Offensichtlich geht es der Feuilletonredaktion mit dieser Reihe nicht so sehr darum, die besten Werke der jeweiligen Autoren zu präsentieren, sondern mitunter auch unbekanntere Bücher einem größeren Publikum nahezubringen. Das ist im Falle von Hermann Hesse, John Steinbeck und Franz Kafka so. Ein typischer Roman des Prager Juristen wäre „Der Prozeß" gewesen, der erste Band der „Trilogie der Einsamkeit" wie Kafkas bester Freund Max Brod es nannte. „Der Prozeß" und „Das Schloß" sind das, was man als „kafkaesk" bezeichnet, also die Schilderung bedrückend-absurder Geschichten. In den beiden Romanen wird die Hauptfigur schlicht K. genannt, ein Mann in den Dreißigern, mit einem gut bezahlten, angesehenen Beruf, der ohnmächtig gegen die Anfeindungen und Schikanen eines unsichtbaren Gegners ankämpft. Es wird nicht erklärt, warum K. so schlecht behandelt wird, um so beklemmender ist die Wirkung, um so nachdenklicher stimmen die Geschichten und um so stärker ist ihre Wirkung. Im Falle von „Amerika" liegen die Dinge anders. Die Hauptfigur heißt Karl Roßmann und ist ein 16-jähriger Mittelschüler, der von seinen Eltern in die USA geschickt wird. Auch diesem jungen Mann wird immer wieder Unrecht angetan, aber nie von einer unheimlichen, im Verborgenen arbeitenden Macht, sondern von konkret zu benennenden Personen, wie etwa seinen Eltern, seinen Vorgesetzten und seinen Arbeitskollegen. Somit wirkt die Geschichte sehr viel konventioneller als z.B. die großartige, verstörende Erzählung „Die Verwandlung", für Kafkas Verhältnisse ist „Amerika" fast schon leicht und unbeschwert. An mehreren Stellen, etwa als Karl einen Job als Liftboy annimmt, erinnerte mich die Geschichte an Thomas Manns „Felix Krull", besonders der gekonnte Umgang mit der Sprache drängte den Vergleich auf. Und tatsächlich gibt es auch Humor in diesem Buch, wenn auch nur an wenigen Stellen und fein dosiert. Sehr ungewöhnlich fand ich das zwar offene, aber eher fröhliche als pessimistische Ende des Romans. Zwar gibt es auch im „Prozeß" und im „Schloß" kleine Lichtblicke, in denen der Held Hoffnung schöpfen kann und Hilfe angeboten bekommt, doch in „Amerika" ist tatsächlich ein guter Ausgang der Geschichte vorstellbar. Immer wieder wird Karl der rasche Aufstieg in Amerika in Aussicht gestellt, doch immer wieder wird er enttäuscht und rennt ins nächste Unglück. Ein ständiges Auf und Ab und er gibt nicht auf, sondern glaubt an sich. Das Buch endet damit, daß Karl sich dem „Naturtheater von Oklahoma" anschließt, einer Art Wanderzirkus, in der jeder gebraucht wird und willkommen ist, unabhängig von seiner Qualifikation und bisherigen Berufslaufbahn. Am Ende steigen alle in einen Zug und werden zu ihrem nächsten Einsatzort transportiert. Das kann man unterschiedlich deuten, für mich spielt es auf den bevorstehenden Ersten Weltkrieg an, in dem ein lang ersehntes Gemeinschaftsgefühl die Menschen verband, und in dem selbst diejenigen wichtig wurden, die sich zuvor als Tagelöhner durchschlagen mußte, so wie Karl Roßmann an der Ostküste der USA.
„Amerika" von Franz Kafka ist ein flüssig zu lesender Roman, der durch seine klare und schöne Sprache besticht. Eine Geschichte über das Erwachsen werden und die Probleme eines naiven und sensiblen Teenagers in einer oft groben Welt, in der die meisten nur an ihr persönliches Vorankommen denken. Mal ein anderer, Mut machender, Franz Kafka.