- Unbekannter Einband
- Verlag: München/Wien, Hanser, 1998. (1998)
- ASIN: B004ZK16RW
- Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.6 von 5 Sternen Alle Rezensionen anzeigen (17 Kundenrezensionen)
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Produktinformation
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Das Mädchen, das zur Terroristin wird, ist Merry, Tochter und einziges Kind des Ehepaares Levov, das im Amerika der Fünfziger und Sechziger eine ruhige Kindheit genießt, bis die Eindrücke des Vietnamkrieges sie Ende der Sechziger fanatisieren und als 16jährige Schülerin zur marxistisch motivierten "68er"-Terroristin werden lassen. Zentrales Thema des Buches ist aber nicht jener Terror, der "68er"-Zeitgeist und seine Begleiterscheinungen - wenngleich sie gestreift werden -, ebensowenig Merrys Schicksal selbst - ihr Untertauchen in den Untergrund und weiteres terroristisches Wirken -, sondern der innere Konflikt von Merrys Vater im Zusammenhang mit den schrecklichen Taten seiner Tochter.
Seymour Levov, seit Highschoolzeiten aufgrund seines Äußeres von den meisten nur "Der Schwede" genannt, ist als Nachfolger seines Vaters Besitzer und Betreiber einer exquisiten Handschuhfirma in Newark, New Jersey, und als Mensch die Vernunft in Person: korrekt, fleißig, zielstrebig, nüchtern, sachlich, tolerant. Diese Attribute haben ihn zu einem erfolgreichen Menschen werden lassen. Ungeachtet hartnäckigen Widerstandes hatte er, in der dritten Generation Angehöriger einer Familie jüdischer Einwanderer, Ende der Vierziger die irischstämmige (und damit katholische) Dawn Dwyer, ihres Zeichens Miss New Jersey, geheiratet und sich im beschaulichen ländlichen Old Rimrock seinen Traum einer ruhigen, friedlichen Existenz erfüllt. Merrys Hass auf die von ihr kalt und unbeteiligt empfundene, vernunftorientierte Umgebung, stellt seinen inneren Frieden, seine Welt auf den Kopf und stürzt ihn in eine tiefe Krise, die geprägt ist von dem Konflikt, die Motive seiner Tochter einerseits zu verstehen, andererseits zu verdrängen zu versuchen; einerseits getrieben von unbändigen Zorn und Hass und andererseits immer noch voller väterlicher Liebe für sie.
Dieser Rahmen gibt eine Geschichte vor, die zwar strukturell gegliedert scheint - drei große Kapitel mit biblischen Titeln und neun "Unterkapitel" -, eher aber locker konstruiert, Seymours innerem Seelenzustand und den biografischen Schilderungen der anderen Personen entsprechend assoziativ aufgebaut ist. Der vielschichtige Roman (erzählt in der Ich-Person von Roths fiktivem "alter ego", dem Schriftsteller Nathan Zuckerman) beleuchtet - für Roth durchaus typisch - scharf soziale und politische Zustände jener Zeit, Juden und Katholiken, Vietnam und Watergate, die allgemein labile politische Lage rund um Studentenproteste und Rassenunruhen. Roths besondere Fähigkeit ist es, durch das Verweben verschiedener Biografien ein ungeheuer lebendiges, differenziertes Bild einer Zeit zu vermitteln.
Alles in allem eine Lektüre, für die der Leser Zeit, Energie und Durchhaltevermögen zuhauf investieren muss. Der Lohn? Man sollte guten Gewissens vorsichtig damit sein, Philip Roths AMERIKANISCHES IDYLL vorschnell als Meisterwerk über zu lobpreisen, wie es verschiedentliche Kritiker getan haben. Dazu hat das Buch einfach zu viele augenfällige Schwächen. AMERIKANISCHES IDYLL rechtfertigt den großzügigen Umfang von ca. 570 Seiten nicht - es ist zu lang. Roth ist es nicht gelungen, sein in vielen Passagen so außergewöhnliches Talent zu konzentrieren, sodass unnötige, quälend lange innere Monologe und inhaltliche Wiederholungen leider oft die Regel sind. Hätte Roth vielleicht nur den Wahlspruch "Weniger ist mehr" beherzigt, dann hätte er vielleicht davon abgelassen, die über weite Strecken wahnsinnig intensive und fesselnde Geschichte und ihre Figuren sprachlich und stilistisch so zu überfrachten, dass man am Ende über Reizüberflutung und Quälerei klagt - und froh ist, das Buch endlich aus den Händen legen zu können.
Ein etwas ambivalentes Lesevergüngen also.
Danach jedoch, während sich die Geschichte entwickelt, erfährt der Leser die Hiobsbotschaft der amerikanischen liberalen und rationalen Nachkriegsgesellschaft. Seymour Levov, der ganz untypische amerikanische Jude, wird zum Hiob der aufgeklärten Neuzeit. Im Bewußtsein, die letzten irrationalen Auswüchse des Jahrhunderts mit NAZI-Deutschland vernichtet zu haben, scheint dem liberalen und sekularisierten Bürgertum alles machbar. Gütig und kompromißbereit im Umgang mit dem Nachwuchs, ist dessen Ziel religionsübergreifende moralische und ethische Ziele zu vermitteln und zu festigen. Die Allgemeingültigkeit dieser Regeln scheint so evident, daß jedes Mißlingen eines solchen Versuchs undenkbar anmutet.
Doch das Undenkbare passiert. Merry, die hochbegabte und gutbehütete Tochter der erfogreichen Familie, schlägt sich auf die andere Seite - wird Bombenlegerin - sprengt den kleine Laden im ländlichen Idyll und taucht unter. Seymours bis dahin glücklich-banales Leben zerfällt. Und wie an so vielen Eltern seiner Generation nagt die eine große Frage auch an ihm: "Was haben wir falsch gemacht?"
Wer die Geschichte der ausgehenden 60er Jahre in Amerika kennt, weiß, wieviele Gruppen durch Manipulation leichte Opfer unter der idealistischen Jugendlichen fanden. Doch Merry ist weit weg von einer zweiten Petty Hearst. Da Seymour keine äußeren Einflüße festmachen kann, die seine Tochter auf die Bahn, zuerst des Terrorismus, dann einer zivilsationsverneinenden indischen Sekte, gebracht hat, bleibt im nichts anderes übrig, als die Gründe innerhalb der Familie zu suchen. Doch statt dort die Erklärung zu finden, führen seine analytischen Versuche letzendlich zur inneren Auflösung.
Wer hofft, in diesem Buch eine Erklärung für den Generationskonflikt der 60er Jahre zu finden, wird enttäuscht werden. Denn die Hiobsbotschaft lautet: Dinge geschehen, unerklärlich - irrational. Und wer hofft durch eine vorgelebte liberale Ordnung "auf der sicheren Seite" zu sein, der irrt. Und wer versucht, solche Vorgänge in sein rationalistisches Weltbild zu integrieren, der zerbricht.
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