Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Hauptfigur des Romans, Fat Charlie Nancy, ist ein in Florida aufgewachsener Schwarzer, der seine Heimat verlässt, um zu seiner Verlobten Rosie nach London zu ziehen. Charlie führt ein in jeder Hinsicht gewöhnliches Leben, er arbeitet als Buchhalter in einer Künstleragentur. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als sein Vater stirbt, und Charlie nach Florida fliegt, um sich um seine Beerdigung zu kümmern.
In seiner Heimatstadt warten einige Überraschungen auf ihn -- wie sich herausstellt, war sein Vater die irdische Verkörperung des westafrikanischen Spinnengottes Anansi und hat außer Charlie noch einen weiteren Sohn hinterlassen. Charlie nimmt mit seinem unbekannten Bruder Spider Kontakt auf, der das ganze Gegenteil von ihm ist: gut aussehend, charmant, selbstbewusst und zu allem Überfluss auch noch mit magischen Fähigkeiten begabt. Spätestens als Spider Charlies Verlobte Rosie zu umgarnen beginnt, bereut dieser, seinen Bruder in sein Leben geholt zu haben und setzt nunmehr alles daran, ihn wieder loszuwerden.
Gaiman erzählt die archetypische Geschichte zweier ungleicher Brüder und das mit soviel Witz und Fabulierfreude, dass der Leser nur noch den Atem anhalten kann. Nicht von ungefähr verweist Gaiman auf P. G. Wodehouse, Throne Smith und Tex Avery als Künstler, die ihn bei diesem Werk beeinflusst haben. In typischer Gaimanscher Manier wird die Handlung des Romans außerdem von einem ganzen Labyrinth mythologischer Bezüge überlagert, die ihm zusätzliche Tiefe verleihen. Anansi Boys ist Gaimans bislang zugänglichster Roman -- ein Buch wie ein Cartoon, rasant, komisch und brillant erzählt! -- Steffi Pritzens
Pressestimmen
"Gaiman ist ein wandelnder Blog voll von jederzeit abrufbaren Anekdoten." (Der Spiegel )
"Neil Gaiman ist schon lange ein Popstar." (Vanity Fair )
Kurzbeschreibung
In der Fortsetzung von Neil Gaimans großem Epos „American Gods“ wird die Welt der Mythen und Götter zunächst wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Doch dann entpuppt sich Fat Charlies Vater als Spinnengott und aus dem Nichts taucht ein Bruder auf, der sich so gar nicht brüderlich benimmt. Und schon ist man in einem herrlich unterhaltsamen magischen „Horror-Thriller-Geister-Romantik-Comedy-Familien-Epos“ gefangen, mit dem Gaiman seinen Ruf als einzigartiges Genie der Literatur untermauert.
Ausgezeichnet als bester Fantasy-Roman des Jahres bei den „British Fantasy Awards“ 2006.
Klappentext
Stephen King
"In den USA ist Neil Gaiman ein Superstar."
buchreport express
"Ein Autor von unglaublicher Vorstellungskraft."
William Gibson
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
IN DEM ES HAUPTSÄCHLICH UM NAMEN UND FAMILIENVERHÄLTNISSE GEHT
ES BEGINNT, WIE ES JA MEISTENS DER FALL IST, MIT EINEM LIED. Im Anfang waren schließlich die Worte, und dazu gab es auch gleich eine Melodie. So wurde die Welt geschaffen, so wurde das Nichts geteilt, so kamen sie alle in die Welt: die Landschaften und die Sterne und die Träume und die kleinen Götter und die Tiere.
Sie wurden gesungen.
Die großen Tiere wurden ins Dasein gesungen, nachdem der Sänger mit den Planeten und den Hügeln, den Bäumen, den Meeren und den kleineren Tieren fertig war. Die das Dasein begrenzenden Klippen wurden ersungen, die Jagdgründe und die Dunkelheit.
Lieder sind dauerhaft. Sie währen ewig. Das richtige Lied kann einen großen Herrscher zum Gespött machen, kann ganze Dynastien stürzen. Ein Lied kann noch bestehen, nachdem die Ereignisse und Menschen, von denen es handelt, längst zu Staub zerfallen, nur noch ferne Träume sind. Das ist die Macht der Lieder.
Es gibt noch mehr, was man mit Liedern anfangen kann. Sie bauen nicht nur Welten oder erschaffen neues Leben. Fat Charlie Nancys Vater zum Beispiel benutzte sie einfach nur, um gepflegt einen draufzumachen und einen, wie er hoffte, beziehungsweise mit einiger Sicherheit erwartete, angenehmen und geselligen Abend zu verleben.
