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Jan May glaubt nicht, dass seine Freundin Leonie tot ist. Schließlich war sie doch am Telefon, Sekunden nur, bevor ein Polizist ihm von dem Autounfall erzählte. Ira Samin hingegen weiß, dass ihre Tochter tot ist. Sie hat Selbstmord begangen, und Samin, gebrochen, alkoholabhängig und von Schuldgefühlen gepeinigt, will ihr folgen. Doch die Kriminalpsychologin kommt nicht dazu, sich das Leben zu nehmen, weil sie zu einem Geiseldrama in einen Radiosender gerufen wird. Jan May hat die Kontrolle über die Sendung an sich gerissen und die Regeln des halbstündigen Telefonspiels verändert: bei Anruf Mord. Für jede falsche Parole will er eine Geisel erschießen, bis Leonie wieder bei ihm ist. Das von Simon Jäger gelesene Hörbuch nach Fitzeks zweitem Bestseller ist ein atemberaubender Thriller von cineastischer Geschwindigkeit. Jedem Protagonisten muss man misstrauen, und hinter jeder Ecke lautert eine neue Wendung. Damit bietet es trotz einiger Flachheiten, Klischees und Kitschende lohnendere fünf Stunden als Fitzeks parallel ebenfalls in Hörfassung erscheinender Erstling "Die Therapie". (kab)
Kurzbeschreibung
Dieser Tag soll ihr letzter sein. Die renommierte Kriminalpsychologin Ira Samin hat ihren Selbstmord sorgfältig vorbereitet. Zu schwer lastet der Tod ihrer ältesten Tochter auf ihrem Gewissen. Doch dann wird sie zu einem brutalen Geiseldrama in einem Radiosender gerufen. Ein Psychopath spielt ein makabres Spiel: Bei laufender Sendung ruft er wahllos Menschen an. Melden die sich am Telefon mit einer bestimmten Parole, wird eine Geisel freigelassen. Wenn nicht, wird eine erschossen. Der Mann droht, so lange weiterzuspielen, bis seine Verlobte zu ihm ins Studio kommt. Doch die ist seit Monaten tot. Ira beginnt mit einer aussichtslosen Verhandlung, bei der ihr Millionen Menschen zuhören …
Klappentext
Die Kriminalpsychologin Ira steht kurz vor ihren Selbstmord. Doch dann wird sie zu einem Geiseldrama in einen Radiosender gerufen: Ein Psychopath ruft bei laufender Sendung wahllos Menschen an. Melden die sich nicht mit einer bestimmten Parole, wird eine Geisel erschossen. Der Mann fordert, dass seine Verlobte ins Studio kommt. Doch die ist tot. Ira beginnt eine Verhandlung, bei der ihr Millionen Menschen zuhören ...
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Audio CD
.
Über den Autor
Sebastian Fitzek hat sich mit bislang sieben Bestsellern – zuletzt "Der Augensammler" und "Der Augenjäger" – längst seinen Ruf als DER deutsche Star des Psychothrillers erschrieben. Seine Bücher werden in vierundzwanzig Sprachen übersetzt; als einer der wenigen deutschen Thrillerautoren erscheint Sebastian Fitzek auch in den USA und England, der Heimat des Spannungsromans. Sein dritter Roman "Das Kind" wurde mit internationaler Besetzung verfilmt und kommt noch in diesem Jahr in die Kinos. Schreiben Sie dem Autor unter fitzek@sebastianfitzek.de, besuchen Sie ihn im Internet: www.sebastianfitzek.de oder http://www.facebook.com/sebastianfitzek.de.
Auszug aus Amokspiel. Psychothriller von Sebastian Fitzek. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Prolog
Der Anruf, der sein Leben für immer zerstörte, erreichte ihn exakt um 18.49
Uhr. Bei den nachfolgenden Befragungen wunderten sich alle, dass er die
genaue Uhrzeit im Gedächtnis behalten hatte. Die Polizei, sein unfähiger
Anwalt und auch die beiden Männer vom Bundesnachrichtendienst, die sich
erst als Journalisten vorstellten und dann das Kokain in seinem Kofferraum
versteckten. Alle fragten, weshalb er sich so gut an den Zeitpunkt erinnern
konnte. An etwas so Nebensächliches, verglichen mit alldem, was danach noch
passieren sollte. Die Antwort darauf war ganz einfach. Er hatte kurz nach
Beginn des Telefonats auf die rhythmisch blinkende Digitaluhr seines
Anrufbeantworters gestarrt. Das tat er immer, wenn er sich konzentrieren
wollte. Seine Augen suchten sich einen Ruhepunkt. Einen Fleck auf der
Fensterscheibe, eine Falte der Tischdecke oder den Zeiger einer Uhr.
Einfach einen Anker, an dem sie sich festhalten konnten. So, als ob dadurch
sein Verstand wie ein Schiff im Hafen sicher vertäut und in eine
Ruheposition gebracht würde, die es ihm ermöglichte, besser zu denken. Wenn
ihn früher, lange bevor das alles passiert war, seine Patienten mit
komplizierten psychologischen Problemen konfrontierten, war der Fixpunkt
seiner Augen stets ein zufälliges Muster in der Holzmaserung der wuchtigen
Praxistür gewesen.
