Mit "American Recordings" begann 1994 Johnny Cashs spektakuläres Comeback. Viele andere an seiner Stelle hätten vielleicht nochmal "Ring of Fire" eingespielt (Nix gegen "Ring of Fire"!), und basta. Aber Cash war viel zu gut, um alte Stiefel zu reiten (nochmal: Nix gegen "Ring of Fire"!), und auch wenn dieses Album noch nicht die Intensität von "Solitary Man" und "The Man Comes Around" erreicht und einen noch nicht so unmittelbar mitten ins Herz trifft und waidwund zurücklässt -- es ist eines jener Alben, die man nicht vergisst, nicht vergessen kann.
Cash zeigt sich hier von einer weniger bekannten Seite, lässt seinen berühmten "boom-chicka-boom"-Rhythmus weg und führt stattdessen weiter, was er schon Ende der 60er Jahre andeutete (etwa mit "Long Black Veil" auf "San Quentin"): Er singt ganz einfach (einfach...) 13 Songs mit seinem unverwechselbaren Bass-Bariton und begleitet sich auf der Akustik-Gitarre. Kein Firlefanz, das hat er nicht nötig. Das Wohnzimmer als Aufnahmestudio... Derlei Minimalismus erinnert einen an Monolithen wie Woody Guthrie oder Leadbelly, und Johnny Cash hält diesem Vergleich stand.
Beim ersten Hören wirkt "American Recordings" "nur" ganz einfach schön, homogen, wunderbar entspannt und locker, aber nie oberflächlich; Cash archaisch-dunkle Stimme schließt jedes Tralala von vornherein aus. Ein rundum gelungenes Album, ohne Zweifel. Nick Lowes selten düsteres "The Beast in Me" fällt einem wahrscheinlich sofort auf, wohl auch das eindringliche "Redemption", und natürlich Leonard Cohens unsterblicher "Bird on the Wire" -- bei letzterem wundert man sich höchstens, dass Cash das nicht schon früher eingespielt hat. Seine Version klingt jedenfalls ähnlich überzeugend wie Cohens Live-Version 1993 oder die Interpretationen von Joe Cocker, Jennifer Warnes oder K.D. Lang.
Aber "American Recordings" hat mehr zu bieten, als man beim ersten Anhören mitbekommt, viel mehr. Jeder Track ist ein Juwel der Songwriter-Tradition, mal mit Country- und mal mit Gospel-Einschlag (die passende musikalische Schublade für Johnny Cash muss erst noch gezimmert werden). Heuler wie z.B. "Delia's Gone" ebenso wie Cashs Eigenkompositionen (u.a. Drive On, Redemption, Like a Soldier) bestechen durch eine Intensität, die durch keinerlei überladenes Arrangement überdeckt wird. Hinzu kommen Kompositionen etwa von Tom Waits (Down There by the Train), Kris Kristofferson (Why Me, Lord) und Glenn Danzig -- richtig gelesen! --, denen Cash den musikalischen Ritterschlag verleiht.
Es sind die Songs, die er schon immer aufnehmen wollte, und dank seinem neuen Produzenten Rick Rubin konnte er sie so einspielen, wie e r wollte.
Und nun kommt der erste Hammer: Von einem Musiker, den man vor allem als begnadeten Folk- und Country-Sänger und Songwriter kennt, erwartet man nicht unbedingt, dass er sich z.B. mit dem Metal-Rocker Glenn Danzig befasst. Und der zweite Hammer kommt gleich hinterher: Normalerweise würde ein Album, auf dem ein beliebiger Interpret Songs von Glenn Danzig u n d Leonard Cohen singt, etwas, öhöm, inhomogen klingen. Aber Cash ist kein beliebiger Interpret, sondern ein einzigartiger; einer, der die Kompositionen anderer zu seinen eigenen machen kann und ihre wahre Seele findet, ihnen neue Größe verleiht oder ihre Größe überhaupt erst entdeckt. Das können nur wenige: Bob Dylan kann es, Ray Charles konnte es -- und eben auch Johnny Cash.
"American Recordings" gehört zu jenen Alben, für die die Repeat-Taste erfunden worden ist. Man liebt es, kaum dass die ersten Takte von "Delia's Gone" verklungen sind, man schließt es ins Herz, noch während man's zum ersten Mal hört; mit jedem weiteren Durchlauf entdeckt man Neues, und spätestens beim dritten Hören ist man süchtig. Soviel Glückshormone auf einmal gibt's nicht alle Tage.
Cash as Cash can!