Es war einer dieser faden Nachmittage, die der unterbeschäftigte Student nach einigem Hin und Her im Plattenladen seines Vertrauens totschlägt; man setzt sich den abgewetzten, noch warmen Kopfhörer auf, hört in neue CDs rein, fachsimpelt mit dem Personal.
Und dann, ohne Vorwarnung, kam ER um die Ecke: Cool, lässig, ein Straßenkämpfer, das schwarze Haar mit Poesie gestriegelt, zig Löcher in beiden Armen. Ich kannte ihn einmal gut, hatte ihn aus den Augen verloren, aber in diesem Moment war er wie ein verschollener Bruder: Lou Reed, live am 26.12.1972 in New York City (= Lou Reed City = The Velvet City). Als Bootleg bekannt und in Insiderkreisen begehrt, jetzt endlich unter dem nicht grade bescheidenen Titel „American Poet" veröffentlicht.
Ich halte diese CD für ein Meisterwerk in einer an wirklich exzellenten und unerlässlichen Live-Platten armen Zeitgeschichte!
Jetzt hielt mich nichts mehr zurück: Anlage auf volle Lautstärke, ebenso die Kopfhörer ... und schon hämmern Lou und seine (fantastisch aufgelegte) Band die Akkorde von WHITE LIGHT/WHITE HEAT in meinen Schädel, hart und druckvoll, und da weiß ich wieder, was ich an diesem kleinen Giftzwerg immer schon geliebt habe und wieso alle Velvet Underground-CDs in meinem Schrank stehen und wieso ich noch heute stolz darauf bin, während der WM 1998 das kultige, heisere Krächzen von Heribert Fassbender verpasst zu haben, weil ich „Velvet Underground & Nico" ungefähr zehnmal hintereinander hören musste.
Ich habe diese Live-CD im Laden komplett durchgehört, ohne Pause, mal abgesehen von dem kultigen Interview („Doug Yule is dead..."). Lous Gesang ist an diesem Abend besser denn je, seine Witze sitzen ... er ist nicht irgendein Rocker oder irgendein Musikant auf der Durchreise: LOU REED IST AN DIESEM ABEND ROCK AND ROLL!
Wie HEROIN dich verschluckt, bis Du von Poseidon wieder ausgespuckt wirst, hinauf, bis zum Rande der Galaxie, wo niemand dich erwartet oder vermisst, und dann fällst Du wieder rücklings zurück ... das ist einfach mehr als die Beschreibung eines tristen Junkie-Daseins, das ist Kunst. Und WALK ON THE WILD SIDE klingt viel wärmer, emotionaler, realer als die Bowie-Produktion auf „Transformer". Wie entfesselt kämpft sich die Band, und wir mit ihnen, nicht minder schweißgebadet, durch die Songs, manchen Klassiker (VICIOUS, SATELLITE OF LOVE), andere durch die rustikale Neubehandlung geadelt (I'M SO FREE, BERLIN).
Und nachdem die letzten Takte von ROCK'N'ROLL verstummt sind, die winzige Zuschauermenge tobt, die Gänsehaut mit dir treibt, was sie will, und Lou Reed uns allen eine schöne Nacht wünscht, da klingt das überhaupt nicht zynisch oder abgeschmackt: Es ist ein Versprechen! Und widerspreche IHM besser nicht...