Bevor Fat Charlies Vater die Bar betreten hatte, war in dem Barkeeper die Überzeugung gereift, dass der ganze Karaoke-Abend sich zu einer deftigen Pleite entwickeln würde. Aber dann war der kleine alte Mann in den Raum stolziert und an dem Ecktisch gleich neben der improvisierten Bühne vorbeigekommen, an dem mehrere blonde Frauen mit frischen Sonnenbränden und dem typischen Touristinnenlächeln saßen. Er sah sie an und tippte sich an den Hut, denn, fürwahr, er trug einen Hut, einen makellosen grünen Filzhut, und dazu zitronengelbe Handschuhe, und dann trat er an ihren Tisch. Sie kicherten.
»Amüsieren Sie sich auch gut, meine Damen?«, fragte er.
Sie fuhren fort zu kichern und teilten ihm mit, ja, sie hätten viel Spaß, danke sehr, und sie seien hier im Urlaub. Er versicherte ihnen, es würde noch viel besser werden, sie sollten nur abwarten.
Er war älter als sie, viel, viel älter, aber er war charmant, der Charme in Person, wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, als Höflichkeit und gute Manieren noch etwas gegolten hatten. Der Barkeeper entspannte sich. Wenn man so jemand in der Bar hatte, dann würde es ein guter Abend werden.
Es gab Karaoke. Es gab Tanz. Der alte Mann stieg auf die improvisierte Bühne, um zu singen, nicht nur einmal, sondern zweimal an diesem Abend. Er hatte eine schöne Stimme und ein prachtvolles Lächeln, und seine Füße funkelten, wenn er tanzte. Das erste Mal, als er hinters Mikrofon trat, sang er »What’s New Pussycat?«. Als er sich anschickte, zum zweiten Mal zu singen, ruinierte er Fat Charlies Leben.
DICK WAR
FAT CHARLIE EIGENTLICH NUR EINIGE WENIGE JAHRE lang, von kurz bevor er zehn wurde – was die Zeit war, als seine Mutter der Welt verkündete, dass, wenn es eins gebe, mit dem sie endgültig fertig sei (und falls der betreffende Herr dagegen irgendwelche Einwände habe, könne er sich diese sonst wohin stecken), dann sei es ihre Ehe mit diesem alternden Bock, den sie fatalerweise einst geheiratet habe und den sie am nächsten Morgen verlassen werde, um irgendwohin weit weg zu gehen, und er solle ja nicht versuchen, ihr zu folgen – bis zum Alter von vierzehn, als Fat Charlie ein wenig in die Höhe schoss und mehr Sport trieb. Er war nicht fett. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war er nicht mal pummelig, sondern einfach nur an den Rändern ein bisschen weich geformt. Aber der Name Fat Charlie blieb an ihm kleben, wie ein Kaugummi an der Sohle eines Tennisschuhs. Vorstellen tat er sich als Charles oder, mit Anfang zwanzig, als Chaz oder schriftlich als C. Nancy, doch es hatte alles keinen Zweck: der Name schlich sich ein, infiltrierte jeden neuen Abschnitt seines Lebens wie Kakerlaken, die sich, auch wenn die Küche noch so neu ist, in den Rissen und der Welt hinter dem Kühlschrank ausbreiten, und ob es ihm gefiel oder nicht – Letzteres war der Fall –, schon hieß er wieder Fat Charlie.
Es lag daran, das wusste er wider alle Vernunft, dass es sein Vater gewesen war, der ihm den Spitznamen gegeben hatte, und wenn sein Vater Dingen Namen verlieh, dann blieben diese haften.
Da war zum Beispiel der Hund von der anderen Straßenseite, in Florida, wo Fat Charlie aufgewachsen war. Ein kastanienbrauner Boxer, mit langen Beinen, spitzen Ohren und einem Gesicht, das aussah, als sei das Tier als Welpe mit dem Kopf voran gegen eine Mauer gerannt. Der Kopf war hoch aufgerichtet, ebenso der Stummelschwanz. Es handelte sich unverkennbar um einen Aristokraten unter den Vierbeinern. Er hatte an Hundeschauen teilgenommen. Er hatte Preise gewonnen, eine Rosette für die beste Zucht, eine Rosette für den Besten seiner Kategorie und sogar einen Hauptpreis für den »Best in Show«. Dieser Hund erfreute sich des Namens Campbell’s Macinrory Arbuthnot der Siebte, und wenn seine Besitzer in jovialer Stimmung waren, nannten sie ihn Kai. Dies dauerte so lange, bis eines Tages Fat Charlies Vater, während er vor der Haustür auf der klapprigen Hollywoodschaukel saß und sein Bier schlürfte, den Hund bemerkte, der im Garten der Nachbarn hin und her stolzierte, an einer Leine, die von einer Palme bis zu einem Zaunpfosten reichte.
