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Dennoch sieht Gersemann vor allem die Vorteile des US-Arbeitsmarktes und ist der Auffassung, dass sich diese auch in der Bundesrepublik verwirklichen ließen, wenn man an den entscheidenden Stellen Korrekturen vornähme. Ihm zufolge besteht in zahlreichen Fällen lediglich die Alternative zwischen unsicher beschäftigt und arbeitslos sein. An die Produktivkraft einer Dauerbeschäftigung und die aus einer Wirtschaftsethik abgeleiteten Pflicht des Unternehmers oder Managers, genügend Aufträge zu an Land zu ziehen, neue Märkte zu erschließen - eine Position, die beispielsweise Trigema-Chef Wolfgang Grupp immer wieder vertritt - denkt Gersemann leider nicht. Und auch als Nicht-Gewerkschaftler sollte man wissen, dass Mitbestimmung eine wesentliche Bedeutung für den produktiven Aufbau von innerbetrieblicher Kooperation und Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern haben kann. Dies erkennen selbst einige liberale Arbeitsmarkttheoretiker an.
Gersemanns positive Analyse ist also wesentlich höher einzuschätzen als seine normative. Allerdings gelangt er zu dieser normativen Schlussfolgerung, weil seine positive Analyse nicht ganz vollständig ist: Er vermeidet jegliche Untersuchung der Wirtschaftsethik des rheinischen Kapitalismus, des Einflusses der Wettbewerbspolitik (z.B. Verbot sämtlicher Fusionen und Übernahmen, weil dies aus dynamischer Sicht mit dem Rückgang innovativer Kompetenzen seitens der Unternehmen einhergeht) sowie des Zusammenhangs zwischen Mitbestimmung und Arbeitsproduktivität. Gerade diese Faktoren waren es, die die Bundesrepublik in der Vergangenheit einen hohen Wohlstand für sehr viele Bevölkerungsgruppen ermöglicht haben. Zu fragen ist also, wie das "Modell Deutschland" so reformiert werden kann, dass einerseits wieder Arbeitsplätze geschaffen werden und andererseits nicht die negativen sozialen Probleme enstehen, die beispielsweise in den USA bekannt sind. Mit anderen Worten: Es ist vor allem die Interdependenz der Ordnungen zu berücksichtigen. Es geht um den sozial produktiven Ausgleich zwischen volkswirtschaftlicher Effizienz, Verbrauchersouveränität und sozialen Zielen wie die Möglichkeit, als Mensch in Würde zu leben. Dies haben die Gründerväter der Sozialen Marktwirtschaft wie Eucken und vor allem Müller-Armack klar erkannt, ebenso wie das Problem, dass auf solch komplexe Fragen keine einfachen Antworten zu erreichen sind.
Der Leser dieses Buches sollte sich also diesen Hintergründen bewusst sein. Dann liest man dieses Buch zweifellos mit großem Gewinn.
Der Titel dagegen lässt zunächst ein Buch völlig anderen Inhalts vermuten - nämlich eines das den deutschen Gewerkschaftern nach dem Mund redet. Erst bei näherer Betrachtung erfährt man, dass der Titel extrem zynisch gemeint ist, da der Autor die "ach so schlimmen amerikanischen Verhältnisse" einmal mit richtigen Fakten anstatt mit dummem Nachgeplapper untersucht, und damit zu dem Ergebnis kommt, dass in den USA wahrhaft vieles richtig gelaufen ist, das in Deutschland aufgrund des Klammerns an veralteten Gegebenheiten kategorisch falsch gemacht wurde. Während der guten Zeiten liessen sich diese Fehler noch gut vertuschen, aber heute kommen sie an's Tageslicht. Reformen wie "Hartz IV" gehen erstens gar nicht weit genung, und kommen zweitens viel zu spät. Den Amerikanern geht es deshalb heute besser als den Deutschen.
Es sei gesagt, dass der Autor eine in Deutschland unübliche harte Linie gegen die übermächtigen Gewerkschaften und für die Dienstleistungsgesellschaft in den USA fährt - aber dafür hat er SEHR gute Gründe, und deshalb ist seine Position berechtigt. Derartige Worte erwarte ich eigentlich auch von einem tatenlosen Bundeskanzler, der den Gewerkschaften nicht zu widersprechen traut und sich sogar für nur halbherzige Reformen noch schämt.
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