Roald Amundsen ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts; so wie man eben weiß, das Hillary als Erster den Mount Everest bestieg und Gagarin der erste Mensch im All war, so weiß man, das Amundsen den Südpol eroberte und damit Scott besiegte. Diese Leistung hat ihm Zugang zur Ahnengalerie der Entdecker verschafft und ihn als solchen zum Bestandteil unserer Allgemeinbildung gemacht. Aber was für ein Mensch sich hinter dieser Tat verbirgt, was ihn angetrieben hat, was er im Eis gesucht hat, fragen sich sicher nur wenige. Mehr als nur eine Antwort auf diese Fragen gibt diese ausgezeichnete Biographie.
Das Buch bietet überraschende Einzelheiten, die Amundsens Expeditionen (Nord-West-Passage, Südpol, Überflug des Nordpols) teilweise in neue Zusammenhänge einordnen. Auch wer sich schon etwas mit der Polarforschung am Anfang des vergangenen Jahrhunderts befasst hat, dürfte überrascht gewesen sein, dass Amundsen ernsthaft darüber nachgedacht hat, Eisbären als Zugtiere einzusetzen. In einem ganz anderen Licht erscheint einem nach dieser Lektüre auch der sogenannte "Wettlauf zum Südpol". Scott versuchte vergeblich vor seiner Expedition den Kontakt zu Amundsen herzustellen. Mit der Zusicherung, einen Vorstoss zum Nordpol zu wagen, erschlich sich Amundsen bei Nansen die "Fram" und segelte statt dessen in die Antarktis. Amundsen zeigt sich dem Betrachter nicht als einer, der von einer Idee besessen ist; vielmehr erweist er sich als kühler Rechner, der alles auf die Karte setzt, die den höchsten Gewinn verspricht.
Tor Bomann-Larsen hat ein umfangreiches, großzügig bebildertes und fesselndes Buch vorgelegt. Er beschreibt ausführlich Amundsens Werdegang, seine Expeditionen, aber auch das Davor und das Danach. Dabei scheut der Autor nicht davor zurück, Amundsens Handeln auch zu werten. So findet er klare Worte, wenn er beschreibt, warum Amundsen eben nicht die nationale Größe eines Fridtjof Nansen erlangte. Vor den Augen des Lesers entsteht das komplexe Bild eines Entdeckers, der sich selbst nicht zu erkennen wagte. Amundsen war ein getriebener, zwiespältiger Mensch. Er suchte zeitlebens die Heldenrolle auszufüllen, ohne wirklich Held sein zu können.
Auf seiner Flucht vor dauerhaften Zuständen und stabilen Beziehungen stürzt sich Amundsen am Ende in eine völlig übereilte Rettungsexpedition. Erst das ermöglichte ihm zu sterben, wie er zu leben pflegte: In großer Kulisse mit pathetischer Geste. Und so ist "Amundsen. Bezwinger beider Pole" gleichsam ein Lehrbeispiel über den kleinlichen Menschen, der sich als großzügiger Charakter darzustellen sucht.