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Amerikas Welt [Gebundene Ausgabe]

Claus Leggewie


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Claus Leggewie
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Aus der Amazon.de-Redaktion

Alles schon viel zu amerikanisch bei uns? Alles noch längst nicht amerikanisch genug? Wofür Sie auch optieren: Mit Leggewies neuem Buch liegen Sie richtig. Es hilft, die jeweils eigenen Argumente zu mustern.

Der Preis: Die Leser müssen ihren Teil beitragen, lesen nämlich. Leggewie nimmt sich noch Zeit, ausführlich, mit vielen Beispielen zu argumentieren. Die fixe These, der schnelle Schuss -- beliebt in Presse, Funk und Fernsehen -- sind seine Sache nicht. Aber keine Bange: Medienstar Leggewie (ja, das ist der Gießener Politologe inzwischen) weiß, wie man Leser fesselt.

So zeigt er, der selbst in den USA gelehrt hat, wie töricht zum Beispiel das bei uns mittlerweile allgegenwärtige Klischee vom Universitäts-Paradies ist: Großzügig gesponsert, leistungsorientiert, charakterbildend und eben einfach spitzenmäßig? Durchschnitt bleibt auch drüben Durchschnitt (und der liegt häufig weit unter hiesigen Standards). Statt blind ein alles andere als perfektes System zu kopieren, sollten wir lieber, so Leggewie, epochale Umbrüche im Bereich Wissenschaft und Bildung wahrnehmen: "Wir stehen mitten in einer geradezu dramatischen Privatisierung des Wissens." Wollen wir solche Verhältnisse auch für uns?

Lieblingskapitel des Rezensenten: Zusammenstellung deutscher Amerika-Bücher der letzten 100 Jahre. Von Der Onkel aus Amerika. Schwank in einem Akt (1900) über Vorläufiges zur Amerikanisierung der Welt nach dem Kriegsschock 1919 oder aus der Nazizeit Amerikanische Finanzjuden (1936) bis hin etwa zu Charakterwäsche. Die amerikanische Besatzung in Deutschland des Konservativen Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing aus dem Jahr 1965: Die bloße Titelaufzählung zeigt bereits die ganze Problematik deutscher Amerikabilder.

Merken Sie sich diesen Band für die Umtausch-Arie nach den Feiertagen: Gute Lektüre! --Michael Winteroll

Neue Zürcher Zeitung

Amerika erklären

Bücher über das Verhältnis zwischen den USA und Europa

Ist Amerika überall? Oder ist Amerika anders? Kaum ein Europäer, der ein paar Jahre in den USA verbracht hat, verkneift sich, so scheint es, sein Amerika-Buch – ein Genre für Schnellschreiber, mit dem entsprechenden Verfallsdatum. Robert von Rimscha bietet eine unterhaltsame Chronik der letzten Jahre. Claus Leggewie erklärt Amerika und die Welt. Ein Band mit soziologischen Aufsätzen sagt uns, was wir bereits wissen.

Vor lauter Bildern kein Bild

Wohl von keinem Land haben wir mehr Bilder im Kopf als von Amerika, und doch kann man sich kein Bild machen von diesem scheinbar vertrauten Land, das einem fremder wird, je länger man dort lebt. Selten hätten wir den ethnologischen Scharf- und den philosophischen Weitblick eines Alexis de Tocqueville dringender gebraucht als heute. Der französische Adlige, der 1831 die Neue Welt bereiste, um zu lernen, was die Alte Welt von der Demokratie zu erhoffen und zu befürchten habe, hatte den Reisenden unserer Zeit eines voraus: Er reiste ohne das Amerika der Fernsehbilder im Kopf.

Die «televirtuelle Dauerpräsenz Amerikas» ist für Claus Leggewie ein Schlüssel zu unserem Amerika-Verständnis. Die «Imagologie der USA in unseren Köpfen», die er in seinem Buch «Amerikas Welt» verspricht, bleibt er dem Leser allerdings weitgehend schuldig, trotz einer beeindruckenden Materialfülle an Gehörtem, Gelesenem und (seltener) Erlebtem. Leggewie hat während dreier Jahre an der New York University als Gastprofessor unterrichtet, und vielleicht hätte er gut daran getan, ein Buch über das Innenleben der amerikanischen Universitäten zu schreiben. Der Abschnitt über die Stärken und Schwächen des amerikanischen Bildungswesens nämlich ist nicht nur für die gegenwärtigen Debatten in Europa aufschlussreich, sondern ist eine der stärksten Passagen des Buchs, das sich im Übrigen leider oft in redundant formulierten Plattitüden und Meinungen erschöpft («Niemand bestreitet Amerikas Grossmachtstatus, doch wird er von Freund und Feind aus durchsichtigen Interessen am Status quo und Angst vor neuen Zeiten übertrieben»).

