Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Anana von Ina Vandewijer, Barbara Heller. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Frauen nahmen das Neugeborene in Empfang. Sie tuschelten untereinander. Eine von ihnen schnitt die Nabelschnur durch, eine andere wickelte das Baby in ein Fell, um mit ihm hinauszugehen.
Die Mutter rang nach Luft und suchte in ihren Rhythmus zurückzufinden. Es gab noch Arbeit, die Nachgeburt. Da sah sie, wie die Frau sich mit dem Bündel davonmachen wollte.
»Nein!« rief sie. »Ein Junge?«
Die Frau schüttelte den Kopf und wollte weiter.
»Bleib stehen!« Die Mutter fuhr hoch, entriß der Frau das Kind und drückte es an sich. »Ein Junge«, zischte sie.
So brach sie das erste Tabu.
So wurde Anana ein Junge. So wurde Anana gerettet.
Die Frauen wandten sich von der Mutter ab und ließen sie mit dem Kind allein. Die Mutter ergab sich der nächsten Schmerzwelle und half sich selbst.
Das Kind sah mit weit offenen Augen zu.
Der Mann vernahm die schlimme Kunde. Um die Schande, die er in den Augen der anderen Jäger las, zu tilgen, stürzte er sogleich zur Geburtshöhle.
Er schlug die Frau, die das Kind unter ihren Fellen verbarg.
»Anscheinend hat die Frau ein Kind weiblichen Geschlechts zur Welt kommen lassen?«
»Anscheinend. Und solange die Frau lebt, wird auch ihre weibliche Nachkommenschaft leben«, sprach sie ruhig.
Der Mann wußte, daß er wieder nach einer anderen Frau auf die Jagd gehen mußte, wenn er diese Frau und ihre Mißgeburt tötete. Ohne sie würde sein Unglück noch größer werden, als es schon war. Und sie hatte ihm bisher gut gedient und ihn warm gehalten.
Er schlug sie so heftig, daß man es draußen hörte.
Die Frau schrie so laut, daß alle es hören konnten und noch lange darüber reden würden.
Das Kind blieb ungewöhnlich still.
Das Kind blieb ungewöhnlich still. Stets war es in der Nähe der Mutter. Die Mutter war streng, wenn andere dabei waren. Das Kind paßte sich an und nahm alles schweigend in sich auf.
Wenn sie allein waren, machte die Mutter das Kind mit den Aufgaben der Frauen vertraut. Und es lernte, unter harten Bedingungen zu überleben. Der lange, sonnenlose Winter, in dem nur ein weißer Mond leuchtete, war ein sicheres Nest. Der Mann ging unterdessen auf die Jagd nach Robben, Füchsen oder dem seltenen Eisbären. Der Vorrat vom Sommer erwies sich Jahr für Jahr als ausreichend. Oft war der Mann fort. Allein. Die Schande trieb ihn hinaus auf die offene Fläche. Zuweilen brachte er einen Teil der Beute in andere Iglus, im Tausch gegen Respekt und einen Schlafplatz bei einer anderen Frau.
Von dem Tabu sprach niemand. Das Kind wurde totgeschwiegen.
Dicht bei der Mutter und nur von ihr lernte das Kind. Worte. Worte, die nicht gebraucht werden durften. Worte, die Geheimnisse bargen. Tabuworte. Worte, die mit dem Aussprechen magisch wurden. Worte, die vor allem dann nicht gebraucht werden durften, wenn der Mann dabei war. Der Mann fürchtete sich vor Worten, vielleicht auch vor der Frau, die sie sprach.
Und noch viel mehr lehrte die Mutter das Kind. Aus allem, was sie fand, machte sie kleine Gegenstände, um dem Kind so die Kenntnis des Größeren zu vermitteln. Die Mutter lehrte das Kind, einen Umiak zu bauen, einen Frauenkajak aus Robbenhaut.
»Umiak, der Bauch der Frau im Wasser«, sagte die Mutter.
Sie lehrte das Kind, die Hunde zu zügeln und die kurze Peitsche zu gebrauchen. Sie lehrte das Kind, einen Polarfuchs in der Falle zu fangen und ihn abzuhäuten. Sie lehrte das Kind, mit dem Schabmesser Häute geschmeidig zu kratzen. Mit der Knochennadel nähte man Kleider und machte sie wasserdicht.
Das Tabukind wurde erzogen wie der Sohn, den die Mutter niemals gebären würde. Das Kind lernte, geschickt mit der Harpune und dem Frauenmesser umzugehen.
»Das Ulu, das Frauenmesser, schneidet rund. Die Harpune spießt auf, wie ein Mann«, erklärte die Mutter.
Das Tabukind lernte mit einer Begierde, die mehr mit Verzweiflung und Haß zu tun hatte als mit dem Überleben. Auch das Fadenspiel lernte es. Aus einer dünnen Lederschnur wob die Mutter Gespinste zwischen ihren Händen. Das Kind nahm sie zwischen die eigenen Hände und machte andere Gespinste daraus. Mutter und Kind woben zwischen ihren Händen erkennbare Abbilder dessen, was sie um sich herum sahen. Worte brauchten sie den Dingen nicht zu geben, weil sie ganz plötzlich zwischen ihren einander ergänzenden Händen entstanden. Sie woben Welten aus Tieren und Sternen, Monden und Häusern, Menschen und einem Mann.
Das Kind übertraf alle anderen Kinder der Siedlung an Schnelligkeit, Schläue und Geschick. Die Mutter mußte es nahe bei sich halten, sonst hätte die Siedlung es ausgestoßen. Das Tabukind weckte schmerzhafte Erinnerungen an Dutzende anderer, weniger glücklicher Würfe. Mädchen im gleichen Alter gab es keine. In Hungerzeiten überlebten Töchter nicht.
Die Mutter gebot dem Kind, so wenig wie möglich mit anderen Kindern zu sprechen, am besten überhaupt nicht. So wie sie selbst.
Frauen hatten so gut wie nichts zu sagen. Vor allem die Mutter eines Tabukindes und das Tabukind selbst sollten den Atem für Worte besser sparen.
Zu den Geistern durfte nur Imenak, der weise Mann, sprechen, nur er durfte die Rituale vollziehen, die Traumwelt aufsuchen, davon erzählen und wahrsagen.
Bei der Geburt bekam jedes Kind einen Namen von Imenak. Den eines verstorbenen Verwandten oder eines Verstorbenen aus dem Clan, damit zusammen mit dessen Namen auch seine guten Eigenschaften auf das Kind übergingen. Ein Inuk, ein Mensch, bestand aus einem Körper, einem Atem und einem Namen. Dieses Kind nicht. Es hatte keinen Namen. Ohne Namen war es kein Inuk. Man nannte es die Schweigerin. Oder die Sprachlose. Oder das Tabu-der-Mutter. Ein lebendes Geschwür. Man glaubte, das Kind könne nicht sprechen, und nach seiner Geburt seien ihm sowohl der Penis als auch die Zunge abgeschnitten worden. Zumindest dachten das die anderen Kinder im Clan.