»Was für ein trotteliger Hund«, sagte Fat Charlies Vater. »Wie dieser eine Freund von Donald Duck. Hey, Goofy.«
Und was eben noch ein mit Ehren überhäuftes Prachtexemplar gewesen war, sank plötzlich in sich zusammen. Fat Charlie kam es so vor, als würde er den Hund jetzt mit den Augen seines Vaters sehen, und, ja doch, verdammt, es war wirklich ein ziemlich doofer Hund, wenn man es genau bedachte. Ein Volltrottel praktisch.
Es dauerte nicht lange, da hatte sich der Name in der ganzen Nachbarschaft verbreitet. Campbell’s Macinrory Arbuthnot des Siebten Besitzer kämpften dagegen an, aber da hätten sie sich genauso gut auf eine Auseinandersetzung mit einem Wirbelsturm einlassen können. Völlig Fremde kamen vorbei, tätschelten dem einstmals stolzen Boxer den Kopf und sagten: »Hallo, Goofy, alter Knabe, wie geht’s?« Die Besitzer verzichteten anschließend darauf, ihn zu weiteren Hundeschauen anzumelden. Sie brachten es nicht übers Herz. »Sieht ein bisschen trottelig aus, der Hund«, sagten die Juroren.
Die Namen, die Fat Charlies Vater verteilte, hafteten. So war das eben.
Das war aber, was Fat Charlies Vater betraf, bei Weitem noch nicht das Schlimmste.
Es hatte im Verlauf seiner Kindheit so manchen Kandidaten für den Titel »Schlimmste Eigenschaft seines Vaters« gegeben: die lüstern umherschweifenden Augen und die ebenso abenteuerlustigen Finger, dies jedenfalls nach Auskunft der jungen Damen aus der Umgebung, die sich häufig bei Fat Charlies Mutter beklagten, worauf es jedes Mal Ärger gab; die kleinen schwarzen, von ihm als Stumpen bezeichneten Zigarillos, die er rauchte und deren Geruch sich an alles heftete, womit er in Berührung kam; seine Vorliebe für eine seltsam schlurfende Form des Stepptanzes, die, so Fat Charlies Vermutung, allenfalls mal eine halbe Stunde lang im Harlem der 20er Jahre angesagt gewesen war; seine vollkommene und unerschütterliche Unkenntnis der aktuellen Weltlage, verbunden mit der tief verwurzelten Überzeugung, dass Sitcoms im Fernsehen einem einen halbstündigen Einblick in das Leben und die Probleme echter Menschen verschafften. Keins dieser Dinge war für sich genommen das Schlimmste an seinem Vater, soweit es Fat Charlie betraf, wenn sie auch alle miteinander zu diesem Schlimmsten durchaus beitrugen.
Das Schlimmste an Fat Charlies Vater war schlicht und einfach dies: Er war peinlich.
Nun sind natürlich alle Eltern peinlich. Das liegt in der Natur der Sache. Eltern sind peinlich einfach dadurch, dass sie...
Auszug aus Anansi Boys. von Neil Gaiman , Karsten Singelmann. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
IN DEM ES HAUPTSÄCHLICH UM NAMEN UND FAMILIENVERHÄLTNISSE GEHT
ES BEGINNT, WIE ES JA MEISTENS DER FALL IST, MIT EINEM LIED. Im Anfang waren schließlich die Worte, und dazu gab es auch gleich eine Melodie. So wurde die Welt geschaffen, so wurde das Nichts geteilt, so kamen sie alle in die Welt: die Landschaften und die Sterne und die Träume und die kleinen Götter und die Tiere.
Sie wurden gesungen.
Die großen Tiere wurden ins Dasein gesungen, nachdem der Sänger mit den Planeten und den Hügeln, den Bäumen, den Meeren und den kleineren Tieren fertig war. Die das Dasein begrenzenden Klippen wurden ersungen, die Jagdgründe und die Dunkelheit.