Je nachdem, wie das Licht durch die getönten Scheiben seiner Privatpraxis
in den gediegenen Behandlungsraum fiel, hatte es ihn an ein Sternbild, ein
Kindergesicht oder eine frivole Aktzeichnung erinnert.
Als er um 18.47 Uhr und 52 Sekunden den Telefonhörer in die Hand nahm,
waren seine Gedanken weit entfernt von einer möglichen Katastrophe. Und
deshalb war er in den ersten Sekunden nicht bei der Sache. Seine Blicke
wanderten ruhelos durch das untere Stockwerk seines Maisonette-Appartements
am Gendarmenmarkt. Alles war perfekt. Luisa, seine rumänische Haushälterin,
hatte ganze Arbeit geleistet. Noch bis letzte Woche dachte er, seine
Zweitwohnung in Berlins neuer Mitte wäre eine reine Geldverschwendung, die
ihm ein geschickter Investment-Banker aufgeschwatzt hatte. Heute war er
froh, dass es den Maklern bisher nicht gelungen war, dieses Luxusobjekt in
seinem Auftrag zu vermieten. So konnte er Leoni heute hier mit einem
Vier-Gänge-Menü überraschen, das sie auf der Dachterrasse mit Blick auf das
illuminierte Konzerthaus genießen würden. Und dabei würde er ihr die Frage
stellen, die sie ihm bislang verboten hatte.
»Hallo?«
Er lief mit dem Hörer am Ohr in die geräumige Küche, die erst vorgestern
geliefert und eingebaut worden war. So wie fast alle anderen Möbel und
Einrichtungsgegenstände auch. Sein eigentlicher Wohnsitz lag in der
Berliner Vorstadt, in einer kleinen Villa mit Seeblick nahe der Glienicker
Brücke zwischen Potsdam und Berlin.
Der Wohlstand, der ihm dieses Leben ermöglichte, beruhte auf einem
spektakulären Behandlungserfolg, den er bemerkenswerterweise noch vor
Beginn seines Studiums erzielt hatte. Mit einfühlsamen Gesprächen hielt er
eine verzweifelte Schulfreundin vom Selbstmord ab, nachdem diese durch das
Abitur gefallen war. Ihr Vater, ein Unternehmer, bedankte sich mit einem
kleinen Aktienpaket seiner damals fast wertlosen Softwarefirma. Nur wenige
Monate später schoss der Kurs über Nacht in schwindelerregende Höhen.
»Hallo?«, fragte er noch einmal. Eigentlich wollte er gerade den Champagner
aus dem Kühlschrank holen, doch jetzt hielt er inne und versuchte, sich
ganz auf die Worte zu konzentrieren, die am anderen Ende der Leitung
gesprochen wurden. Vergeblich. Die Hintergrundgeräusche waren so stark,
dass er nur abgehackte Silben verstehen konnte.
»Schatz, bist du das?«
»... tu ...eid ...«
»Was sagst du? Wo bist du denn?« Er ging mit schnellen Schritten zur
Akkuladestation des Telefons zurück, die im Wohnzimmer auf einem kleinen
Tisch stand, direkt vor den großen Panoramafenstern zum Schauspielhaus.
»Hörst du mich jetzt besser?«
Natürlich nicht. Mit seinem Telefon hatte er im gesamten Haus gleichmäßig
guten Empfang. Er könnte damit sogar in den Fahrstuhl steigen, die sieben
Stockwerke nach unten fahren und gegenüber in der Hotellobby des Hilton
einen Kaffee bestellen, ohne dass dabei die Verständigung abreißen würde.
Der schlechte Empfang lag unter Garantie nicht an seinem Handy, sondern an
dem von Leoni.
»... heute ... nie mehr ...«
Die weiteren Worte gingen in einem Zischlautstakkato unter, ähnlich dem
eines alten Analogmodems bei der Einwahl ins Internet. Dann hörten diese
Geräusche so abrupt auf, dass er dachte, die Leitung wäre abgerissen. Er
nahm den Hörer vom Ohr und sah auf das grünlich schimmernde Display.
Aktiv!
Er riss den Apparat wieder hoch. Gerade noch rechtzeitig, um ein einziges,
deutliches Wort zu verstehen, bevor die Kakophonie aus Wind- und
Störgeräuschen wieder einsetzte. Ein Wort, an dem er eindeutig erkannte,
dass es wirklich Leoni war, die gerade mit ihm sprechen wollte. Dass es ihr
nicht gut ging. Und dass es keine Freudentränen waren, unter denen sie die
drei Buchstaben herauspresste, die ihn in den kommenden acht Monaten jeden
Tag verfolgen würden: »tot«.
Tot? Er versuchte, dem Ganzen einen Sinn zu geben, indem er sie fragte, ob
sie damit sagen wolle, die Verabredung sei gestorben? Gleichzeitig machte
sich in ihm ein Gefühl breit, das er sonst nur von Autofahrten in
unbekannten Gegenden kannte. Ein Gefühl, das ihn an einer leeren Ampel
instinktiv die Fahrertür verriegeln ließ, wenn ein Fußgänger sich seinem
Saab näherte.
