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Amok
 
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Amok [Gebundene Ausgabe]

Emmanuel Carrère
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe
  • Verlag: Fischer (S.), Frankfurt; Auflage: 1 (2001)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3100102207
  • ISBN-13: 978-3100102201
  • Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 13,2 x 2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 391.459 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Es gibt kein richtiges Leben hinter dem falschen

«Amok»: Emmanuel Carrère interpretiert einen Kriminalfall

Viele Autoren werden vom Stoff überfordert, den sie sich ausgesucht haben. Manch einer merkt das selbst und nimmt von dem Vorhaben Abstand. So ging es auch dem Franzosen Emmanuel Carrère. Zweimal gab er auf – und fing doch wieder an. Denn die Geschichte, die ihm das Leben hier lieferte, war wie gemacht für ihn. Schon immer hatten ihn gespaltene Persönlichkeiten fasziniert, labile Identitäten und Doppelgängergeschichten. Hier war eine mit denkbar schlimmem Ausgang: fünffachem Mord.

Der Fall hat Schlagzeilen gemacht. Am 7. und 8. Januar 1993 erschlug Jean-Claude Romand in der Nähe von Genf seine Frau und erschoss seine beiden kleinen Kinder, fuhr dann zum Haus seiner Eltern und tötete auch sie. Der Versuch, sich selbst umzubringen, schlug fehl, dilettantisch unternommen und deshalb vermutlich auch nicht wirklich gewollt. Entsetzlicher fast als die Bluttaten selbst erscheint ihr Motiv: Romand wollte verhindern, dass seine Familie die Wahrheit über ihn erführe. Er war nämlich nicht, wie jeder glaubte, ein angesehener Arzt, angestellt bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, betraut mit Aufträgen rund um die Welt, der mit Ministern verkehrte, sondern ein Hochstapler.

Seit er, 18 Jahre vor der Katastrophe, während des Medizinstudiums eine Prüfung versäumt und aus Scham erzählt hatte, er habe sie bestanden, baute Romand ein bemerkenswertes Lügengebäude auf. Wände und Dach dieses Gebäudes errichtete er mit Geschick und Chuzpe, das Fundament war aber die Leichtgläubigkeit seiner Nächsten. Weder sein bester Freund noch seine Frau schöpften je Verdacht. Romand finanzierte die Fassade seiner Scheinexistenz mit hohen Summen, die ihm Verwandte und auch eine Geliebte liehen; angeblich legte er sie günstig in der Schweiz an. Der falsche Arzt war auch ein Betrüger von hoher krimineller Energie – die allerdings allein dem Ziel diente, nicht entlarvt zu werden.

Emmanuel Carrère versuchte Kontakt mit dem Mörder aufzunehmen, weil er wissen wollte, was in all der Zeit in ihm vorgegangen war, die dieser statt im Büro mit Waldspaziergängen verbracht hatte. Das richtige Leben hinter dem falschen wollte er finden. Da er keine Antwort erhielt, schrieb er statt der geplanten Geschichte einen Roman mit einem Mörder als Helden, der zugleich ein zärtlicher Vater ist (deutsch erschienen unter dem Titel «Schneetreiben»). Diesen Roman wiederum las Romand in der Untersuchungshaft und antwortete Carrère – nach mittlerweile zwei Jahren –, er sei zur Zusammenarbeit bereit.

Es kommt zu einem Briefwechsel, auch zu einem Treffen. Carrère sucht die Orte auf, an denen Romand die Zeit totschlug, und wohnt schliesslich dem Prozess bei; das Urteil lautet auf lebenslängliche Haft. Nun hat der Autor alle nötigen Informationen. Aber es fehlt ein «Bezugspunkt»: Die Fakten einfach für sich sprechen zu lassen, glaubt er, reicht in einem derart extremen Fall nicht. Erneut bricht er die Arbeit ab. Zwei Jahre später nimmt er sie wieder auf und schreibt «L'adversaire» («Amok» in der jetzt vorliegenden deutschsprachigen Fassung). Die Etappen seiner Beschäftigung mit dem Fall Romand sind zum Bestandteil des Buches geworden, der Bezugspunkt ist seine eigene Fassungslosigkeit.