Lieder sind dauerhaft. Sie währen ewig. Das richtige Lied kann einen großen Herrscher zum Gespött machen, kann ganze Dynastien stürzen. Ein Lied kann noch bestehen, nachdem die Ereignisse und Menschen, von denen es handelt, längst zu Staub zerfallen, nur noch ferne Träume sind. Das ist die Macht der Lieder.
Es gibt noch mehr, was man mit Liedern anfangen kann. Sie bauen nicht nur Welten oder erschaffen neues Leben. Fat Charlie Nancys Vater zum Beispiel benutzte sie einfach nur, um gepflegt einen draufzumachen und einen, wie er hoffte, beziehungsweise mit einiger Sicherheit erwartete, angenehmen und geselligen Abend zu verleben.
Bevor Fat Charlies Vater die Bar betreten hatte, war in dem Barkeeper die Überzeugung gereift, dass der ganze Karaoke-Abend sich zu einer deftigen Pleite entwickeln würde. Aber dann war der kleine alte Mann in den Raum stolziert und an dem Ecktisch gleich neben der improvisierten Bühne vorbeigekommen, an dem mehrere blonde Frauen mit frischen Sonnenbränden und dem typischen Touristinnenlächeln saßen. Er sah sie an und tippte sich an den Hut, denn, fürwahr, er trug einen Hut, einen makellosen grünen Filzhut, und dazu zitronengelbe Handschuhe, und dann trat er an ihren Tisch. Sie kicherten.
»Amüsieren Sie sich auch gut, meine Damen?«, fragte er.
Sie fuhren fort zu kichern und teilten ihm mit, ja, sie hätten viel Spaß, danke sehr, und sie seien hier im Urlaub. Er versicherte ihnen, es würde noch viel besser werden, sie sollten nur abwarten.
Er war älter als sie, viel, viel älter, aber er war charmant, der Charme in Person, wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, als Höflichkeit und gute Manieren noch etwas gegolten hatten. Der Barkeeper entspannte sich. Wenn man so jemand in der Bar hatte, dann würde es ein guter Abend werden.
Es gab Karaoke. Es gab Tanz. Der alte Mann stieg auf die improvisierte Bühne, um zu singen, nicht nur einmal, sondern zweimal an diesem Abend. Er hatte eine schöne Stimme und ein prachtvolles Lächeln, und seine Füße funkelten, wenn er tanzte. Das erste Mal, als er hinters Mikrofon trat, sang er »What's New Pussycat?«. Als er sich anschickte, zum zweiten Mal zu singen, ruinierte er Fat Charlies Leben.
DICK WAR
FAT CHARLIE EIGENTLICH NUR EINIGE WENIGE JAHRE lang, von kurz bevor er zehn wurde - was die Zeit war, als seine Mutter der Welt verkündete, dass, wenn es eins gebe, mit dem sie endgültig fertig sei (und falls der betreffende Herr dagegen irgendwelche Einwände habe, könne er sich diese sonst wohin stecken), dann sei es ihre Ehe mit diesem alternden Bock, den sie fatalerweise einst geheiratet habe und den sie am nächsten Morgen verlassen werde, um irgendwohin weit weg zu gehen, und er solle ja nicht versuchen, ihr zu folgen - bis zum Alter von vierzehn, als Fat Charlie ein wenig in die Höhe schoss und mehr Sport trieb. Er war nicht fett. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, war er nicht mal pummelig, sondern einfach nur an den Rändern ein bisschen weich geformt. Aber der Name Fat Charlie blieb an ihm kleben, wie ein Kaugummi an der Sohle eines Tennisschuhs. Vorstellen tat er sich als Charles oder, mit Anfang zwanzig, als Chaz oder schriftlich als C. Nancy, doch es hatte alles keinen Zweck: der Name schlich sich ein, infiltrierte jeden neuen Abschnitt seines Lebens wie Kakerlaken, die sich, auch wenn die Küche noch so neu ist, in den Rissen und der Welt hinter dem Kühlschrank ausbreiten, und ob es ihm gefiel oder nicht - Letzteres war der Fall -, schon hieß er wieder Fat Charlie.
Es lag daran, das wusste er wider alle Vernunft, dass es sein Vater gewesen war, der ihm den Spitznamen gegeben hatte, und wenn sein Vater Dingen Namen verlieh, dann blieben diese haften.
