Zugegeben, das Album stand schon länger in unserem Regal. Getrieben von der Hektik unserer Zeit ergab sich keine Gelegenheit, sich inhaltlich genauer damit zu befassen, und so blieb "An Ancient Muse" lange Zeit das im Hintergrund laufende "neue Loreena-Album" mit typischen Klängen und netten Melodien. Im Prinzip hätte ich dem Tenor der Rezensenten zugestimmt, "nichts neues"; zumindest nichts, was einen als langjährigen Fan wirklich vom Hocker hätte hauen können... oder?
Letztes Wochenende fand ich endlich die Zeit und Muße, mich intensiver mit dem Album zu beschäftigen. Ich las in aller Ruhe vor jedem Stück die begleitenden Worte, die Lyrics, und machte mir Gedanken über Inhalt und tieferen Sinn.
Eine Stunde später war ich fertig mit den Nerven. Ernsthaft: Wer sich richtig auf dieses Album einlässt, sich bemüht, in dessen Atmosphäre einzutauchen, dem inhaltlichen Gesamtkonzept zu folgen und von der Stimmung und dem vermittelten Ambiente berieseln zu lassen, der kann nur zu dem Schluß kommen, dass "An Ancient Muse" Loreenas bislang bestes Album ist. Der Versuch, zwischen den Kulturen zu vermitteln, gemeinsame Ursprünge herauszuarbeiten, herauszufinden, was Reisen heute und in ferner Vergangenheit bedeutete, welche Schicksale damit verwoben waren und heute noch sind... jedes einzelne Stück trifft ins Mark. Die Einleitung verhilft uns in die Grundthematik: Kampf der Kulturen, mystische Vergangenheit, die uns erzählen möchte, welche Fehler gemacht wurden und werden. Dann geht es endlich los, zunächst ganz harmlos: In "Gates of Istanbul" feiern alle miteinander die ganze Nacht hindurch, alle sind vereint im Tanz, Gesang und mehr, unabhängig von ihrer Herkunft, ihren Gedanken und Problemen. Und am nächsten Morgen setzen sich die Reisenden in Bewegung, zur nächsten Karawanserei...
Die nächsten Schritte sind herberer Natur: Die Ballade über die englische Lady und den schottischen Ritter thematisiert sinnlosen Hass, Liebe, Konsequenzen und den Grund für eine lange Reise... Daran schließt sich eine Komposition an, die das Leben zwischen zwei Kulturen beschreibt, und dann folgt schließlich in "Penelope´s Song" die stille, herzergreifende Hymne für alle Daheimgebliebenen, wenn der oder die Geliebte ausziehen in die Ferne und deren Rückkehr fraglich bleibt. Krieg ist der furchtbarste Grund, zu reisen.
Ein Lied über wahre Lebenskultur bildet den Übergang zum nächsten Höhepunkt: In "Under the Phrygian Sky" kulminieren Themen und Aussagen des Albums in einem mitreißenden Aufbruchsstimmungs-Song: Lasst uns diese unsinnigen Differenzen überwinden! Lasst uns darüber nachdenken, was Gott wirklich von uns wollte. Macht ein Ende damit, seinen Namen für eigene Ziele zu missbrauchen, wir haben größere Probleme als die kleinlichen Unterschiede zwischen den Kulturen. Das Album endet schließlich in einem klaren Epilog: Wir sind alle Reisende auf der gleichen Straße. Sie führt in die Zukunft, zur Liebe - gibt es einen wichtigeren Grund, um zu reisen?
"Tell me, o Muse, from those who travelled far an wide..." - Wahrlich ein Meisterwerk, das mich tief bewegt hat und noch lange nachwirken wird.