Leggewie kann der Versuchung nicht widerstehen, anhand von Amerika die Welt zu erklären. Die thematischen Stränge jedoch wollen nicht zusammenfinden, vor allem in der zweiten Hälfte franst das Buch ins Allgemeine aus: Sei es das Verständnis von Nationalstaat und Bürgerschaft, die Rolle der Nato im Kosovo-Konflikt oder «Seattle» und die Folgen – man hat den Eindruck, Leggewie habe mitgenommen, was eben grad so in der Welt passierte, als er am Schreibtisch sass.

Nachschlagewerk für «shocking America»

Robert von Rimschas Buch «Die flexible Gesellschaft» ist über weite Strecken ein Déjà-vu, jedenfalls für den, der die letzten Jahre nicht auf dem Mond zugebracht hat. Trash-Talkshows und Todesstrafe, entrechtete Indianer und affirmative action, die religiöse Rechte sowie «geheilte» und rückfällige Schwule – nichts fehlt zwischen diesen beiden Buchdeckeln, auch die Mediengrössen sind vollständig versammelt, von Monica L. bis Raoul W. Wie schnell man doch vergisst, was Amerika (und deshalb auch uns) vor kurzem noch bewegt hat. Deshalb leistet diese Amerika-Chronik der letzten Jahre gute Dienste als Nachschlagewerk in Sachen shocking America, zumal Robert von Rimscha, der als Amerika-Korrespondent des Berliner «Tagesspiegels» in Washington lebt, jene unerlässlichen Hintergrundinformationen anfügt, die im allgemeinen Kopfschütteln meist untergehen. «Schüler können sich ungestraft den ‹deutschen Gruss› entbieten. Wer beim Beten erwischt wird, fliegt hingegen.» Wo der Durchschnittseuropäer nach dem gesunden Menschenverstand fragt, erklärt von Rimscha den Konflikt zwischen dem Verfassungsgrundsatz der Redefreiheit und dem der Trennung von Kirche und Staat. Was die Sprache angeht, muss man allerdings auch in diesem Buch des Öfteren auf die Zähne beissen. Der schnoddrig-flotte Reporterton ist den amerikanischen Kollegen abgeschaut – in der sehr viel weniger flexiblen deutschen Sprache wirkt das schnell einmal grob und nachlässig.

«Bald überall» – oder doch nicht?

Die grosse Interpretation vermisst man bei von Rimscha genauso wie bei Leggewie. Was die Schlussfolgerungen angeht, verhalten sich die beiden Bücher exakt komplementär. Claus Leggewie warnt davor, Amerika als den «deutschen Komparativ» zu sehen: «Amerika ist anders – dieser Satz muss allen Verstehensbemühungen im transatlantischen Klassenzimmer vorangestellt bleiben, gegen die (. . .) Erdkundelektion, dass Amerika ‹bald überall› sei.» Robert von Rimscha dagegen sieht «Amerika als Modell für das 21. Jahrhundert», und es ist ihm ernst damit: «Wer noch glaubt, es gäbe eine grundsätzliche Andersartigkeit der Bundesrepublik vis-à-vis dem Amerika der Jerrys (Springer & Seinfeld) und Larrys (Flynt & King), der täuscht sich. Die Empörung über den Umgang mit Clinton war das letzte Aufbegehren des Hochkultur-Europäers in seiner schizoiden Bedrängnis durch sein inneres Amerika.»

Einstellungen im Vergleich

In den soziologischen Aufsätzen des Bands «Die Vermessung kultureller Unterschiede» sucht man erst recht vergeblich nach dem grossen gedanklichen Wurf. Hier gibt es nicht einmal Anekdoten oder wenigstens Beobachtungen, denn eine solche empirische Soziologie vertraut auf Fachjargon und Umfrageergebnisse, die in aller Regel das ergeben, was ohnehin zu erwarten war. Zu den wenigen Überraschungen gehört etwa das Resultat eines Vergleichs der USA und Deutschlands bezüglich der Einstellung gegenüber harten Strafen: Bis in die späten sechziger Jahre waren in Deutschland bis zu 80 Prozent der Befragten für die Todesstrafe gewesen, die Amerikaner demgegenüber mehrheitlich dagegen; erst in den siebziger Jahren kehrte sich das Verhältnis um. Auch Jürgen Gerhards' und Jörg Rössels Beitrag «Familienkulturen in den USA und in West- und Ostdeutschland» fördert Denkwürdiges zutage, vor allem weil hier auch nach den Unterschieden zwischen den alten und den neuen Bundesländern gefragt wurde. In der Rollenverteilung von Mann und Frau scheint sich in Westdeutschland am wenigsten verändert zu haben. Am fortschrittlichsten denken Männer und Frauen in Ostdeutschland: Dort werden Mutterschaft und Berufstätigkeit von der grossen Mehrheit nicht als Widerspruch gesehen. Die USA liegen dazwischen, wobei zwischen West- und Ostdeutschland ein grösserer Graben klafft als zwischen Ostdeutschland und den USA.

Sieglinde Geisel


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