Doch nicht das Baby?
Es war erst einen Monat her, dass er die leere Verpackung des
Schwangerschaftstests im Mülleimer gefunden hatte.
Sie hatte es ihm nicht gesagt. Wie immer. Leoni Gregor war das, was er
anderen gegenüber liebevoll als »schweigsam« und »geheimnisvoll« beschrieb.
Weniger wohlmeinende Menschen würden sie »verschlossen« oder einfach nur
»merkwürdig« genannt haben.
Von außen betrachtet, wirkten er und Leoni auf andere wie ein Paar, das man
problemlos für eine dieser Fotos ablichten könnte, die häufig zur
Verkaufsförderung als Attrappe in neuen Fotorahmen steckten. Motiv:
»Frischvermähltes Glück«. Sie, die sanfte Schönheit mit rohrzuckerbraunem
Teint und dunkel gelockten Haaren, daneben der jungenhafte Mittdreißiger
mit der etwas zu korrekt geschnittenen Frisur, in dessen humorvollen Augen
ein Funke Ungläubigkeit darüber aufzublitzen schien, eine so gutaussehende
Frau an seiner Seite zu haben. Äußerlich harmonierten sie. Aber
charakterlich trennten sie Welten.
Während er ihr bereits beim ersten Date sein gesamtes Leben offenbarte, gab
Leoni kaum das Nötigste von sich preis. Nur, dass sie noch nicht lange in
Berlin lebte, in Südafrika aufgewachsen und ihre Familie dort bei einem
Brand in einer Chemiefabrik ums Leben gekommen war.
Davon abgesehen, präsentierte sich ihm ihre Vergangenheit wie ein
zerfleddertes Tagebuch mit losen Seiten.
Einige Blätter waren flüchtig beschrieben, doch teilweise fehlten ganze
Abschnitte. Und wann immer er darauf zu sprechen kommen wollte auf die
fehlenden Kinderfotos, die nicht vorhandene beste Freundin oder die kaum
sichtbare Narbe über ihrem linken Jochbein, wechselte Leoni sofort das
Thema oder schüttelte einfach nur leicht den Kopf. Auch wenn daraufhin
jedes Mal die Alarmglocken in seinem Kopf schrillten, wusste er, dass diese
Geheimniskrämerei ihn nicht davon abhalten würde, Leoni zur Frau zu
nehmen.
»Was willst du mir damit sagen, Süße?« Er nahm den Hörer ans andere Ohr.
»Leoni, ich verstehe dich nicht. Was tut dir denn leid? Was ist nie mehr?«
Und wer oder was ist tot?, traute er sich nicht zu fragen, obwohl er nicht
davon ausging, dass sie ihn am anderen Ende der Leitung überhaupt verstehen
konnte. Er fasste einen Entschluss.
»Pass auf, Liebling. Die Leitung ist so mies wenn du mich jetzt hörst dann
leg bitte auf. Ich ruf dich gleich wieder an. Vielleicht ist ja dann«
»Nein, nicht! NICHT!«
Die Verbindung war plötzlich glasklar.
»Na endlich«, lachte er kurz, stockte dann aber. »Du klingst komisch.
Weinst du?«
»Ja. Ich habe geweint, aber das ist nicht wichtig. Hör mir einfach zu.
Bitte.«
»Ist etwas passiert?«
»Ja. Aber du darfst ihnen nichts glauben!«
»Wie bitte?«
»Glaub nicht, was sie dir sagen. Okay? Egal, was es ist. Du musst dir« Der
Rest des Satzes ging wieder in einem knarrenden Störgeräusch unter. Gleich
darauf zuckte er erschreckt zusammen, drehte sich ruckartig um und sah zur
Eingangstür.
»Leoni? Bist du das?«
Er sprach gleichzeitig in den Hörer und in Richtung Tür, an der es laut und
kräftig geklopft hatte. Jetzt hoffte er im Stillen, seine Freundin würde
endlich davorstehen und der schlechte Empfang hätte nur am Fahrstuhl
gelegen.
Sicher. Das würde Sinn ergeben. »Es tut mir leid, Schatz, ich komme zu
spät. Berufsverkehr, die Route nehme ich nie wieder. Bin völlig tot.«
Aber was soll ich nicht glauben? Warum weint sie? Und weshalb klopft sie an
der Tür?
Er hatte ihr heute Vormittag den Wohnungsschlüssel per Boten in die
Steuerkanzlei geschickt, in der sie als Aushilfssekretärin arbeitete.
Zusammen mit dem Hinweis, sie möge die Frankfurter Allgemeine auf Seite
zweiunddreißig aufschlagen. Dort war eine Anzeige abgedruckt, die er
aufgegeben hatte: die Wegskizze zu seinem Appartement.
Aber selbst wenn sie den Schlüssel vergessen haben sollte. Wie konnte sie
wie konnte irgendjemand nach oben gelangt sein, ohne dass der Portier vom
Empfang ihm Bescheid gab?
