubert. Die sich weder um irgendwelche Stilrichtungen noch Etikette kümmert, die genau dass macht, was ihre Kreativköpfe ausbrüten ohne sich um jedwelche zeitgeistigen Strömungen zu kümmern.
Wenn diese fünf Jungens am Ball bleiben und die Qualität ihrer Songs halten können, dann steht uns hier was ganz Großes ins Haus. Und wenn das die Zukunft der Rockmusik ist, dann wird mir um sie nicht ein bisschen bange!
"And You Were A Crow" ist m.A. nach eines des großartigsten Alben der vergangenen zehn Jahre. Wenn nicht sogar das Größte! Ein Album das regelrecht süchtig macht. Dass aber auch eine nicht sichtbare, ja bedrohlich große Gefahr in sich birgt. Eine Gefahr die sich schleichend und unbemerkt in deine Hirnwindungen bohrt, die deine Stimme versagen und dir imaginäre, schwarz glänzende Federn wachsen lässt!
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