Auf - An American Crime - konfrontieren uns die Produzenten mit einer wahren Geschichte eines in unserer Gesellschaft absoluten tabuisierten Verbrechens. Sylvia - gespielt von Ellen Page - wird als 16-jährige im Rahmen von Erziehungsmaßnahmen von ihrer Pflegemutter auf die brutalste und abscheulichste Art und Weise misshandelt. Obwohl die Nachbarn regelmäßig die entsetzlichen Schreie des Mädchens hören, leisten sie (absolut gesellschaftstypisch) keinerlei Hilfe, sondern schließen die Augen und Ohren, und zu guter Letzt auch die Fenster und Rollläden, um das ganze Geschrei nicht länger mit anhören zu müssen.
Die Pflegemutter, die nach außen hin eine sympathische und anständige Frau verkörpert, merkt aber alsbald, dass die Nachbarn schon auf die Sache aufmerksam werden, und sperrt Sylvia - nach einer, ihrer Meinung nach, erneuten Missachtung der Regeln - in den Keller, kettet sie am Boden fest, und möchte in ihrem absolut krankhaften Wahn das Verhalten des Mädchens dadurch verändern, indem sie sie, unter der Mithilfe ihrer eigenen Kinder sowie der Nachbarskinder, mit Zigaretten versengt, mit Feuerzeugen verbrennt, und als das noch nicht zum gewünschten Erfolg führte, auch mit heißen Büroklammern brandmarkt.
Einerseits absolut erschreckend, andererseits sehr aufschlussreich wird der Zuschauer nicht nur mit dem Phänomen "Misshandlung" konfrontiert, sondern auch mit der traurigen Tatsache, welche Faszination sie auf Dritte ausübt. Die Misshandlung ist die brutalste Form der Gewaltanwendung, bei dem der Ausübende oder die Ausübenden - und das ist das Schlimmste daran - ganz schnell, um nicht zu sagen sofort, ein sichtbares Erfolgserlebnis ihrer Tat genießen können, und bei der Ausübung auch noch körperliche Glückshormone freigesetzt werden.
In meinem Berufsleben habe ich auch schon Kinder betreut, die gegenüber Dritten, brutalste Gewalt angewendet haben. In einem Interview sagten sie mir diesbezüglich, dass es nichts "geileres" gäbe, als in einem Kreis zu stehen und auf ein Opfer einzuprügeln, bzw., dass man in dieser Situation überhaupt nicht nachdenken, sondern sich einfach nur richtig gut fühlen würde. Das Erniedrigen von einem Dritten verleiht Macht und Stärke. Genau das kommt in dem Film - An American Crime - ganz erschreckend rüber. Vor allem, dass auch ganz anständige Kinder dabei ganz leicht zum Mittäter werden können, weil für sie das Ganze eher nur ein Spiel ist. Dass es sich bei dieser Tat um ein abscheuliches Verbrechen handelt, ist den Kindern allerdings in dieser Situation nicht, oder nicht immer bewusst.
An American Crime - beschreibt ein klassisches Tabu-Thema, ein Verbrechen, das auch in Deutschland problemlos in jeder Nachbarschaft passieren könnte, ohne dass es jemand mitbekommen würde. Dass so etwas passiert, oder so etwas möglich ist, liegt aber nicht nur am Täter, sondern vor allem an den Mitmenschen, die sich leider nicht mehr füreinander interessieren, oder bereit sind, für den Schwächeren, Partei zu ergreifen. Dass hier auch noch eine gehörige Portion Zivilcourage fehlt, brauche ich wohl an dieser Stelle nicht mehr groß erwähnen.