Da ist es...
Lange hat man auf ein neues Lebenszeichen der im See ertrunkenen Schaurigkeit gewartet, die mit ihren (ehemals) verstörenden Death-Industrial Brechern für kaputt(!)e Ohren gesorgt und anschließend
mit ihren immer hörbarer werdenden, atmosphärisch bis kugelgetränkten Elektro-Spielereien jene wieder geheilt oder vollends zerstört hatte. Man erinnere sich nur an den "passenden" Release-Zeitpunkt für Kadaverkomplex und dem Überlied "Kugel im Gesicht (9mm)" und die kurzweilige Medienaufmerksamkeit. Danach erhielt sie einen Gastauftritt auf der LE des Meisterwerks Tineoidea oder: Die Folgen einer Nacht ihres ebenso gezügelteren Bruders Samsas Traum. Die neue Ausrichtung der Lieder auf der Trauma7-EP war hörbarer, mit Gesang und weniger Krach. Spätestens hier gab es sicherlich viele, wie meine Wenigkeit, die nach mehr lechzten. Live wurde KiG zum Kassenschlager, denn ohne Kugel gehen Samsas Traum Konzertbesucher niemals ins Bett...
Doch die Zeit im Schatten ist vorbei, A.K. entsteigt als Zombie dem Grab und schleudert uns 11 tanzbare, provozierende und rockende Stücke entgegen, die die Massen infizieren oder vernichten werden.
Das Cover (wenn ich auch persönlich den schreienden Kaschte-Zombie lieber dort gesehen hätte) macht klar, was einen erwartet: verrückte, hässliche, bluttriefende Welten aus dem Hirn des Käfer.Königs.
So beginnt das Album mit einem typisch "politischen" Weena Thema bzw. eben dem Bezug zur RAF. Stampfend, treibend und dennoch mit elektronisch verspielten Elementen nebst Gitarren schallt uns "Die Nacht der stumpfen Messer" entgegen. So weit, so gut. "Kaputt!" enthält sogar Streicher-Synthies, normalerweise typisch ST, und einen der besten Texte der Platte, live sicherlich ein Kracher. Lied Nummer 3, "Wenn ich einmal groß bin" ist unverwechselbar Weena Morloch, derart provozierend, dennoch mit den Augen zwinkernd, ist der Text und absolut tanzbar die Melodie. Ein weiteres Highlight. "Alarm" thematisiert gewisse Transporte, die ebenfalls perfekt ins Weena Schema passen und legt erneut einen zum Mitsingen einladenden Refrain und köstlichste Melodien zum Fraß für die Meute vor.
Anschließend beglückt man uns mit dem einigen sicherlich schon bekannten "Attentat", welches einst akustisch dargeboten wurde und nun durch die Weena-Verwandlung in neuem Glanz erstrahlt, aber nichts von seinem Charme verloren hat, im Gegenteil. Textlich, als auch musikalisch definitiv eines der Highlights der Platte! "Ein Lied, Dich zu töten" kennt man ebenfalls, sofern man sich die hübsche (Cover!) Vinyl Platte zugelegt hat (oder das Lied anderweitig bekommen hat, was ich insofern verstehe, da ich Vinylexklusive Veröffentlichungen ebenfalls doof finde), ist hier aber deutlich länger, wenn auch mit der selben wunderbaren Atmosphäre gesegnet, die eine weitere Facette WeeMos darstellt. Danach beißt sich der zukünftige Club-Hit "Disko-Vampir" in den Hals der Hörer, während "Versprochen" danach textlich den Rest gibt (wunderbare Anspielung auf die ganzen "Ich liebe dich für immer, wirklich!" Versprechen und erneut mit großem Augenzwinkern), jedoch auch musikalisch zu begeistern weiß. "Einen Lenin pro Tag" überzeugt ebenfalls und macht einmal mehr deutlich, wo Kaschte aktuell lebt und welchen Einfluss das Land bzw. deren Künstler auf ihn haben. Selbiges gilt für "Herz und Faust", das mit der eingängigen Musik überzeugt und einmal mehr zum mitsingen einlädt. Hier kann man die Beine nur schwer ruhig halten. Jedoch definitiv einer der Texte, der missverstanden werden könnte und dementsprechend weenatypisch provoziert. Ganz im Gegenteil zur Überraschung des Albums: "Amok" ist nämlich kein zweites "Kugel im Gesicht (9mm)" geworden, sondern eine waschechte (und schöne) Ballade mit sehr ernstem Inhalt. Meinen Respekt dafür, das hätten sicher die wenigstens erwartet, ich finde den Abschluß grandios.
Der Text ist so unglaublich wahr, dass ich hier meine einzige große Kritik (nebst dem Fakt, dass ich Digis hübscher als Cases finde) kundtun muss:
Wieso um alles in der Welt wird der am wenigsten provozierende Text des Albums nach dem damals achso großen "Ich werde mich durchsetzen und ihn abdrucken!" Geredes eben NICHT abgedruckt? Man nenne mich kleinlich, aber das hat mich doch ziemlich enttäuscht. Hier wird ein ernstes Thema kritisch, aber eben null provozierend oder gefühlsverletzend behandelt, wenn Trisol oder Kaschte Angst vor einer Indizierung hätten, dann wäre dies sicherlich der letzte Text des Albums, den man hätte "verstecken" müssen.
Abgesehen davon hat man hier aber eine absolut geniale Platte vorliegen, die mit K. typisch, genialen, zynischen Texten, wunderbaren Melodien und einer tollen Produktion daherkommt und live sicherlich ganz, ganz groß werden wird. Und wer nun dank der hörbaren musikalischen Annäherung, was den Stil angeht, den "Das hätte man auch unter Samsas Traum veröffentlichen können" Hammer schwinkt, hat beide Projekte nicht verstanden.
Bitte Kaschte, mehr davon!