Auf Vorschlag der Zeitschrift ,Atlantic Monthly' unternahm der französische Philosoph, Publizist und Politiker Berater Bernard-Henry Lévy zwischen 2004 und 2005 eine Forschungsreise quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Er trat in die Fußstapfen seines Landsmannes Alexis de Tocqueville, der im Jahre 1831 im Auftrag der französischen Regierung vor Ort das Strafsystem der Vereinigten Staaten untersuchte. Lévy zieht Parallelen zwischen dem Auftrag Tocquevilles und seiner Mission. Beide untersuchen die Zustände in den amerikanischen Gefängnissen und beide suchen Antworten auf aktuelle Fragestellungen: Wie steht es mit der Demokratie? Droht eine Diktatur der Mehrheit oder der Minderheit? Steht die Republik vor dem Abgrund?
Seine Route führte Lévy von Ost nach West, von Nord nach Süd gegen die Uhrzeigerrichtung. Neben bekannten Politikern, berühmten Hollywood-Stars und einflussreichen Wirtschaftskapitänen unterhielt er sich auch mit dem einfachen Mann auf der Strasse. In seinem Reisetagebuch hat er die Sorgen und Nöte, die Wünsche und Sehnsüchte dieser Menschen, aber auch sein persönlichen Eindrücke festgehalten.
Auf seiner ersten Station, der Stadt Newport in Rhode Island, umfängt ihn ein Fahnenmeer aus blau, rot, weiß. Einen Europäer mag die Omnipräsenz der U.S. Flaggen an Masten, Häusern und auf T-Shirts verwundern (ich habe eine solche "verschwenderische Fülle" an deutschen Flaggen nur während der Fussball Weltmeisterschaft 2006 wahrgenommen), für die Bürger Amerikas, egal welcher Mehr- oder Minderheit sie angehören, ist sie Teil des Patriotismus, der die vielen Gegensätze überwindet.
Der verblüffende "leidenschaftliche Patriotismus der Amerikaner", begleitet Lévy auf seiner Reise durch die ,neue Welt'. Am Mount Rushmore trifft er auf eine andere Form. Überdimensional aus dem Stein gehauen ragen die Köpfe von vier amerikanischen Präsidenten aus dem Berg, der den Lakota Indianern heilig ist. Peinlich, ja beschämend nimmt sich dagegen das nur wenige Meilen entfernte, unvollendete Crazy Horse Memorial aus, welches ursprünglich als Gegenstück gedacht war. Dem Andenken an die Urbevölkerung fehlt nicht nur an diesem Ort das Geld.
Mobilität genießt bei den Amerikanern einen hohen Stellenwert. Autos und Straßen sind die Symbole dieser Mobilität. Die Motels an der Straße, die "Supermärkte des Schlafens", laden nur zu einer kurzen Rast und nicht zu einem längeren Aufenthalt ein. Die Fast-Food Ketten, Lévy bezeichnet sie als "Franchise-Ernährungsmaschinen", sättigen den Hunger und stillen den Durst, versprechen aber kein genussvolles Speisen. Das schier endlose "doppelspurige Geflecht" in den Ballungsräumen spiegelt das pulsierende Leben des ,keep moving' wieder. In den endlosen Weiten des Landes, mit ihren Entfernungen, "die für einen Europäer so trügerisch sind", schwindet das Gefühl für Raum und Zeit. "Man übt sich in Langsamkeit und Geduld", schreibt Lévy und philosophiert über die Sprache der Strasse.
Die Krise der Automobil- und Stahlindustrie hat ihre Spuren in den Städten an den großen Seen hinterlassen. In Detroit, der ehemaligen Welthauptstadt des Automobils, erinnern verlasse Straßenzüge und verfalle Häuser an zerbombte Städte nach einem Krieg. Lévy protokolliert: "Das Mysterium dieser modernen Ruinen. Rätselhaftes Amerika, dem wie ich entdecke, ein uraltes Gefühl Probleme macht, wenn nicht sogar fremd ist, das grundlegend für die europäische Kultur und wesentliche Bestandteil seiner Urbanität ist: die Liebe zur Stadt."
