Dieter Schulz entfaltet für seine Leser das große Panorama der transzendentalistischen Gedankenwelt aus der eigenen leidvollen Erfahrung, als Student nur wenig Begeisterung für den schwer dechiffrierbaren Personalstil der neuenglischen Freidenker aufbringen zu können. „Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass ein Denken und Reden vom Ich her nicht unverbindlich zu sein braucht; dass jemand vielleicht gerade deshalb vage formuliert, weil er etwas zu sagen hat." Das übersichtlich strukturierte Buch entwickelt sich aus einer biographischen Skizze, in der die Lebensumstände und die Spannungen zwischen den drei Protagonisten aufgedeckt werden, um daraus auf den folgenden 200 Seiten die unterschiedlichen Akzente ihrer Naturbeobachtungen abzuleiten. Schulz begreift die in Emersons Hauptwerk, NATURE (1836), vorgestellten Metaphern des transparenten Augapfels und des sprichwörtlichen Ideengebäudes als Angelpunkte transzendentalistischer Denkweisen. An den Begriffen „Bauen" und „Sehen", die gleichzeitig die Überschriften für die zwei Hauptkapitel des Buches liefern, verfolgt der Autor die transzendentalistischen Entwürfe zu einer eigenständigen amerikanischen Literatur. Den Abschluß bildet eine zweite biographische Skizze, in der die Todesahnungen des Dreigestirns miteinander in Beziehung gesetzt werden. Über die existentiellen Bilder des Sehens und Bauens gelingt es ihm, die Standortbestimmungen von Emerson, Thoreau und Fuller von den romantischen Vorläufern abzuheben und die Besonderheiten für die amerikanische Kulturgeschichte herauszumeißeln. Die ökonomischen Implikationen von Emersons Texten für eine Bemächtigung der natürlichen Ressourcen im Gefolge der zunehmenden Industrialisierung zeigen, welche aus heutiger Sicht bedenklichen Anstöße aus der Emersonschen Selbstüberhöhung für eine Ausbeutungsmentalität ausgehen können. Die Abgrenzung zu Coleridges Unterscheidung zwischen „Reason and Understanding" und dessen Symbolbegriff, die gedanklichen Wurzeln im Oeuvre von Burke, Carlyle, Goethe, Swedenborg und Wordsworth dienen als Einstieg in die komplexe Sekundärliteratur der ideengeschichtlichen Wechselwirkungen. Der von den Transzendenalisten initiierte Autoritätsverlust der Tradition vermittelt grundlegende Impulse für eine eigenständige literarische Entwicklung. Schulz verweist zurecht auf den starke Einfluß, den die Transzendentalisten auf die amerikanische Avantgarde in Kunst und Musik ausübten. Nicht unerwähnt bleibt auch die Wirkung auf den Philosophen Friedrich Nietzsche und den Architekten Frank Lloyd Wright. Die Stellungnahmen von Emerson, Thoreau und Fuller zur Sklavenfrage, die in den 1850er Jahren zu immer größeren Spannungen zwischen den Nord- und Südstaaten führte, lassen die Unterschiede zwischen den Protagonisten deutlich zu Tage treten. In diesem Zusammenhang diskutiert Schulz auch die Auseinandersetzung um die Emanzipation der Frauen, die über Margaret Fuller eine engagierte erste Fürsprecherin fand. In seinem Kapitel zur „Sicht des Anderen: Freundschaft - Liebe - Einsamkeit" kommt der Autor seinem Ziel, das Bezugssystem von drei eigenwilligen Denkern offenzulegen, am nächsten. Die Auswertung der Gedichte, Essays und Tagebücher liefert ein erhellendes Bild der anregenden persönlichen Beziehungen, die sowohl tiefe Zuneigung als auch offene Antipathie prägten. Thoreaus sinnliche Öffnung für akustische Phänomen und die Einbindung des Zufälligen als ästhetisches Erlebnis berücksichtigt Forschungsergebnisse der Musik- und Kulturwissenschaften. Im Anhang ist eine kurze „Notiz zur Forschung" beigefügt, die allerdings wenige Hinweise zur Editionslage, dem Transzendentalismus als historischer Bewegung, der Rezeption, der Kanonbildung, dem Markt, der Ideengeschichte, Religionsgeschichte, Philosophie und Psychobiographie bietet. Die anschauliche Gegenüberstellung der unterschiedlichen Akzente, die Emerson und Thoreau in ihren Naturbildern setzten, rückt die Stimme von Margaret Fuller zugunsten ihrer soziologischen Arbeit in den Hintergrund. Dem im Titel des Buches (AMERIKANISCHER TRANSZENDENTALISMUS: Ralph Waldo Emerson - Henry David Thoreau - Margaret Fuller) suggerierten Anspruch, eine ausgewogene Analyse der ästhetischen Verflechtungen des transzendentalistischen Dreigestirns zu bieten, kann der Autor nur bedingt entsprechen. Erst im vierten der insgesamt 9 Unterkapitel konzentriert sich Schulze anhand der Wechselwirkungen des Feminismus mit dem Abolitionismus auf die Schriftstellerin. Für die maßgeblichen Veränderungen in der Rezeptionsgeschichte von Emerson, Thoreau und Fuller bleibt kaum Raum in der Darstellung. In seiner Abhandlung erweckt Schulz den Eindruck, als handele es sich vor allem bei Emersons Ausführungen um ein in sich schlüssiges Gedankenkonstrukt. Tatsächlich unterläuft sein transzendentalistisches Naturbild verschiedene Phasen, die sich in ihren Ausrichtungen auf Wordsworth, Goethe oder Platon maßgeblich voneinander unterscheiden. Die Bedeutung der transzendentalistischen Zeitschrift THE DIAL als publizistisches Sprachrohr für die zum Teil extravaganten Reformansätze zu erfassen und mit Margaret Fullers Rolle als Herausgeberin in Bezug zu bringen ließ sich offensichtlich in dem zur Verfügung stehenden Rahmen des Buches nicht realisieren. Für solche spezifischen Aspekte bleibt dem interessierten Leser nur der Griff zur Sekundärliteratur. Schulze liefert mit seiner Arbeit über den amerikanischen Transzendentalismus und die komplexen Beziehungen der drei prominenten Vertreter einen hervorragenden Einstieg in einen zentralen Abschnitt der amerikanische Kulturgeschichte, der durch seine schlüssige Gliederung, eine klare Sprache und aussagekräftige Zitaten besticht.