Es geschieht leider nicht so oft, wie man sich das wünscht, doch manchmal treten sie empor, die kleinen Wunder, Filme, die es schaffen, etwas gänzlich Originelles zu sein. "American Splendor" ist so ein Film, eine Independent-Perle, die überrascht, fasziniert, berührt und auch ein wenig irritiert.
Der 2003 entstandene Film, der eine Art seltsamer Hybrid aus Biopic, existenzialistischem Drama, lakonischer Komödie und Comicverfilmung darstellt, wurde auf sehr kreative Weise von dem Regisseur-Ehepaar Shari Springer Berman und Robert Pulcini inszeniert. "American Splendor" basiert auf der gleichnamigen Underground-Comicreihe von Harvey Pekar, einem notorisch schlecht gelaunten, schwermütigen und einfach gestrickten Krankenhausarchivar aus Cleveland, der eines Tages in seiner Verzweiflung auf die Idee kam, sein tristes Leben als Comic darzustellen.
Der Film folgt den prägenden Abschnitten seines Lebens, doch ist dabei nicht als eine konventionelle Filmbiografie zu verstehen. Den Filmemachern gelang es, die Comics auf faszinierende Weise filmisch zum Leben zu erwecken, indem immer wieder kleine Anmerkungen in Kästchen oben am Bildrand erscheinen, Sprechblasen über die Köpfe der Charaktere gesetzt werden oder eine Real-Einstellung nahtlos in eine Zeichnung übergeht. Darüber hinaus kommt es vor, dass das Gezeichnete in den Realfilm integriert wird, oder umgekehrt. Ein genialer Kniff ist auch, dass die realen Charaktere, vor allem Pekar selbst, oft selbst auftreten, das Geschehen aus dem Off kommentieren, von den Filmemachern in einem Tonstudio interviewt werden oder sogar mit ihren Darstellern auch mal im selben Bild sind. Dadurch entsteht eine faszinierende Überlagerung der Realitätsebenen, die den Film zu etwas wirklich erfrischend Einzigartigem machen.
Durch diese Nebeneinanderstellung ist es auch verblüffend, wie perfekt die Schauspieler ihre realen Gegenüber darstellen, scheinbar regelrecht ihr Wesen und ihre skurrilen Eigenarten übernehmen. Gespielt wird Pekar von Paul Giamatti, der hier den Nagel auf den Kopf trifft und eine meisterhafte Leistung bietet. Dasselbe ist über Hope Davis zu sagen, die die nicht minder verschrobene Joyce Brabner, Pekars langjährige Ehefrau, spielt. Auch exzellent besetzt ist der ohnehin schon etwas seltsam anmutende Judah Friedlander, der Toby Radloff, den "genuine nerd" und Kollegen von Pekar, verkörpert. Auch diesem gelingt es, seinen exzentrischen Charakter bis auf die Stimme genau zu treffen.
"Ordinary Life is pretty complex stuff", so lautet der passende Leitspruch der Comics. Pekar ist kein Comicheld wie Superman oder Batman, er ist ein einsamer Kerl, der ein langweiliges und ereignisloses Dasein im tristen Cleveland fristet und eigentlich nie gut gelaunt ist. Er ist ein unverbesserlicher Pessimist, der oft sehr unsympathisch rüberkommt und daher nicht unbedingt eine Figur ist, mit der man sich immer leicht identifizieren kann. Doch Pekar ist eine reale Person, ein Held des Alltags, der sich mit ganz üblichen Banalitäten rumschlägt und diese dokumentiert hat. Doch für ihn ist nichts trivial, denn das ist nun mal sein Leben. Der Film zeigt im letzten Drittel schließlich Pekars Kampf gegen den Krebs, den er gemeinsam mit seiner Frau in Comicform unter dem Titel "My Cancer Year" dokumentiert und damit vielleicht sogar besiegt hat.
"American Splendor" ist sicherlich kein Film, der jedermanns Geschmack treffen kann. Die schrulligen Eigenarten der Charaktere, die den Film und die Comics bevölkern, haben zwar immer ihren ganz besonderen Charme, können bisweilen aber irritierend sein. Den Filmemachern gelang es jedoch auf wirklich eindrucksvolle Weise, das Universum von "American Splendor" filmisch zu interpretieren, wodurch ein faszinierendes und höchst unkonventionelles Spiel mit Realität und Fiktion entstand.