Er öffnete die Tür, und die Antworten blieben aus. Stattdessen kam eine
weitere Frage hinzu, denn der Mann, der vor ihm stand, war ein völlig
Fremder. Seiner äußeren Erscheinung nach schien er keine große Zuneigung zu
Fitnessstudios zu haben. Sein Bauch blähte ein weißes Baumwollhemd so weit
nach vorne, dass man nicht sehen konnte, ob er einen Gürtel trug oder ob
die fadenscheinige Flanellhose von seinen Speckrollen getragen wurde.
»Entschuldigen Sie die Störung«, begann dieser und fasste sich dabei
verlegen mit Daumen und Mittelfinger seiner linken Hand an beide Schläfen,
als stünde er kurz vor einer Migräneattacke.
Später konnte er sich nicht mehr erinnern, ob sich der Unbekannte überhaupt
vorgestellt oder sogar eine Marke gezeigt hatte. Doch schon dessen
allererste Worte klangen so routiniert, dass er sofort verstand: Dieser
Mann drang aus beruflichen Gründen in seine Welt, als Polizist. Und das war
nicht gut. Gar nicht gut.
»Es tut mir sehr leid, aber«
O Gott. Meine Mutter? Mein Bruder? Bitte lass es nicht meine Neffen sein.
Er ging im Geiste alle möglichen Opfer durch. »Sind Sie bekannt mit einer
Leoni Gregor?«
Der Kriminalpolizist rieb sich mit kurzen, dicken Fingern seine buschigen
Augenbrauen, die im starken Kontrast zu seinem fast kahlen Schädel
standen.
»Ja.«
Er war zu verwirrt, um seine wachsende Angst zu spüren.
Was hatte das Ganze hier mit seiner Freundin zu tun? Er sah auf den Hörer,
dessen Display ihm versicherte, dass die Verbindung weiterhin gehalten
wurde. Aus irgendeinem Grund kam es ihm vor, als ob sein Telefon in den
letzten Sekunden schwerer geworden wäre.
»Ich bin so schnell wie möglich gekommen, damit Sie es nicht aus der
Abendschau erfahren müssen.«
»Was denn?«
»Ihre Lebensgefährtin nun, sie hatte vor einer Stunde einen schweren
Autounfall.«
»Wie bitte?« Eine unglaubliche Erleichterung durchströmte seinen Körper,
und er merkte erst jetzt, wie sich die Furcht in ihm aufgestaut hatte. So
also musste sich jemand fühlen, der vom Arzt angerufen wird und die
Mitteilung bekommt, man habe sich geirrt. Alles wäre in Ordnung. Man hätte
die HIV-Teströhrchen nur vertauscht.
»Soll das ein Scherz sein?«, fragte er halb lachend, worauf der Polizist
ihn verständnislos ansah.
Er hob den Hörer ans Ohr. »Schatz, da will jemand mit dir sprechen«, sagte
er. Doch kurz bevor er dem Polizisten den Hörer reichen wollte, hielt er
noch einmal inne. Irgendetwas stimmte nicht mehr. Etwas war anders.
»Schatz?«
Keine Antwort. Das störende Zischen war plötzlich wieder genauso stark wie
zu Beginn des Telefonats.
»Hallo? Süße?« Er drehte sich um, steckte den Zeigefinger seiner freien
Hand in sein linkes Ohr und durchquerte mit schnellen Schritten sein
Wohnzimmer in Richtung der Fenster.
»Hier ist der Empfang besser«, sagte er zu dem Polizisten, der ihm langsam
in die Wohnung gefolgt war.
Doch das erwies sich wieder als Irrtum. Im Gegenteil.
Jetzt hörte er gar nichts mehr. Kein Atmen. Keine sinnentleerten Silben.
Keine Satzfetzen. Noch nicht einmal mehr ein Rauschen. Nichts.
Und zum ersten Mal begriff er, dass Stille Schmerzen hervorrufen kann, wie
es der größte Lärm nicht vermag.
»Es tut mir sehr, sehr leid für Sie.« Die Hand des Polizisten lastete auf
seiner Schulter. Im Spiegelbild der Panoramafenster sah er, dass der Mann
bis auf wenige Zentimeter an ihn herangetreten war. Wahrscheinlich hatte er
damit Erfahrung. Mit Menschen, die bei der Überbringung der Nachricht
zusammenklappten.
Und deshalb stellte er sich so unmittelbar in seine Nähe, damit er ihn
auffangen konnte. Buchstäblich für den Fall des Falles. Doch dazu würde es
nicht kommen.
Nicht heute.
Nicht bei ihm.
»Hören Sie«, sagte er und drehte sich um. »Ich erwarte Leoni in zehn
Minuten zum Abendessen. Ich habe gerade eben, kurz bevor Sie an meine Tür
klopften, mit ihr telefoniert.
Eigentlich telefoniere ich noch in diesem Moment mit ihr und«
Während er den letzten Satz sprach, reflektierte er bereits darüber, wie er
sich anhören musste. Schock, wäre seine eigene Diagnose, würde man ihn als
neutralen Psychologen fragen. Aber er war heute kein Neutrum. Er war in
diesem Augenblick die unfreiwillige Hauptperson des Schauspiels. Der Blick
in die Augen des Polizeibeamten raubte ihm schließlich die Kraft zum
Weitersprechen.
