Fangen wir mit dem Positiven an:
- viele Farbphotos, der Großteil davon auch sinnvoll
- ein ganzer Abschnitt "Blickdiagnosen"
- akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis
- Lehrbuch + Repetitorium in einem (dazu s.u.)
Aber viel mehr hat das Buch nicht zu bieten. Zu den Problemen:
1. Es widerstrebt mir grundsätzlich, für ein Softcover mehr als 20-30 ¤ auszugeben. Wenn man damit intensiv arbeitet, kann man's hinterher wegwerfen.
2. Das beliebte Konzept der Dualen Reihe ist zumindest in diesem Fall unnötig. Hätte man die Repetitoriumssätze mit den zahlreichen Tabellen aneinander gereiht, wäre kein nennenswerter Inhalt verloren gegangen und das Buch deutlich dünner ausgefallen.
3. Aus dem vorigen Punkt folgt: Dieses Buch ist UNGLAUBLICH langweilig zu lesen. Ganze Absätze könnte man streichen, weil jeder mit einem Mindestmaß an gesundem Menschenverstand und Umgangsformen darauf nicht angewiesen ist. Viel schlimmer wird's dann bei den fachlichen Informationen: Eine mal mehr, mal weniger wahllos wirkende Zusammenstellung von Symptomen und möglichen Diagnosen, wobei von sehr häufig bis zu extrem selten (und damit nicht unbedingt für den ersten Diagnostik-Kurs geeignet) ein kurioses Sammelsurium von Krankheiten und Syndromen Erwähnung findet.
4. Leider erfährt man über das Gros dieser Krankheiten NICHTS. Am Ende gibt es ein (leider sehr unvollständiges) Register, das in zwei Sätzen von Abrasio uteri bis Zystozele die vielen Verdachtsdiagnosen abzuhandeln versucht. Natürlich soll der Klopfkurs nicht alle Disziplinen in sich vereinen - aber gerade deshalb wäre weniger mehr gewesen! Weniger Krankheiten im Sinne einer Beschränkung auf die häufigsten Diagnosen, dafür mehr Informationen wie die Krankheit entsteht und ihre eben typischen Symptome produziert. Immer wieder liest man vom Felty-Syndrom, aber im Anhang erfahre ich nur, dass es eine Sonderform der rheumatoiden Polyarthritis ist. Aus diesem Grund ist die Lektüre in diesem Buch zu Beginn der klinischen Ausbildung nur durch konsequente, parallele Wikipedia-Nutzung (oder zeitaufwändiges Nachschlagen in anderen Lehrbüchern) zu ertragen.
5. Der größte Störfaktor: extreme Schwankungen in der Qualität der Kapitel. Die Bereiche Kopf/Hals und Abdomen sind zum Beispiel flüssig lesbar und ideal für Einsteiger, weil sie sich halbwegs übersichtlich auf den Zweck beschränken, für den sie da sind - Erstkontakt mit der klinischen Diagnostik, also Ablauf der Untersuchungen, mögliche Befunde und einige relevante Beispieldiagnosen. Der Abschnitt "Herz" ist dagegen eine Zumutung: In jedem Absatz wird einem ein neues Symptom genannt, dass bei Herzinsuffizienz auftreten kann - am Ende des Kapitels, wo tatsächlich einige häufige Diagnosen (wie die Herzinsuff.) vorgestellt werden, findet sich nur ein Bruchteil davon wieder. Sowohl beim ersten Lesen als auch zum späteren Lernen unzumutbar. Getoppt wird das lediglich durch das Dermatologie-Kapitel, in welchem zahlreiche klangvolle Diagnosen mit den zugehörigen Effloreszenzen aufgelistet werden, ohne auch nur ein Wort über Entstehung, Therapie o.ä. zu verlieren. Systematik? Nicht erkennbar. Ich habe in der Vorklinik häufig dröges Zeug gelesen, aber selbst Physik und Biochemie waren interessanter als DAS!
Kurz und gut: Trotz guter Ansätze das perfekte Buch für jeden, der mit dem selbständigen Denken aufhören und "endlich" nur noch Tabellen auswendig lernen will. Wer bis zum Physikum nicht jegliches Interesse am "Warum?" hinter medizinischen Fragestellungen verloren hat, wird dagegen schnell feststellen, dass bunte Bilder auch nicht alles sind.
Angeblich gibt's am Markt derzeit (2009) kein besseres Buch zum Klopfkurs, aber ich werde wohl auf den Dahmer umschwenken. Den zweiten Stern bekommt "Anamnese und klinische Untersuchung", weil es gemessen am Umfang und der Zahl der Farbphotos doch relativ günstig ist... und, siehe oben, nicht jedes Kapitel gleich schlecht.