Beim Besuch des Kennedymuseums in Dallas stellt Lévy erstaunt fest, dass der Mythos Kennedy trotz (oder wegen) der peinlichen Enthüllungen immer noch "funktioniert". "Die Kennedys sind keine amerikanische Königsfamilie, wie manchmal gesagt wird. Sie sind vielmehr die Leidensgenossen von Ödipus, Achilles, Theseus, Narziss oder Prometheus. Sie sind der tragische Teil eines Volkes, das glaubte, die Tragödie bliebe ihm erspart. Sie sind die Griechen Amerikas".
Bereits eingangs wurde erwähnt, dass die Gefängnisbesichtigungen einen Schwerpunkt der Reise bildeten. Ob auf der New Yorker Gefängnisinsel Rikers Island, einer ehemaligen Müllkippe, auf der nun der ,Müll' der Gesellschaft entsorgt wird, oder auf der der Museumsinsel Alcatraz, wo Gefangene und Touristen gleichermaßen Ausbruchsfantasien brüteten und grübeln. Gibt es einen Unterschied, so fragt Lévy, zwischen der goldenen Rentnerfestung Sun City, in der die Menschen vor Einbrechern geschützt werden und den Strafvollzugsanstalten, in denen den Insassen der Ausbruch verwehrt wird.
Seattle, Boston, New Orleans und Savannah sind Städte, die Lévy gefallen. An Seattle schätzt er die Jugendlichkeit, die Kreativität und die Intelligenz, aber auch das unkonventionelle, unangepasste Leben im östlichen Schmelztiegel Amerikas. Es sind aber vor allem die frankophilien Städte, die Lévys Sympathie genießen: "Ich werde die Langsamkeit von New Orleans nicht vergessen." Hierzu zählt auch das europäisch geprägte Boston: "Ja, diese Stadt gefällt mir".
Los Angelos hingegen ist für ihn nicht fassbar. Diese Stadt ist so gigantisch, grenzenlos, nicht vollkommen überblickbar, ohne Zentrum, "gesichtslos". "Und ich fürchte, eine Stadt jenseits der Geschichtlichkeit ist eine Stadt, deren baldigen Tod man voraussagen kann."
Mit gemischten Gefühlen verlässt Lévy das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch nicht nur Lévy, auch viele Amerikaner selbst haben eine skeptische Haltung gegenüber ihrem Land eingenommen. Amerika steht vor einer ungewissen Zukunft. Unsicherheit, Verwirrung und Schwindelgefühle (vertrigo) beherrschen den Alltag. Welche Rolle kommt Amerika nach dem Zusammenbruch der alten Weltordnung zu?
Lévy bewundert den Patriotismus, die Freiheitsliebe und die Entfaltungsmöglichkeiten des Landes, das Faschismus und Kommunismus besiegt hat. Gegründet als loser Staatenbund, ein abstraktes Gebilde ohne autochthone Bevölkerung, nicht an ein bestimmtes Territorium gebunden, wird dieses Land dennoch von einem "festen, aber unscheinbarem Band" zusammengehalten und ist dem Einheitsgedanken verpflichtet ("e pluribus unum").
Befremdend wirken die zunehmende Armut, die Verleugnung der Schattenseiten und die Entwicklung der neokonservativen Kräfte. Undemokratisch und unwürdig erscheint die spitzfindige Diskussion über die Zulassung von Folter.
Hat Lévy die Seele Amerikas gefunden? Ich wage dies zu bezweifeln. Bernard-Henry Lévy scheint mir doch allzu sehr mit den Vorurteilen und Klischees des Europäers behaftet, um dieses Land zu verstehen. Ein Besucher, der die europäisch geprägten amerikanischen Städte liebt und dem das "Lächeln, das nichts bedeuten will" nur eine "leere Freundschaftsbezeugung" ist, muss mehr als eine Facette Amerikas verschlossen bleiben.
Umgekehrt zeugt auch der Kommentar der New York Times von Unverständnis und Intoleranz: "Dieses Buch hat keinerlei Nutzen, außer der Erkenntnis, dass Reisen nicht zwangsläufig den eigenen Horizont erweitert ... Danke, Kumpel. Schön, dass du da warst. Sei so gut und mach die Tür zu - von außen."