Glaub nicht, was sie dir sagen »Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen,
dass Ihre Lebensgefährtin, Leoni Gregor, vor einer Stunde auf dem Weg zu
Ihnen von der Fahrbahn abgekommen ist. Sie prallte gegen eine Ampel und
eine Häuserwand. Wir wissen noch nichts Genaueres, aber offenbar fing der
Wagen sofort Feuer. Es tut mir leid. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie
tun. Sie war sofort tot.«
Später, als die Beruhigungsmittel langsam ihre Wirkung verloren, kämpfte
sich die Erinnerung an eine frühere Patientin in sein Bewusstsein, die
einst ihren Kinderwagen vor der Tür einer Drogerie abgestellt hatte. Sie
wollte schnell eine Tube Sekundenkleber kaufen. Für den lockeren Absatz
ihrer hochhackigen Schuhe. Da es kalt war, deckte sie ihren fünf Monate
alten David gut zu, bevor sie das Geschäft betrat. Als sie drei Minuten
später wieder herauskam, stand der Kinderwagen noch vor dem Schaufenster.
Doch er war leer. David war verschwunden und blieb es für immer.
Während seiner Therapiegespräche mit der seelisch gebrochenen Mutter hatte
er sich oft gefragt, was in ihm selbst wohl vorgegangen wäre. Was er
empfunden hätte, wenn er damals die Decke vom Kinderwagen zurückgeschlagen
hätte, unter der es so merkwürdig ruhig war.
Er war immer davon ausgegangen, dass er den Schmerz der Frau niemals im
Leben würde nachvollziehen können.
Seit heute wusste er es besser.
Der Anruf, der sein Leben für immer zerstörte, erreichte ihn exakt um 18.49
Uhr. Bei den nachfolgenden Befragungen wunderten sich alle, dass er die
genaue Uhrzeit im Gedächtnis behalten hatte. Die Polizei, sein unfähiger
Anwalt und auch die beiden Männer vom Bundesnachrichtendienst, die sich
erst als Journalisten vorstellten und dann das Kokain in seinem Kofferraum
versteckten. Alle fragten, weshalb er sich so gut an den Zeitpunkt erinnern
konnte. An etwas so Nebensächliches, verglichen mit alldem, was danach noch
passieren sollte. Die Antwort darauf war ganz einfach. Er hatte kurz nach
Beginn des Telefonats auf die rhythmisch blinkende Digitaluhr seines
Anrufbeantworters gestarrt. Das tat er immer, wenn er sich konzentrieren
wollte. Seine Augen suchten sich einen Ruhepunkt. Einen Fleck auf der
Fensterscheibe, eine Falte der Tischdecke oder den Zeiger einer Uhr.
Einfach einen Anker, an dem sie sich festhalten konnten. So, als ob dadurch
sein Verstand wie ein Schiff im Hafen sicher vertäut und in eine
Ruheposition gebracht würde, die es ihm ermöglichte, besser zu denken. Wenn
ihn früher, lange bevor das alles passiert war, seine Patienten mit
komplizierten psychologischen Problemen konfrontierten, war der Fixpunkt
seiner Augen stets ein zufälliges Muster in der Holzmaserung der wuchtigen
Praxistür gewesen.
Je nachdem, wie das Licht durch die getönten Scheiben seiner Privatpraxis
in den gediegenen Behandlungsraum fiel, hatte es ihn an ein Sternbild, ein
Kindergesicht oder eine frivole Aktzeichnung erinnert.
Als er um 18.47 Uhr und 52 Sekunden den Telefonhörer in die Hand nahm,
waren seine Gedanken weit entfernt von einer möglichen Katastrophe. Und
deshalb war er in den ersten Sekunden nicht bei der Sache. Seine Blicke
wanderten ruhelos durch das untere Stockwerk seines Maisonette-Appartements
am Gendarmenmarkt. Alles war perfekt. Luisa, seine rumänische Haushälterin,
hatte ganze Arbeit geleistet. Noch bis letzte Woche dachte er, seine
Zweitwohnung in Berlins neuer Mitte wäre eine reine Geldverschwendung, die
ihm ein geschickter Investment-Banker aufgeschwatzt hatte. Heute war er
froh, dass es den Maklern bisher nicht gelungen war, dieses Luxusobjekt in
seinem Auftrag zu vermieten. So konnte er Leoni heute hier mit einem
Vier-Gänge-Menü überraschen, das sie auf der Dachterrasse mit Blick auf das
illuminierte Konzerthaus genießen würden. Und dabei würde er ihr die Frage
stellen, die sie ihm bislang verboten hatte.
»Hallo?«
Er lief mit dem Hörer am Ohr in die geräumige Küche, die erst vorgestern
geliefert und eingebaut worden war. So wie fast alle anderen Möbel und
Einrichtungsgegenstände auch. Sein eigentlicher Wohnsitz lag in der
Berliner Vorstadt, in einer kleinen Villa mit Seeblick nahe der Glienicker
Brücke zwischen Potsdam und Berlin.
