Bei genauer Betrachtung ist *An American Prayer* keine Doors-Scheibe. Aufgrund des Artworks ist das bereits ersichtlich. Es handelt sich auch um keine verschollene Soloscheibe von Jim Morrison, die irgendwann nach seinem Tode aufgetaucht ist. Es handelt sich lediglich, und ich schreibe ganz bewußt lediglich, um eine Ansammlung von Merkwürdigkeiten, die wohl unter normalen Umständen nie veröffentlicht worden wären, wenn
1. Jim Morrison nicht verstorben wäre und dadurch Kultstatus erlangt hätte
und
2. sich die Band *The Doors* ohne Identifikationsfigur nicht aufgelöst hätte.
Aber mal der Reihe nach:
Die von Jim Morrison verfassten Texte stammen aus einer Session von 1970. Morrison rezitierte seine Gedichte einsam ins Mikrofon und trank dabei Whiskey bis man am Ende der Ausnahmesession nur noch ein Lallen vernehmen konnte und der Tontechniker die buchstäbliche Reißleine zog. Was mit den Aufnahmen geschehen sollte blieb für immer Jim Morrisons Geheimnis. Die *Rest*-Doors nahm sich gen Ende der 70er diesen Aufnahmen an, versahen die besten Takes mit Melodien und veröffentlichten das Ganze 1978 als Platte.
Die Texte sind über jeden Zweifel erhaben und der Vortrag von Jim Morrison spiegelt wohl auch seine seelische Zerrissenheit wieder, die der Öffentlichkeit durch seine Bühnenexszesse komplett verborgen geblieben waren, aber die Musik verwässert den Sprachvertrag unnnötig. Eine Hörbuch-CD wäre an dieser Stelle besser gewesen. Ich will das musikalische Vermächtnis der Doors nicht unnötig schlechtreden, denn die Musik für sich genommen ist ebenfalls über jeden Zweifel erhaben und sorgt für angenehme Momente, die allerdings nicht wirklich im Kontext mit den Gedichten gehen, oder gar gehen können, da eben posthum niemand sagen konnte, wie Jim sich die Melodien für *seine* Lyrics vorgestellt hatte.
FAZIT: gute Musik - guter Text - aber nicht in wirklichen Einklang gebracht...