Wenn die Erde sich des Menschen als ihres klügsten Sohnes bedient, so mutmaßt Ernst Jünger (1895-1998), ist die Gefahr prometheischer Bildungen und ihrer Schicksale groß. Unter diesen Voraussetzungen wächst sie im "götterleeren Raum" weiter. Jünger: nicht der Verstand, sondern der Geist als kosmische Macht ist Partner der Erde. Von der Biosphäre zur Noosphäre war das Ansinnen bei Teilhard de Chardin und seine prägnante Vision von der Einheit von Geist und Materie findet Widerhall bei Jünger. Höhere Geisteskräfte bemächtigen sich wohltätig aller zukünftigen evolutionären Bewegungen. Jünger betrachtet diese Grenze von Physik und Metaphysik auch unter dem Aspekt der Zeit, die es am Anfang nicht gab und am Ende zum Augenblick oder zur Ewigkeit wird. Damit sind alle seine mutigen Gedanken auf dem Grat der Zeitmauer, auf dem sich die Zeiten treffen und gar überlagern.
Unter dieser Maxime werden historische und tradierte Zeiten bedacht, als messbare Zeit oder als Schicksalszeit. Es ist die Zeit der Geschichte oder die Zeit der kosmischen Wiederkehr (
vgl. Mircea Eliade). Er differenziert zwischen der menschlichen Betrachtung und den siderischen Einteilungen, versucht aus dem Horoskop, der Astrologie die Mythen in den Zusammenhang der Astronomie zu setzen, spricht von den religiösen Instinkten und der klaren Unterscheidung von Wissen und Glauben, was auch bei Schopenhauer (
P&P II, §175) zu lesen ist und in der Rezension über
"Die Entstehung des Menschen" Beachtung findet.
Jünger spürt dem Geschichtsbild Spenglers nach, zieht den Prediger Ben Akiba zu Rate und beobachtet die Aussagen des Goldenen Zeitalters zur Zeit Hesiods in den Ausprägungen von heute oder der Zukunft. Ihm gelingt es, den Blick zu schärfen und durch die Dinge zu sehen, um "zurück zu den Dingen" zu kommen, dem Wesen der Dinge sich zu nähern.
Seine Art der Betrachtung überrascht, verändert den Blickwinkel und lässt größere Offenheit zu. Schöpfungsplan und Menschenplan zu vergleichen, ist eine Sicht an der Zeitmauer, die den Tod transzendiert und an eine Harmonie glaubt, weil eben alles, ob Untergang oder Aufbau, sich auf einem begrenzten Spielfeld abspielt und in Summe sich als unerschöpfliche Harmonie, Pythagoras würde von der Sphärenharmonie sprechen, offenbart.
Wenn Jünger vom "gemeinsamen Sitz des Wissens" spricht, springt die Gleichheit mit der Noosphäre Teilhards ins Auge, man könnte die Sicht von Capurro, McLuhan nehmen, und die technische Welt des Internets als Übergangsphase zu einer Ein-Geist-Struktur deuten.
Fest steht, dass man auf der Welt sich bewegt, irgendwo ankommt und sich heimisch fühlt. Fest steht auch, dass die Bewegungen und Ereignisse des Universums Riten bildend waren und sind und dass der Mensch sich unterordnend einbettet in ein Ganzes. Auch wenn die Richtungslosigkeit Kolumbus' eine Entdeckung war, ist der Kompass nicht mehr, als eine Nutzung der Erd(Universums)-Gegebenheiten, die freiwillig übernommen werden. So wie Hesiod versprach, dass neue Fruchtbarkeit im Chaos Götter versinken lässt (Theogonie), so wird die technische Entwicklung die alten technischen Götter ins Jenseits schicken.
Zu guter Letzt sei an Sindbads Erste Reise als Seefahrer erinnert. Sein Schiff legte vor einer Insel an, er und die Besatzung gingen an Land. Sie ahnten jedoch nicht, dass diese Insel ein ungeheurer Fisch war, der erst durch das Feuer beunruhigt, in den Abgrund fährt. Welch ein Bild! Es zeigt, was Jünger meint, wenn er menschliches Handeln und kosmische Bewegung ursächlich verknüpft.
Mit diesem Blick ist das Denken entlang der Zeitmauer mit Jünger aus dem Jahr 1957 ein Vergnügen und nicht ohne beseelten Optimismus. Denn auf ein Gemeinsames gerichtet wird der Mensch, wenn er sich selbst nicht verlässt, von der Mutter Erde nicht verlassen, so das finale Versprechen Jüngers.
Es ist ein anderer Jünger als derjenige der Stahlgewitter oder der an den Marmorklippen.
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