Ich lese Stephenson gern, richtig gern aber erst seit Cryptonomicon. Stephenson hat in seinen Büchern immer von Ideen erzählt, so z.B. in The diamond age, das ja auch der Entwicklungsroman der weiblichen Hauptfigur ist, von Turing-Maschinen und Regelhaftigkeit. Das ist ihm in diesem Buch aber zur Vorlesung geraten. Im Cryptonomicon wurde das Verschlüsseln mE schon erheblich souveräner in die Handlung eingebunden. Auch die Barock-Trilogie kam für mein Gefühl ohne rein belehrende Abschnitte aus. Und das ist in Anathem wieder so. Das Buch ist zwar voller "Theorie", aber auf eine Weise, die Spaß macht.
In Anathem hat sich Stephenson eine Parallelwelt namens Arbre ausgedacht, in der Wissenschaftler und Gelehrte in Konventen zusammenleben. Die Trennung der Intellektuellen vom Rest der Gesellschaft dient dem Schutz beider: die Intellektuellen werden vor der Hexenjagd derjenigen geschützt, denen Wissenschaft und Erkenntnisfortschritt unheimlich ist, und die Gesellschaft wird ihrerseits vor einer Diktatur der Vernunft beschützt.
Die Regeln und Gemeinschaften der Konvente sind mönchsähnlich gezeichnet. (Man braucht eine Weile, sich in die vielen Vokabeln einzulesen, die so ein mönchischer Tagesablauf mit sich bringt.) Die Konvente bestehen aus Gruppen unterschiedlicher Exklusivität, wobei Exklusivität hier auch bedeutet: unterschiedlich großen Kontakts mit der übrigen Gesellschaft. Der Ich-Erzähler gehört zur Gruppe der "Zehner", d.h. er darf alle zehn Jahre mal für zehn Tage sehen, was draußen passiert. Es gibt auch "Hunderter" und "Tausender". Die Organisation und die Auswirkung von derlei Abgeschiedenheit ist eine der interessanten Spekulationen von Stephensons Buch.
Der Roman setzt natürlich an einem Punkt ein, wo das beschauliche Nebeneinanderherleben seit fast 1000 Jahren zu einem Wendepunkt kommt, der Ich-Erzähler ist dabei mittendrin. Wie Stephenson langsam seinen Plot entfaltet und dabei vom Thema 'Rätselhaftes Geschehen in der Abtei' hin zu 'Weltumspannende Science Fiction' wechselt, scheint mir gut gelungen. Manchem, der das Nachdenkliche mag, könnte am Schluss etwas viel Action im Buch sein: dem sei nur gesagt, dass Stephenson immer schon den Gelehrtenroman mit der Räuberpistole mischte (man denke nur an den Jack Shaftoe-Handlungsstrang der Barock-Trilogie), so auch hier. (Aber den reinen Actionliebhabern dürfte es viel zu lange dauern, bis das Buch Spannung aufgebaut hat!)
Fazit also: Stephenson hat es vermocht, sowohl ein wirklich neues Buch zu schreiben (statt den Liebhabern der Barock-Trilogie mehr vom Gleichen zu geben), als auch seine außerordentlichen Qualitäten (sprachliche Souveränität, Ideenreichtum) zu bewahren. Bin begeistert!