Der Wohlstand, der ihm dieses Leben ermöglichte, beruhte auf einem
spektakulären Behandlungserfolg, den er bemerkenswerterweise noch vor
Beginn seines Studiums erzielt hatte. Mit einfühlsamen Gesprächen hielt er
eine verzweifelte Schulfreundin vom Selbstmord ab, nachdem diese durch das
Abitur gefallen war. Ihr Vater, ein Unternehmer, bedankte sich mit einem
kleinen Aktienpaket seiner damals fast wertlosen Softwarefirma. Nur wenige
Monate später schoss der Kurs über Nacht in schwindelerregende Höhen.
»Hallo?«, fragte er noch einmal. Eigentlich wollte er gerade den Champagner
aus dem Kühlschrank holen, doch jetzt hielt er inne und versuchte, sich
ganz auf die Worte zu konzentrieren, die am anderen Ende der Leitung
gesprochen wurden. Vergeblich. Die Hintergrundgeräusche waren so stark,
dass er nur abgehackte Silben verstehen konnte.
»Schatz, bist du das?«
»... tu ...eid ...«
»Was sagst du? Wo bist du denn?« Er ging mit schnellen Schritten zur
Akkuladestation des Telefons zurück, die im Wohnzimmer auf einem kleinen
Tisch stand, direkt vor den großen Panoramafenstern zum Schauspielhaus.
»Hörst du mich jetzt besser?«
Natürlich nicht. Mit seinem Telefon hatte er im gesamten Haus gleichmäßig
guten Empfang. Er könnte damit sogar in den Fahrstuhl steigen, die sieben
Stockwerke nach unten fahren und gegenüber in der Hotellobby des Hilton
einen Kaffee bestellen, ohne dass dabei die Verständigung abreißen würde.
Der schlechte Empfang lag unter Garantie nicht an seinem Handy, sondern an
dem von Leoni.
»... heute ... nie mehr ...«
Die weiteren Worte gingen in einem Zischlautstakkato unter, ähnlich dem
eines alten Analogmodems bei der Einwahl ins Internet. Dann hörten diese
Geräusche so abrupt auf, dass er dachte, die Leitung wäre abgerissen. Er
nahm den Hörer vom Ohr und sah auf das grünlich schimmernde Display.
Aktiv!
Er riss den Apparat wieder hoch. Gerade noch rechtzeitig, um ein einziges,
deutliches Wort zu verstehen, bevor die Kakophonie aus Wind- und
Störgeräuschen wieder einsetzte. Ein Wort, an dem er eindeutig erkannte,
dass es wirklich Leoni war, die gerade mit ihm sprechen wollte. Dass es ihr
nicht gut ging. Und dass es keine Freudentränen waren, unter denen sie die
drei Buchstaben herauspresste, die ihn in den kommenden acht Monaten jeden
Tag verfolgen würden: »tot«.
Tot? Er versuchte, dem Ganzen einen Sinn zu geben, indem er sie fragte, ob
sie damit sagen wolle, die Verabredung sei gestorben? Gleichzeitig machte
sich in ihm ein Gefühl breit, das er sonst nur von Autofahrten in
unbekannten Gegenden kannte. Ein Gefühl, das ihn an einer leeren Ampel
instinktiv die Fahrertür verriegeln ließ, wenn ein Fußgänger sich seinem
Saab näherte.
Doch nicht das Baby?
Es war erst einen Monat her, dass er die leere Verpackung des
Schwangerschaftstests im Mülleimer gefunden hatte.
Sie hatte es ihm nicht gesagt. Wie immer. Leoni Gregor war das, was er
anderen gegenüber liebevoll als »schweigsam« und »geheimnisvoll« beschrieb.
Weniger wohlmeinende Menschen würden sie »verschlossen« oder einfach nur
»merkwürdig« genannt haben.
Von außen betrachtet, wirkten er und Leoni auf andere wie ein Paar, das man
problemlos für eine dieser Fotos ablichten könnte, die häufig zur
Verkaufsförderung als Attrappe in neuen Fotorahmen steckten. Motiv:
»Frischvermähltes Glück«. Sie, die sanfte Schönheit mit rohrzuckerbraunem
Teint und dunkel gelockten Haaren, daneben der jungenhafte Mittdreißiger
mit der etwas zu korrekt geschnittenen Frisur, in dessen humorvollen Augen
ein Funke Ungläubigkeit darüber aufzublitzen schien, eine so gutaussehende
Frau an seiner Seite zu haben. Äußerlich harmonierten sie. Aber
charakterlich trennten sie Welten.
Während er ihr bereits beim ersten Date sein gesamtes Leben offenbarte, gab
Leoni kaum das Nötigste von sich preis. Nur, dass sie noch nicht lange in
Berlin lebte, in Südafrika aufgewachsen und ihre Familie dort bei einem
Brand in einer Chemiefabrik ums Leben gekommen war.
Davon abgesehen, präsentierte sich ihm ihre Vergangenheit wie ein
zerfleddertes Tagebuch mit losen Seiten.