Das geht, weil sich diese Fassungslosigkeit unmittelbar auf den Leser überträgt; lässt diesen aber auch etwas unbefriedigt zurück. Romands Lügengebäude wird ausgiebig abgeschritten, Stockwerk für Stockwerk und Zimmer für Zimmer, mit der Akribie einer Bauabnahme. Wie dieses Gebäude aber überhaupt stehen bleiben kann, 18 Jahre lang: Das bleibt so unerklärt wie die Motive des Architekten. Carrère kann statt einer Erklärung lediglich eine Theorie bieten. Die vorgebliche Existenz, schreibt er, hat die wirkliche aufgefressen, die Lüge die Wahrheit, der Schein das Sein; hinter dem falschen Arzt Dr. Romand verbirgt sich kein irgendwie gearteter echter Jean-Claude Romand, sondern – nichts. Deshalb kann, als die Entlarvung bevorsteht, die Lösung nur Selbstmord lauten. Den hat der fünffache Mörder aber gerade nicht – jedenfalls nicht konsequent – verübt. Und was über das Gefängnisleben des Verurteilten zu lesen ist, spricht eher dafür, dass er sich geschmeidig in eine neue Rolle hineinzufinden versteht. Bald kümmert sich eine christlich inspirierte Fürsorgegruppe um den Häftling, wird er Mitglied einer internationalen «Gebetskette». Und selbst der bekennende Agnostiker Carrère schliesst die Echtheit der pathetisch zur Schau getragenen Konversion nicht aus.

Der «Erfahrungsbericht», mit dem der Bekehrte in einer Zeitung «Zeugnis ablegt», belehrt in dem schwer erträglichen Tonfall des Konvertiten den aufmerksamen Leser eines Besseren: «Als Folge eines entsetzlichen Familiendramas» sitze er im Gefängnis. Dass Romand Urheber dieses Dramas ist, hat er offensichtlich schon verdrängt. Indem er sich zum Objekt göttlicher Gnade erklärt, die an ihm wieder einmal ihre Wunder wirkende Kraft demonstriert hat, entledigt er sich der Verantwortung für seine Taten. Demnächst wird er selbst glauben, ein neuer Mensch geworden zu sein. In der christlichen Wundermechanik ist es vom Sünder zum Heiligen nur ein Schritt.

Emmanuel Carrère beendet das Buch, das ihn sechs Jahre beschäftigt hat, in sympathischer Unschlüssigkeit. Wer Jean-Claude Romand wirklich ist, weiss niemand. Darzustellen, wer er sein könnte: Das wäre eine Aufgabe für die Literatur. Aber Literatur hat der Autor hier nicht machen wollen.

Martin Ebel

Kurzbeschreibung

Alles begann ganz harmlos: Eine versäumte Medizin-Klausur, eine kleine Lüge, die größere nach sich zog, und der Student Jean-Claude Romand kam aus dem Tritt. Um den schalen Geschmack seiner Erfolglosigkeit zu kaschieren, entwickelte er ein Doppelleben: Jahre später glaubte jeder in dem zweifachen Vater einen Arzt der Weltgesundheitsorganisation zu sehen. Nach außen ein gelungenes Leben, aber nichts war echt. Schließlich treibt die unablässige Mimikri ihn in die Ecke, er löscht seine Familie aus und will sich selber richten: Amok. Die Abgründigkeit dieser Geschichte scheint von Dostojewskij zu stammen, und doch hat sie sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer Grenze zugetragen. Vor aller Augen entspannte sich eine Tragödie und niemand, nicht einmal die Ehefrau, hatte nur das geringste geahnt. War da kein Spalt im Leben? Diese Frage ließ Emmanuel Carrère nicht los. Es gibt viele dieser Fälle, und fast nie haben wir eine Chance hinter die Geschichten zu schauen. Doch Carrère gelang es - mit Distanz und psychologischen Gespür entdeckt er uns die Innenwelt einer gigantischen Lüge, die unausweichlich tragisch endete.