Da war zum Beispiel der Hund von der anderen Straßenseite, in Florida, wo Fat Charlie aufgewachsen war. Ein kastanienbrauner Boxer, mit langen Beinen, spitzen Ohren und einem Gesicht, das aussah, als sei das Tier als Welpe mit dem Kopf voran gegen eine Mauer gerannt. Der Kopf war hoch aufgerichtet, ebenso der Stummelschwanz. Es handelte sich unverkennbar um einen Aristokraten unter den Vierbeinern. Er hatte an Hundeschauen teilgenommen. Er hatte Preise gewonnen, eine Rosette für die beste Zucht, eine Rosette für den Besten seiner Kategorie und sogar einen Hauptpreis für den »Best in Show«. Dieser Hund erfreute sich des Namens Campbell's Macinrory Arbuthnot der Siebte, und wenn seine Besitzer in jovialer Stimmung waren, nannten sie ihn Kai. Dies dauerte so lange, bis eines Tages Fat Charlies Vater, während er vor der Haustür auf der klapprigen Hollywoodschaukel saß und sein Bier schlürfte, den Hund bemerkte, der im Garten der Nachbarn hin und her stolzierte, an einer Leine, die von einer Palme bis zu einem Zaunpfosten reichte.
»Was für ein trotteliger Hund«, sagte Fat Charlies Vater. »Wie dieser eine Freund von Donald Duck. Hey, Goofy.«
Und was eben noch ein mit Ehren überhäuftes Prachtexemplar gewesen war, sank plötzlich in sich zusammen. Fat Charlie kam es so vor, als würde er den Hund jetzt mit den Augen seines Vaters sehen, und, ja doch, verdammt, es war wirklich ein ziemlich doofer Hund, wenn man es genau bedachte. Ein Volltrottel praktisch.
Es dauerte nicht lange, da hatte sich der Name in der ganzen Nachbarschaft verbreitet. Campbell's Macinrory Arbuthnot des Siebten Besitzer kämpften dagegen an, aber da hätten sie sich genauso gut auf eine Auseinandersetzung mit einem Wirbelsturm einlassen können. Völlig Fremde kamen vorbei, tätschelten dem einstmals stolzen Boxer den Kopf und sagten: »Hallo, Goofy, alter Knabe, wie geht's?« Die Besitzer verzichteten anschließend darauf, ihn zu weiteren Hundeschauen anzumelden. Sie brachten es nicht übers Herz. »Sieht ein bisschen trottelig aus, der Hund«, sagten die Juroren.
Die Namen, die Fat Charlies Vater verteilte, hafteten. So war das eben.
Das war aber, was Fat Charlies Vater betraf, bei Weitem noch nicht das Schlimmste.
Es hatte im Verlauf seiner Kindheit so manchen Kandidaten für den Titel »Schlimmste Eigenschaft seines Vaters« gegeben: die lüstern umherschweifenden Augen und die ebenso abenteuerlustigen Finger, dies jedenfalls nach Auskunft der jungen Damen aus der Umgebung, die sich häufig bei Fat Charlies Mutter beklagten, worauf es jedes Mal Ärger gab; die kleinen schwarzen, von ihm als Stumpen bezeichneten Zigarillos, die er rauchte und deren Geruch sich an alles heftete, womit er in Berührung kam; seine Vorliebe für eine seltsam schlurfende Form des Stepptanzes, die, so Fat Charlies Vermutung, allenfalls mal eine halbe Stunde lang im Harlem der 20er Jahre angesagt gewesen war; seine vollkommene und unerschütterliche Unkenntnis der aktuellen Weltlage, verbunden mit der tief verwurzelten Überzeugung, dass Sitcoms im Fernsehen einem einen halbstündigen Einblick in das Leben und die Probleme echter Menschen verschafften. Keins dieser Dinge war für sich genommen das Schlimmste an seinem Vater, soweit es Fat Charlie betraf, wenn sie auch alle miteinander zu diesem Schlimmsten durchaus beitrugen.
Das Schlimmste an Fat Charlies Vater war schlicht und einfach dies: Er war peinlich.
Nun sind natürlich alle Eltern peinlich. Das liegt in der Natur der Sache. Eltern sind peinlich einfach dadurch, dass sie existieren, während Kinder ab einem bestimmten Alter von Natur aus nicht anders können, als im Boden zu versinken vor Verlegenheit, Scham und Schmach, sofern sie mit ihren Eltern auch nur zusammen auf der Straße gesehen werden.
