Ist das wirklich von Gabaldon? Eigentlich hab ich noch nie einen dermaßen schlecht komponierten Bestseller gelesen. (Um keine Mißverständisse aufkommen zu lassen: die ersten drei Bände fand ich klug und spannend! Die nächsten drei zumindest in Teilen noch lesenswert...) Jetzt habe ich den Eindruck, dass da ein(e) Ghostwriter(in) in ganz dilettantischer Manier die Story weitergeschrieben hat, wobei sie weitgehend den Überblick über das inzwischen in die Hunderte zählende Personal und alle Handlungswege und -pfade verloren hat. "Macht nichts", dachte sie sich, "verwirre ich noch mehr, dann siehts gewollt aus!"
Die Handlung schleicht in den ersten 700 Seiten mühsam dahin. Der größte Teil besteht in umständlichen, langatmigen Schilderungen von Fortbewegungsstrapazen, durch Sümpfe, übers Meer (immerhin eine Pirateriegeschichte dabei, aber sie strotzt vor Unwahrscheinlichkeiten und hält nur die eigentliche Handlung auf), durch Nebel und Schnee und ähnlich ungemütliche Terrains. Wenn sonst nichts mehr anliegt, müssen Claire oder das Quäker-Geschwisterpaar Hunter, eine Neuerwerbung, an die Sanitäterfront. Auch da tut sich nicht wirklich etwas Neues (wie toll waren da Band 3 und 4!), außer vielleicht einer Hodenamputation gegen Ende zu. Undurchsichtige Beziehungen werden aufgespannt, aber nicht aufgeklärt - irgendwas mit Agenten und komplexen Verwandschaftsgeheimnissen, aber dafür sind wahrscheinlich im nächsten Wälzer der auf 20 (?) Bände angelegten Gesamtgeschichte (wird wahrscheinlich erst nach 2050 fertig) die nächsten spärlichen Informationen vorgesehen.
Eigentlich soll doch der amerikanische Unabhängigkeitskrieg der Höhepunkt der ganzen Frasergeschichte werden, in dem die antienglische, proschottische Perspektive sich entfaltet. Und die dramaturgische Konstruktion ist darauf hin ausgelegt, dass der verschollene Stuart-Schatz, dessen genauen Ort allein die Frasers wissen, die amerikanische Revolution retten wird. Aber anstatt der Leserschaft das welthistorische Geschehen ein wenig plastisch zu machen (auch einer der Gründe, warum man Romane mit historischem Background liest), versucht Gabaldon ein bißchen Tolstoi zu imitieren, d.h. Schlachten so zu schildern, dass man die Verläufe nicht wirklich durchschaut. Was soll eine Figur wie Lord John, der nun als Intelligence-Offizier, sprich als Vorläufer des MI5, nichts über Washington, Jefferson, Lafayette, Beaumarchais, John Wilkes und viele andere wichtige Akteure des weltpolitischen Geschehens zu Tage fördert, sondern sich vor allem um die Eheanbahnung zwischen Neffe und Nichte abstrampelt. Von Benjamin Franklin erfährt man immerhin die umstürzende Information, dass er vormittags gerne "völlig" (!) nackt zu sonnenbaden pflegt. Danke Diana, das fehlte mir noch zu meinen historischen Grundkenntnissen.
Nach dem endlosen Geplätscher wird im letzten Viertel das einschläfernde Erzähltempo plötzlich so beschleunigt, als ob man vom 2. sofort in den 5. Gang geschaltet hätte. Offenbar hat der Verlag die Autorin gedrängt, doch noch ein bißchen Action - Gewalt, Geheimnis, Sex! - beizugeben und rechtzeitig für Erscheinen im Herbstprogramm fertig zu werden. Das liest sich dann wie eine halb ausgearbeitete Konzeptsammlung mit Textbeispielen. Um Plausibilität gehts gar nicht mehr, sondern es wird einfach ein wildes Durcheinander arrangiert, das dann plötzlich mit einer bevorstehenden Heirat endet. Gewalt, Geheimnis - nun gedrängt alles auf einmal und dick aufgetragen. Zum Sex allerdings, den Gabaldon in den früheren Bänden durchaus ansprechend zu inszenieren pflegte,langte es diesmal nur noch für einen kleinen, zehnzeiligen Ehebruch von Claire fast am Ende der Story.
Besonders uninteressant sind übrigens die im heutigen Schottland lebenden Brianna und Roger geraten - da ist der Autorin fast gar nichts mehr Originelles eingefallen außer einem bizarren knalligen Schluß mit Geiselnahme, die auf den nächsten Band neugierig machen soll.
Schade, der großartige Wurf einer Verbindung von History und Fantasy - vergeigt! Und es sieht so aus, als sollte die ganze Story über weitere tausende Seiten zu Tode geritten werden. Wer sich für den Ausgang des Fraserunternehmens interessiert: diesen Band braucht er wirklich nicht dafür. Frau Gabaldon: Entlassen sie diese Ghostwriterin, schreiben sie wieder selber!