Nach fast vier Jahren Pause brachte Steven Spielberg erneut wie 1993 zwei sehr unterschiedliche Filme in einem Jahr heraus: Im Sommer "Vergessene Welt", die sehr erfolgreiche Fortsetzung zu seinem größten finanziellen Erfolg "Jurassic Park", im Winter das Prestige-Projekt "Amistad", sein erster Film unter dem Banner seines neugegründeten Studios Dreamworks SKG. Doch während ihm in 1993 zum einen ein perfekter Unterhaltungsfilm und zum anderen mit "Schindlers Liste" einer der besten und wichtigsten Filme aller Zeiten gelang, war 1997 ein ungleich schwächeres und weniger inspirierteres Jahr.
"Amistad" ist ein hundertprozentig solider Film, handwerklich perfekt gemacht und versehen mit einer reichhaltigen und ernsthaften Thematik. Es ist ein nobler Film mit sehr guten Darstellern und einigen großartigen Momenten, doch letzten Endes springt der Funke einfach nicht so auf die Zuschauer über, alles wirkt etwas zu rein, zu kalkuliert, die Emotionalität der Geschichte wirkt leicht gekünstelt. Zum ersten Mal in seiner Karriere wirkte ein Spielberg-Film, ebenso schon "Vergessene Welt", einfach nicht richtig persönlich, die berühmte Spielberg-Magie war nicht mehr so recht zu spüren. Seine einzigartige Sensibiltät ist diesen beiden Filmen einfach nicht anzumerken, heraus kommen solide, aber seltsam distanzierte Filme.
"Amistad" behandelt die wahre Geschichte einer Meuterei auf dem Sklavenschiff Amistad im Jahr 1839, das sich auf dem Weg von Kuba in die USA befand. Diese wird angezettelt von Cinque (Djimon Hounsou), der das Schiff übernimmt und nach Afrika zurück möchte. Jedoch landen sie in den USA, wo sie festgenommen und eingesperrt werden. Der Film zeigt nun die vielen Gerichtsverhandlungen, die über das Schicksal der Afrikaner bestimmen. Im Fokus steht ein junger abolitionistischer Anwalt, Roger Sherman Baldwin (Matthew McConnaughey), der sich auf Besitzanspruchsfälle spezialisiert und die Angeklagten verteidigt.
Der Film beginnt bei der Meuterei, die überragend in Szene gesetzt ist: Diese findet bei einem wild wütenden Sturm statt, die einzigen Lichtquellen bei dieser Szene sind die Gewitterblitze, die das recht grausame Gemetzel immer mal wieder kurz erhellen. Die hervorragend fotografierte Szene ist höchst eindringlich und atmosphärisch gestaltet und man ist voll gefesselt. Hier wirkt Spielberg höchst inspiriert und inszeniert auf virtuose Weise. Das erste Drittel des Films erweist sich durchaus als sehr packend, jedoch zieht sich der zweite Akt dann teilweise etwas in die Länge, wenn es zum ersten Prozess geht, der schauspielerisch zwar absolut überzeugend, aber einfach auch etwas zu traditionell in Szene gesetzt ist.
Die zweite herausragende Sequenz des Films findet etwa zur Halbzeit statt, als Cinque vor Gericht seine Geschichte erzählt. Hier präsentiert Spielberg pures visuelles Geschichtenerzählen, was er so großartig beherrscht. Wir sehen eine recht ausführliche, minutenlange Rückblende, die gottseidank ohne Erzähler auskommt und absolut packend und teilweise sehr brutal inszeniert ist.
Bei den Darstellern ragen vor allem Djimon Hounsou und Anthony Hopkins heraus. Hounsou ist eine faszinierende Präsenz, die wie auch später u.a. bei "Blood Diamond" mit Vitalität förmlich vibriert. Hopkins spielt den ehemaligen US-Präsidenten John Quincy Adams, der sich am Ende des Films dem Fall annimmt und die Afrikaner leidenschaftlich verteidigt. Hopkins ist perfekt in seiner Rolle, sein großer Moment ist ganz klar die kraftvolle Rede, die er gegen Ende hält. Diese hat ihm dann wohl auch seine verdiente vierte und bisher letzte Oscar-Nominierung eingebracht. McConnaughey macht im Zentrum des Films eine sehr gute und auch sympathische Figur, der man gerne folgt.
Historisch gesehen hat sich "Amistad" als nicht ganz faktentreu erwiesen, was im Nachhinein auch von Experten kritisiert wurde. Spielberg gelang ein solider Film, der jedoch ganz und gar nicht zu seinen besten Werken gehört, da er trotz einiger hochkarätiger Momente einfach zu traditionell inszeniert ist und manchmal aufgesetzt emotional wirkt. Hier ist keine Spur von der überwältigenden emotionalen Kraft, die beispielsweise von "Schindlers Liste" ausgeht. Nichtsdestoweniger kann man mit Spielbergs 16. Spielfilm nicht viel verkehrt machen, er liefert auf jeden Fall gut gespielte und inszenierte Unterhaltung mit historischem Tiefgang und gelegentlichen bewegenden Momenten.