Fat Charlies Vater aber hatte all dies zu einer Kunstform erhoben, und er erfreute sich daran, genau wie er sich an Streichen aller Art erfreute, an ganz einfachen - nie würde Fat Charlie vergessen, wie er das erste Mal in ein Bett mit Apfeltorte gestiegen war - ebenso wie an unvorstellbar komplexen.
»Zum Beispiel?«, fragte Rosie, Fat Charlies Verlobte, eines Abends, als Fat Charlie, der normalerweise nicht über seinen Vater sprach, stockend und umständlich versucht hatte zu erläutern, warum es seiner Ansicht nach eine entsetzlich fehlgeleitete Idee sei, seinen Vater zu ihrer bevorstehenden Hochzeit überhaupt einzuladen. Sie saßen gerade in einer kleinen Weinstube in Südlondon. Fat Charlie fand es schon seit Langem gut und beruhigend zu wissen, dass etwa sechs bis siebentausend Kilometer und der ganze Atlantik zwischen ihm und seinem Vater lagen.
»Tja ...« Fat Charlie rief sich eine ganze Palette von Demütigungen in Erinnerung, und bei jeder einzelnen von ihnen rollten sich ihm förmlich die Zehennägel auf. Schließlich wählte er eine davon als Beispiel aus. »Tja, also, als ich einmal als Kind die Schule wechseln musste, hat mein Dad mir begeistert erzählt, wie sehr er sich als Junge immer auf den Präsidententag gefreut habe, denn es gebe ein Gesetz, das bestimme, dass alle Schulkinder, die sich an diesem Tag als ihr Lieblingspräsident verkleiden, eine große Tüte Süßigkeiten bekommen.«
»Ach, das ist ja ein nettes Gesetz«, sagte Rosie. »Ich wünschte, so etwas hätten wir auch in England.« Rosie war noch nie im Ausland gewesen, jedenfalls, wenn man die eine Urlaubsreise mit dem Club 18-30 nicht mitrechnete, die sie auf eine Insel im - da war sie sich einigermaßen sicher - Mittelmeer geführt hatte. Sie hatte warme braune Augen und ein gutes Herz, wenn auch die Geografie nicht gerade zu ihren Stärken zählte.
»Es ist keineswegs ein nettes Gesetz«, sagte Fat Charlie. »Es gibt überhaupt kein solches Gesetz. Er hat es sich ausgedacht. In den meisten Bundesstaaten ist am Präsidententag sogar schulfrei, und selbst da, wo das nicht so ist, gibt es mitnichten eine Tradition, nach der man an diesem Tag als sein Lieblingspräsident verkleidet zur Schule geht. Es gibt keine großen Tüten mit Süßigkeiten für Kinder, die als Präsidenten verkleidet sind, weil der Kongress es so verfügt hätte, und es ist auch nicht wahr, dass deine Beliebtheit in den ganzen nächsten Jahren, bis zum Ende der High School, entscheidend davon abhängt, als welcher Präsident du dich verkleidet hast - die Durchschnittskinder wählen natürlich die nahe liegenden Präsidenten, die Lincolns, Washingtons und Jeffersons, aber die, die dann hinterher richtig populär werden, die kostümieren sich als John Quincy Adams oder Warren Gamaliel Harding oder jemand in der Richtung. Und es bringt Unglück, wenn man vor dem betreffenden Tag darüber spricht. Beziehungsweise, tut es das natürlich nicht, aber er hat es behauptet.«
»Jungen und Mädchen verkleiden sich als Präsidenten?«
»O ja. Jungen und Mädchen. Also habe ich die ganze Woche vor dem Präsidententag damit zugebracht, alles zu lesen, was es in der World Book Encyclopedia über Präsidenten zu lesen gibt, und habe mir alle Mühe gegeben, mich für den richtigen Präsidenten zu entscheiden.«
»Ist dir nie der Verdacht gekommen, dass er dich zum Besten hält?«
Fat Charlie schüttelte den Kopf. »Daran denkt man einfach nicht, wenn mein Dad anfängt, einen zu bearbeiten. Er ist der beste Lügner, der dir je begegnen wird. Er wirkt sehr überzeugend.«
Rosie nahm einen Schluck von ihrem Chardonnay. »Und als welcher Präsident bist du nun gegangen?«
»Taft. Er war der siebenundzwanzigste Präsident. Ich trug einen braunen Anzug, den mein Vater irgendwo aufgestöbert hatte, die Hosenbeine musste ich aufkrempeln, und vorn hab ich mir ein dickes Kissen in die Hose gestopft. Einen aufgemalten Schnauzbart hatte ich auch. Mein Dad hat mich an dem Tag selbst zur Schule gebracht. Ich war so stolz, als ich in das Gebäude marschiert bin. Die anderen Kinder haben nur geschrien und mit Fingern auf mich gezeigt, und irgendwann habe ich mich dann in einer Kabine im Jungensklo eingeschlossen und geheult. Ich durfte nicht nach Hause und mich umziehen. Ich musste den ganzen Tag so rumlaufen. Es war die Hölle.«
»Du hättest etwas erfinden sollen«, sagte Rosie. »Dass du hinterher noch zu einer Kostümparty willst oder so was. Oder ihnen einfach die Wahrheit sagen.«
»Ja«, sagte Fat Charlie bedeutungsschwer und gab sich trübsinnig der Erinnerung hin.
