Es ist keine leichte Kost. Aber wer sich darauf einlässt, kann nur gewinnen.
Der gute Neal lässt sich zunächst 200 Seiten Zeit, mit unglaublicher Detailtiefe eine schlüssige, geschlossene Welt um seinen Ich-Erzähler aufzubauen. Dieser ist 19 Jahre alt und lebt in einer fernen, jedoch nicht allzu fremden Welt in einer Art Kloster. Kloster insofern, als strenge Regeln herrschen und eine asketische Lebensweise praktiziert wird; jedoch gilt die geistige Beschäftigung nicht dem Erkennen von Gott, sondern dem Studium der Wissenschaften. Man denke sich ein abgeriegeltes Gemäuer voller Wissenschaftsmönche, die über philosophischen, physikalischen und astronomischen Problemen brüten. Mit der säkularen Welt interagieren sie nur wenige Tage im Jahr.
Innerhalb dieser klar begrenzten, überschaubaren Enge entfaltet sich nun ein Krimi, der in Spannung und Stimmung an "Der Name der Rose" erinnert: Kleine Hinweise, mit detektivischer Akribie entziffert, summieren sich zu Vorboten von Ereignissen, deren globale Tragweite erst nach und nach klar wird.
So nimmt das Buch (ab ca. Seite 200) langsam Fahrt auf, bis man (ab ca. Seite 300) völlig gefesselt ist. Immer schneller treffen den Erzähler die Schicksalsschläge, immer wieder erfährt seine Lebensweise Erschütterungen. Schließlich erweisen sich die Mauern des Klosters als zu eng für die Lösung dieses Problems und das Ausharren und gedankliche Durchspielen von Möglichkeiten wandelt sich zu einer Odyssee, die quer über den Planeten und sogar bis ins Weltall führt.
Die zwei hervorstechenden Merkmale des Buches sind:
Erstens philosophische und mathematische Gedankengänge, die nachzuvollziehen durchaus intellektuell reizvoll ist.
Zweitens hat Stephenson viel Freude an Linguistik - in den Handlungsverlauf sind immer wieder Wörterbucheinträge eingeschoben, die einzelne fiktive Wörter aus dem Sprachgebrauch der Protagonisten herausgreifen und sowohl ihre Bedeutung, als auch ihre Herleitung aus (fiktiven) älteren Sprachstufen erläutern. Zudem sind viele Bezeichnungen von Gegenständen verfremdet, in der Art, dass man ihren Ursprung noch erraten kann, sie aber dennoch Fremdartigkeit vermitteln. Beispiel: die Wissenschaftsmönche sind in "Kullen" gehüllt, umgürtet von einer "Kord".
Der Autor hat seine Sprache offensichtlich im Griff. Das Buch ist hervorragend geschrieben und das Lesen bereitet Freude. Manchmal blitzt zwar tief ironischer, schwarzer Humor hervor, der im Vergleich zum sonstigen Stil unpassend erscheint, aber das ist immerhin unterhaltsam.
Die Übersetzung, die aufgrund der Wortverfremdungen gewiss nicht einfach war, scheint mir sehr gelungen. Unangenehm sind lediglich ca. 10 offensichtlich amerikanische Redewendungen, die - ungenügend angepasst - im Deutschen sauer aufstoßen. Bei 1000 Seiten Umfang ist das jedoch zu verschmerzen.
Einen Stern Abzug gibt es:
1. Für das Ende, das ich persönlich etwas enttäuschend fand. Die Spannung des packenden und faszinierenden Mittelteils wird nicht aufrechterhalten und spätestens ab ca. Seite 800 ist das Ende klar.
2. Für ein konzeptionelles Problem: Die vielen wissenschaftlichen Dialoge der Protagonisten zielen darauf ab, Inhalte und Gedankengänge zu vermitteln. Die individuelle Ausarbeitung der Figuren, die anfangs noch liebevolle Gestaltung, fällt dabei mit fortschreitender Handlung immer geringer und nach meinem Empfinden leider ungenügend aus.
Dennoch sollten Freunde von intelligenter Unterhaltung hier unbedingt zugreifen.