Über die Vereinigten Staaten von Amerika ist schon so viel geschrieben worden. Aber was Jean Baudrillard da zu Papier bringt, ist ziemlich einzigartig. 1986, Reagan und Thatcher regierten die Welt, philosophierte der Hauptvertreter der Postmoderne und des Alten Europa über das Wesen der USA. Dass das beim Erfinder des Simulakrum eine ganz eigene Note erhält, überrascht nicht wirklich. Trotzdem hier ein Beispiel, damit keiner hinterher behaupten kann, er sei nicht gewarnt gewesen. Über Salt Lake City weiß Baudrillard folgendes zu berichten: "Der transsexuelle, kapitalistische Hochmut des Mutanten macht die Magie dieser Stadt aus, jenes Gegenstück zu Las Vegas, dieser großen Hure auf der anderen Seite der Wüste" (11). Und das ist noch harmlos. Teilweise ist das, was der Autor hier veranstaltet, wahre Sprachakrobatik.
Was will Baudrillard denn nun eigentlich? Lobt er Amerika? Kritisiert er Amerika? Geht es ihm um Wirtschaft, Moral oder etwas völlig anderes? Oder ist "Amerika" schlussendlich nur ein Paradebeispiel intellektueller Selbstbefriedigung? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Dennoch, oder gerade deshalb, ist das Buch ein tolles, wenn auch forderndes Lesevergnügen.
Im Buch wimmelt es nur so von kunstvoll-metaphorischen Sätzen, die sehr viel Konzentration verlangen. Wenn man sich die Mühe macht, diese Sätze zu entschlüsseln, wird man merken, dass es sich hier nicht nur um hohles Geschwätz handelt. Freude an einer anspruchsvollen und teilweise auch abgehobenen Sprache sollte der Leser allerdings schon mitbringen. Sonst wird man das Buch nach ein paar Seiten wohl frustriert in die Ecke schmeißen.
Eine weitere Herausforderung stellt das Vokabular des französischen Philosophen dar. Der folgende Satz verdeutlicht die Problematik: "Amerika ist weder Traum noch Realität, es ist Hyperrealität. Eine Hyperrealität, weil eine Utopie von Anfang an schon verwirklicht gelebt wurde. Alles ist hier wirklich und pragmatisch, alles lässt einen Traumwandeln. Die amerikanische Wirklichkeit kann möglicherweise nur einem Europäer aufgehen, da nur er hier das perfekte Simulakrum der Immanenz und der materiellen Vorschrift aller Werte entdeckt" (45). Hyperrealität, Simulation und Simulakrum sind Begriffe, die sich durch das gesamt Werk Baudrillards ziehen. In etwa bezeichnet er damit das Phänomen einer nicht mehr vorhandenen, weil nicht mehr wahrnehmbaren, Realität, was dadurch zu kompensieren versucht wird, indem die angebliche Realität eines Sachverhaltes umso mehr betont wird. In einem Essay über den Golfkrieg 1991 mit dem bezeichnenden Titel "Der Golfkrieg fand nicht statt" behauptete Baudrillard, dass die Realität Golfkrieg für uns nicht zu erfassen ist, da wir diesen nur durch die Medien präsentiert bekamen. Jeder Bericht suggerierte eine etwas andere Realität und das Gesamtbild ist eben die Hyperrealität. Auch die im Vorfeld des derzeitigen Golfkrieges präsentierten "Beweise" des damaligen Außenministers Colin Powell passen in dieses Bild. Dieser präsentierte der Welt vor der UN eine Realität, die durch ihre professionelle technische Aufmachung überzeugen sollte. Gerade diese Betonung des Realen verdeckte jedoch, dass alles gelogen war. Hyperrealität in Reinform.
Schwierige Sprache, schwieriges Vokabular; warum sollte man sich das antun? Versuchen und selbst ein Urteil bilden. Manche Formulierungen hätte sich der Autor echt sparen können. Trotzdem enthält das Buch viele faszinierende Ideen, die nur darauf warten, entziffert zu werden. Das ist lohnend und macht über weite Strecken auch noch Spaß.