»Was hat dein Vater gesagt, als du nach Hause kamst?«
»Oh, er konnte sich kaum einkriegen vor Lachen. Hat erst laut gejohlt, dann gekichert und gegluckst. Am Ende hat er gesagt, dass man heutzutage diese Sache mit dem Präsidententag vielleicht doch nicht mehr machen würde. Wir könnten aber doch jetzt mal zum Strand gehen und nach Meerjungfrauen Ausschau halten.«
»Nach ... Meerjungfrauen Ausschau halten?«
»Wir sind zum Strand gegangen und daran entlanggelaufen, und er war so peinlich, wie ein Mensch auf dieser Erde nur sein kann - er hat angefangen zu singen und dann hat er so eine Art schlurfenden Sandtanz auf dem Strand hingelegt, und dabei hat er andauernd irgendwelche Leute angesprochen - Leute, die er gar nicht kannte, die er noch nie gesehen hatte, und ich hab es so gehasst, aber er hat mir erzählt, dass es draußen im Atlantik Meerjungfrauen gebe, und wenn ich schnell genug und scharf genug hingucken würde, dann könnte ich eine sehen.«
»»Da!«, hat er gesagt. »Hast du sie gesehen? Es war 'ne große Rothaarige, mit einem grünen Schwanz.« Und ich hab geguckt und geguckt, aber natürlich hab ich nie eine gesehen.«
Er schüttelte den Kopf. Dann nahm er eine Handvoll gemischter Nüsse aus der Schale auf dem Tisch, begann sie sich in den Mund zu werfen und kaute darauf herum, als sei jede einzelne Nuss eine zwanzig Jahre alte Demütigung, die einfach nicht auszumerzen war.
»Na ja«, sagte Rosie heiter. »Ich finde, das klingt reizend, er scheint ja wirklich ein Original zu sein! Er muss unbedingt zur Hochzeit kommen. Er würde der Mittelpunkt der Party sein.«
Und genau das, erklärte Fat Charlie, nachdem er sich kurzzeitig an einer Paranuss verschluckt hatte, sei doch wohl das Letzte, was man sich für seine Hochzeit wünschen würde, nicht wahr, dass der eigene Vater aufkreuze und im Mittelpunkt der Party stehe? Er sagte, sein Vater sei zweifellos nach wie vor die peinlichste Person auf Gottes grünem Erdball. Er fügte hinzu, er sei heilfroh darüber, den alten Bock zuletzt mehrere Jahre nicht gesehen zu haben, und es sei wirklich das Beste gewesen, was seine Mutter je getan habe, seinen Vater zu verlassen und nach England zu kommen, um bei ihrer Tante Alanna zu wohnen. Er untermauerte dies noch, indem er kategorisch feststellte, dass er verflucht, ja doppelt verflucht und womöglich gar dreifach verflucht sein wolle, falls er sich je dazu entschiede, seinen Vater einzuladen. Und überhaupt, sagte Fat Charlie abschließend, sei es doch das Beste am Heiraten, dass man seinen Vater nicht zur Hochzeit einladen müsse.
Und dann sah Fat Charlie Rosies Gesichtsausdruck und das kalte Schimmern in ihren normalerweise stets freundlichen Augen, und er korrigierte sich stehenden Fußes, erklärte, er meine selbstverständlich das Zweitbeste, aber es war schon zu spät.