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Ich hatte die Geschichte vor 13 oder 14 Jahren im Spiegel gelesen, der regelmäßig über besondere Gerichtsverfahren berichtet und war so schockiert und zugleich fasziniert, dass ich sie über all die Jahre nicht vergessen habe. Es geht um einen Mann, der sein ganzes Leben auf einer Lüge aufbaut: Er gibt vor, als Student eine medizinische Zwischenprüfung und später auch das Abschlussexamen bestanden zu haben und später bei der WHO (World Health Organisation) als erfolgreiche Spitzenkraft beschäftigt zu sein. Es gelingt ihm 18 Jahre lang (!!!!) seine Frau, seine Eltern und Schwiegereltern, seine Freunde und seine Geliebte erfolgreich zu täuschen und seinen Lebensunterhalt über Betrügereien und kriminelle Bankgeschäfte zu finanzieren. In Wirklichkeit treibt er sich tagtäglich in Hotels, Raststätten oder Wäldern herum, um den Tag zu verbringen. Als er einsehen muss, dass nach 18 Jahren schließlich doch der Schwindel auffliegen wird, bringt er seine Frau, seinen kleinen Kinder, seine Eltern und den Hund um. Sein Versuch, auch die Geliebte zu töten, scheitert.
Erinnert wurde ich an die Geschichte durch den Film "Auszeit", der vor kurzem im Fernsehen gezeigt wurde, sich aber nur an der Story anlehnt.Der Film "Amok" mit Daniel Auteuil orientiert sich dagegen an den Tatsachen.
Es ist für mich nicht fassbar, welche Energie ein Mensch aufbringen muss, um 18 Jahre lang sein gesamtes persönliches Umfeld lückenlos zu belügen. Ein unglaubliche Psychogramm!
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
In der Schule hab ich mal Folgendes gelernt: Was ist der Unterschied zwischen einem Drama und einer Tragödie? Antwort: In einer Tragödie steht das Ende fest. "Amok" ist eine Tragödie, und zwar genau in diesem Sinne.
Ein Bauernsohn will Großbürger sein und lügt sich mit kleinbürgerlichem Ehrgeiz in die Katastrophe. Von Anfang an ist völlig klar, daß diese Geschichte kein Zürück mehr kennt, zu sehr sind die Lügen des "Helden" in einander verwoben, wobei man sich in der Tat fragt, was war eigentlich die allererste Lüge, aus der es vermeintlich keinen Ausstieg mehr gab; die allererste Lüge, zwingend genug, die Saat der Katastrophe auszubringen.

Im TV läuft von Zeit zu Zeit der Fernsehfilm "Der Hammermörder", nach einem Drehbuch von Breinersdorfer - fast perfekt die gleiche Story und genauso wie "Amok" ein dramaturgisch konsumierbar gemachtes Dokumentarstück, die deutsche Version halt des kleinkarierten Selbstbetrugs mit großen Folgen. So liest sich "Amok" auch mehr wie ein Zeitungsartikel denn als literarisches Werk - schade, es müßte mehr von solchen Sachen geben.

Übrigens: der best gestaltete Schutzumschlag, den ich je gesehen habe - eine ziemlich angemessene Aufforderung, das Buch zu lesen.
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6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Beindruckend 17. August 2005
Format:Gebundene Ausgabe
Wie beindruckend diese unfassbare Geschichte ist, zeigt schon die verhältnismäßig große Anzahl der Rezensionen für dieses doch eigentlich unbekannte schmale Buch. Daß der Autor angesichts der Größe dieser Tragödie an einer Auflösung scheitert finde ich eher sympathisch. Sympathisch ist auch die Beleuchtung der Geschichte von verschiedenen Seiten. Der Autor auf der Seite des 'Monsters', dort die Nebenkläger. Das Buch ist kein Sensationsjournalismus sondern eher das Gegenteil. Trotzdem spannend und gut geschrieben.
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