Wie sich Schubert die Interpretation seiner Lieder vorstellte, können wir von seinem Freund Leopold Sonnleithner erfahren. Der hat bei zeitgenössischen Sängen gewisse "sonderbare Ansichten" bemängelt: "Dabei wird möglichst viel declamirt, retardirt, bald gelispelt, bald leidenschaftlich aufgeschrien"."Sänger müssen das Lied lirisch und nicht dramatisch auffassen [...] alles, was den Fluß der Melodie hemmt [...] ist daher der Ansicht des Tonsetzers gerade zuwiderlaufend".
In dieser Hinsicht nähert sich Matthias Goernes Interpretation dem Ideal. Er interpretiert nämlich lyrisch, läßt sich die melodischen Bögen entfalten und setzt seine dynamischen Akzente auf die Ebene des Satzes, ohne die einzelnen Wörter in Geiselhaft zu nehmen. Dabei gelingt ihm eine schöne Differenzierung in den strophischen Liedern, aber auch echte Ausdrucksstärke z:B. im titelgebenden "An mein Herz" oder "Über Wildemann" nach Ernst Schulze (der wie ein roter Faden von Band zu Band der Goerne Schubert-Edition wiederkommt). Die Stimme selber erinnert etwas an Hans Hotter; ein sonorer Baßbariton mit breitem Stimmumfang, reichen Farben und großem dynamischen Spektrum. Das Forte wird nicht aufgeschrien, das Piano nicht gelispelt, sondern beide mit festem Stimmkern gesungen. Das Legato is tadellos, allein die Konsonanten werden öfter dem Legato zu sehr geopfert und könnten, besonders die Endkonsonanten, deutlicher sein.
Das Programm ist wie üblich mit Goerne wohl durchdacht, mit Klassikern der Schubert-Recitals ("An die Musik", "Du bist die Ruh", "Das Lied im Grünen" ...) und verborgenen Schätzen. Hauptthema ist die Musik, Nebenthema Wehmut. Einige der wenigen Lieder, die für Baßstimme gesetzt wurden (Auf der Donau, Wie Ulfru fischt, der Sieg) sind dabei aber auch zwei der Lieder der Mignon, die man in der Regel von einer Sängerin gesungen hört. Dabei hat Schubert nie Lieder "für Frauenstimme" komponiert, sondern - außer bei den Liedern für Baßstimme - "für Singstimme und Pianoforte" ; dabei gibt es auch von ihm eine Version von "Nur wer die Sehsucht kennt" für Männerquintett. Kein Stilbruch denn, eher eine Bereicherung (und zu Schubertzeiten haben auch Tenöre und Baritone mit "Gretchen am Spinnrade", "Die junge Nonne", "Ellens Gesänge" ... geglänzt).
Ein Sänger alleine macht aber einen Liederabend nicht. Helmut Deutsch ist ein sensibler Begleiter, der gleichzeitig seine Individualität behält und den Sänger unterstützt. Höchstens könnte man bemängeln, daß er in "Du bist die Ruh" die Beharrlichkeit eines Gerald Moore oder Irwin Gage nicht zeigt. Eric Schneider fällt aber deutlich ab. Sein Spiel ist zu linear, zu deutlich von der rechten Hand dominiert und die vertikale Dimension fehlt. Dabei ist er zu sehr dem Sänger untergeordnet und bietet ihm nicht den nötigen Halt. Die letzte Strophe von "Auf dem See" wird deswegen verschenkt, auch in den Gesängen des Harfners läuft das Crescendo unter "denn alle Schuld" ohne Unterstützung ins Leere. Schuberts Auffassung des Liedgesangs läßt sich nicht vom Klavierspiel trennen. Die meisten Anweisungen hat der Komponist fürs Instrument geschrieben. Die zweite CD, die vom Programm her richtig verlockend sein sollte (zu der gesamten Thematik gesellt sich eine Gegenüberstellung von Mayrhofer und Goethe), vermag nicht richtig, den Zuhörer in Bann zu halten, obwohl Glanzmomente nicht fehlen (z.B. "Heiß mich nicht reden"), die Goerne und seiner Stimmkultur zu verdanken sind.
Fazit - Goernes Idee, mit wechselnden Pianisten aufzunehmen, ist gut. Leider hat er mit Eric Schneider daneben gegriffen. Bleibt die erste CD, die alleine 5 Sterne verdienen würde.