Einige Blätter waren flüchtig beschrieben, doch teilweise fehlten ganze
Abschnitte. Und wann immer er darauf zu sprechen kommen wollte auf die
fehlenden Kinderfotos, die nicht vorhandene beste Freundin oder die kaum
sichtbare Narbe über ihrem linken Jochbein, wechselte Leoni sofort das
Thema oder schüttelte einfach nur leicht den Kopf. Auch wenn daraufhin
jedes Mal die Alarmglocken in seinem Kopf schrillten, wusste er, dass diese
Geheimniskrämerei ihn nicht davon abhalten würde, Leoni zur Frau zu
nehmen.
»Was willst du mir damit sagen, Süße?« Er nahm den Hörer ans andere Ohr.
»Leoni, ich verstehe dich nicht. Was tut dir denn leid? Was ist nie mehr?«
Und wer oder was ist tot?, traute er sich nicht zu fragen, obwohl er nicht
davon ausging, dass sie ihn am anderen Ende der Leitung überhaupt verstehen
konnte. Er fasste einen Entschluss.
»Pass auf, Liebling. Die Leitung ist so mies wenn du mich jetzt hörst dann
leg bitte auf. Ich ruf dich gleich wieder an. Vielleicht ist ja dann«
»Nein, nicht! NICHT!«
Die Verbindung war plötzlich glasklar.
»Na endlich«, lachte er kurz, stockte dann aber. »Du klingst komisch.
Weinst du?«
»Ja. Ich habe geweint, aber das ist nicht wichtig. Hör mir einfach zu.
Bitte.«
»Ist etwas passiert?«
»Ja. Aber du darfst ihnen nichts glauben!«
»Wie bitte?«
»Glaub nicht, was sie dir sagen. Okay? Egal, was es ist. Du musst dir« Der
Rest des Satzes ging wieder in einem knarrenden Störgeräusch unter. Gleich
darauf zuckte er erschreckt zusammen, drehte sich ruckartig um und sah zur
Eingangstür.
»Leoni? Bist du das?«
Er sprach gleichzeitig in den Hörer und in Richtung Tür, an der es laut und
kräftig geklopft hatte. Jetzt hoffte er im Stillen, seine Freundin würde
endlich davorstehen und der schlechte Empfang hätte nur am Fahrstuhl
gelegen.
Sicher. Das würde Sinn ergeben. »Es tut mir leid, Schatz, ich komme zu
spät. Berufsverkehr, die Route nehme ich nie wieder. Bin völlig tot.«
Aber was soll ich nicht glauben? Warum weint sie? Und weshalb klopft sie an
der Tür?
Er hatte ihr heute Vormittag den Wohnungsschlüssel per Boten in die
Steuerkanzlei geschickt, in der sie als Aushilfssekretärin arbeitete.
Zusammen mit dem Hinweis, sie möge die Frankfurter Allgemeine auf Seite
zweiunddreißig aufschlagen. Dort war eine Anzeige abgedruckt, die er
aufgegeben hatte: die Wegskizze zu seinem Appartement.
Aber selbst wenn sie den Schlüssel vergessen haben sollte. Wie konnte sie
wie konnte irgendjemand nach oben gelangt sein, ohne dass der Portier vom
Empfang ihm Bescheid gab?
Er öffnete die Tür, und die Antworten blieben aus. Stattdessen kam eine
weitere Frage hinzu, denn der Mann, der vor ihm stand, war ein völlig
Fremder. Seiner äußeren Erscheinung nach schien er keine große Zuneigung zu
Fitnessstudios zu haben. Sein Bauch blähte ein weißes Baumwollhemd so weit
nach vorne, dass man nicht sehen konnte, ob er einen Gürtel trug oder ob
die fadenscheinige Flanellhose von seinen Speckrollen getragen wurde.
»Entschuldigen Sie die Störung«, begann dieser und fasste sich dabei
verlegen mit Daumen und Mittelfinger seiner linken Hand an beide Schläfen,
als stünde er kurz vor einer Migräneattacke.
Später konnte er sich nicht mehr erinnern, ob sich der Unbekannte überhaupt
vorgestellt oder sogar eine Marke gezeigt hatte. Doch schon dessen
allererste Worte klangen so routiniert, dass er sofort verstand: Dieser
Mann drang aus beruflichen Gründen in seine Welt, als Polizist. Und das war
nicht gut. Gar nicht gut.
»Es tut mir sehr leid, aber«
O Gott. Meine Mutter? Mein Bruder? Bitte lass es nicht meine Neffen sein.
Er ging im Geiste alle möglichen Opfer durch. »Sind Sie bekannt mit einer
Leoni Gregor?«
Der Kriminalpolizist rieb sich mit kurzen, dicken Fingern seine buschigen
Augenbrauen, die im starken Kontrast zu seinem fast kahlen Schädel
standen.
»Ja.«
Er war zu verwirrt, um seine wachsende Angst zu spüren.
Was hatte das Ganze hier mit seiner Freundin zu tun? Er sah auf den Hörer,
dessen Display ihm versicherte, dass die Verbindung weiterhin gehalten
wurde. Aus irgendeinem Grund kam es ihm vor, als ob sein Telefon in den
letzten Sekunden schwerer geworden wäre.