»Du wirst dich einfach an die Vorstellung gewöhnen müssen«, sagte Rosie. »Schließlich bieten Hochzeiten eine großartige Gelegenheit, Brücken zu bauen und Gräben zuzuschütten. Du bekommst die Möglichkeit zu zeigen, dass du ihm nicht mehr böse bist.«
»Ich bin ihm aber noch böse«, sagte Fat Charlie. »Sehr sogar.«
»Hast du irgendeine Adresse von ihm?«, fragte Rosie. »Oder eine Telefonnummer? Wahrscheinlich solltest du ihn anrufen. Ein Brief ist doch ein bisschen unpersönlich, wenn der einzige Sohn heiratet ... du bist doch sein einziger Sohn, oder? Hat er E-Mail?«
»Ja. Ich bin sein einziger Sohn. Ich hab keine Ahnung, ob er E-Mail hat oder nicht. Wahrscheinlich eher nicht«, sagte Fat Charlie. So ein Brief war eine gute Sache, dachte er. Er konnte zum Beispiel ohne Weiteres in der Post verloren gehen.
»Na, du musst doch eine Adresse oder Telefonnummer von ihm haben.«
»Nein«, sagte Fat Charlie, und zwar ganz aufrichtig. Vielleicht war sein Vater umgezogen. Er konnte Florida verlassen haben und irgendwo hingegangen sein, wo es keine Telefone gab. Oder Adressen.
»Okay«, sagte Rosie scharf, »wer hat sie denn dann?«
»Mrs. Higgler«, sagte Fat Charlie, und sein Widerstandsgeist erlosch vollständig.
Rosie lächelte liebenswürdig. »Und wer«, fragte sie, »ist Mrs. Higgler?«
»Freundin der Familie«, sagte Fat Charlie. »Sie hat bei uns nebenan gewohnt, als ich ein Kind war.«
Er hatte zuletzt vor einigen Jahren mit Mrs. Higgler gesprochen, als seine Mutter im Sterben lag. Auf Wunsch seiner Mutter hatte er Mrs. Higgler angerufen und sie gebeten, die Mitteilung an Fat Charlies Vater weiterzuleiten und ihm zu sagen, er möge sich melden. Und einige Tage später hatte Fat Charlie eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter gehabt, hinterlassen, während er auf der Arbeit gewesen war, mit einer Stimme, die unverkennbar die seines Vaters war, wenn sie auch recht gealtert klang und ein bisschen betrunken.
Sein Vater erklärte, es sei kein günstiger Zeitpunkt, und geschäftliche Angelegenheiten hielten ihn in Amerika fest. Und dann fuhr er fort, dass Fat Charlies Mutter, trotz allem, eine verdammt großartige Frau sei. Mehrere Tage später war eine Vase mit einem bunten Blumenstrauß in der Krankenstation abgeliefert worden. Fat Charlies Mutter hatte verächtlich geschnaubt, als sie die Karte las.
»Glaubt er, er kommt mir so leicht davon?«, sagte sie. »Da ist er aber auf dem Holzweg, das kann ich dir sagen.« Aber dann hatte sie die Krankenschwester veranlasst, die Blumen an einen Ehrenplatz neben ihrem Bett zu stellen, und hatte auch Fat Charlie seither mehrmals gefragt, ob er irgendetwas gehört habe darüber, dass sein Vater komme und sie besuche, bevor alles vorbei sei.
Fat Charlie antwortete, er habe nichts gehört. Und nach einiger Zeit begann er die Frage zu hassen, ebenso wie seine Antwort darauf und ihren Gesichtsausdruck, wenn er ihr sagte, nein, seines Wissens würde sein Vater nicht kommen.
Der übelste Tag nach Fat Charlies Ansicht war der, an dem der Arzt, ein schroffer kleiner Mann, Fat Charlie beiseite genommen und ihm mitgeteilt hatte, dass es jetzt nicht mehr lange dauern werde, seine Mutter verfalle schnell, und es komme jetzt nur noch darauf an, ihr ein möglichst angenehmes Ende zu bereiten.
Fat Charlie hatte genickt und war zu seiner Mutter ins Zimmer gegangen. Sie hatte seine Hand gehalten und ihn gerade gefragt, ob er auch nicht vergessen habe, ihre Gasrechnung zu bezahlen, als der Lärm im Flur begann - ein scheppernder, stampfender, rasselnder Blechbläser-und-Bass-und-Trommeln-Lärm von der Art, wie man ihn auf Krankenhausfluren für gewöhnlich eher nicht hört, wo Schilder im Treppenhaus um Ruhe bitten und die Blicke des Pflegepersonals dieser Bitte im Zweifelsfall Nachdruck verleihen.