»Ich bin so schnell wie möglich gekommen, damit Sie es nicht aus der
Abendschau erfahren müssen.«
»Was denn?«
»Ihre Lebensgefährtin nun, sie hatte vor einer Stunde einen schweren
Autounfall.«
»Wie bitte?« Eine unglaubliche Erleichterung durchströmte seinen Körper,
und er merkte erst jetzt, wie sich die Furcht in ihm aufgestaut hatte. So
also musste sich jemand fühlen, der vom Arzt angerufen wird und die
Mitteilung bekommt, man habe sich geirrt. Alles wäre in Ordnung. Man hätte
die HIV-Teströhrchen nur vertauscht.
»Soll das ein Scherz sein?«, fragte er halb lachend, worauf der Polizist
ihn verständnislos ansah.
Er hob den Hörer ans Ohr. »Schatz, da will jemand mit dir sprechen«, sagte
er. Doch kurz bevor er dem Polizisten den Hörer reichen wollte, hielt er
noch einmal inne. Irgendetwas stimmte nicht mehr. Etwas war anders.
»Schatz?«
Keine Antwort. Das störende Zischen war plötzlich wieder genauso stark wie
zu Beginn des Telefonats.
»Hallo? Süße?« Er drehte sich um, steckte den Zeigefinger seiner freien
Hand in sein linkes Ohr und durchquerte mit schnellen Schritten sein
Wohnzimmer in Richtung der Fenster.
»Hier ist der Empfang besser«, sagte er zu dem Polizisten, der ihm langsam
in die Wohnung gefolgt war.
Doch das erwies sich wieder als Irrtum. Im Gegenteil.
Jetzt hörte er gar nichts mehr. Kein Atmen. Keine sinnentleerten Silben.
Keine Satzfetzen. Noch nicht einmal mehr ein Rauschen. Nichts.
Und zum ersten Mal begriff er, dass Stille Schmerzen hervorrufen kann, wie
es der größte Lärm nicht vermag.
»Es tut mir sehr, sehr leid für Sie.« Die Hand des Polizisten lastete auf
seiner Schulter. Im Spiegelbild der Panoramafenster sah er, dass der Mann
bis auf wenige Zentimeter an ihn herangetreten war. Wahrscheinlich hatte er
damit Erfahrung. Mit Menschen, die bei der Überbringung der Nachricht
zusammenklappten.
Und deshalb stellte er sich so unmittelbar in seine Nähe, damit er ihn
auffangen konnte. Buchstäblich für den Fall des Falles. Doch dazu würde es
nicht kommen.
Nicht heute.
Nicht bei ihm.
»Hören Sie«, sagte er und drehte sich um. »Ich erwarte Leoni in zehn
Minuten zum Abendessen. Ich habe gerade eben, kurz bevor Sie an meine Tür
klopften, mit ihr telefoniert.
Eigentlich telefoniere ich noch in diesem Moment mit ihr und«
Während er den letzten Satz sprach, reflektierte er bereits darüber, wie er
sich anhören musste. Schock, wäre seine eigene Diagnose, würde man ihn als
neutralen Psychologen fragen. Aber er war heute kein Neutrum. Er war in
diesem Augenblick die unfreiwillige Hauptperson des Schauspiels. Der Blick
in die Augen des Polizeibeamten raubte ihm schließlich die Kraft zum
Weitersprechen.
Glaub nicht, was sie dir sagen »Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen,
dass Ihre Lebensgefährtin, Leoni Gregor, vor einer Stunde auf dem Weg zu
Ihnen von der Fahrbahn abgekommen ist. Sie prallte gegen eine Ampel und
eine Häuserwand. Wir wissen noch nichts Genaueres, aber offenbar fing der
Wagen sofort Feuer. Es tut mir leid. Die Ärzte konnten nichts mehr für sie
tun. Sie war sofort tot.«
Später, als die Beruhigungsmittel langsam ihre Wirkung verloren, kämpfte
sich die Erinnerung an eine frühere Patientin in sein Bewusstsein, die
einst ihren Kinderwagen vor der Tür einer Drogerie abgestellt hatte. Sie
wollte schnell eine Tube Sekundenkleber kaufen. Für den lockeren Absatz
ihrer hochhackigen Schuhe. Da es kalt war, deckte sie ihren fünf Monate
alten David gut zu, bevor sie das Geschäft betrat. Als sie drei Minuten
später wieder herauskam, stand der Kinderwagen noch vor dem Schaufenster.
Doch er war leer. David war verschwunden und blieb es für immer.
Während seiner Therapiegespräche mit der seelisch gebrochenen Mutter hatte
er sich oft gefragt, was in ihm selbst wohl vorgegangen wäre. Was er
empfunden hätte, wenn er damals die Decke vom Kinderwagen zurückgeschlagen
hätte, unter der es so merkwürdig ruhig war.
Er war immer davon ausgegangen, dass er den Schmerz der Frau niemals im
Leben würde nachvollziehen können.
Seit heute wusste er es besser.