Willi Loman ist und bleibt bis zum heutigen Tag einer der großen gescheiterten Figuren der amerikanischen Literaturgeschichte. Das Scheitern des Protagonisten in Arthur Millers Drama
Death of a Salesman bedeutet auch gleichzeitig das Scheitern eines großen Versprechens, welches auch heute noch die ideologische Grundlage der amerikanischen Gesellschaft liefert: Das Versprechen des American Dream. Swede Levov ist sicherlich kein zweiter Willi Loman. Zu erfolgreich verlief lange Zeit das Leben Levovs, der große Footballstar zu High School Zeiten, der später die Miss New Jersey heiratete und schließlich die gut laufende Hanfschuhmanufaktur seines Vaters übernahm. Sein Leben ist bis zum Jahr 1968 eine nahezu groteske Verwirklichung des amerikanischen Traums. Doch von einem Tag auf den anderen ändert sich alles und der Traum verwandelt sich in einen Albtraum ohne Erwachen.
"Unsatisfiable father, unsatisfiable wives, and the little murderer herself, the monster daughter. The monster Merry" (67). Dieses "Monster" ist Swedes Tochter Merry, die 1968 das Postbüro des beschaulichen Städtchens Old Rimrock in die Luft jagt, um ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg zu setzen. Dabei wird ein Mensch getötet und Merry flieht. Fassungslos fragt sich Swede, wie das hat passieren können. War es sein Fehler oder wurde seine Familie schlicht und einfach Opfer einer Laune des Schicksals?
"The daughter who transports him out of the longed for American patoral and into everything that is its antithesis and its enemy, into the fury, the violence, and the desperation of the counterpastoral - into the indigenous American beserk" (86). Es ist auch und vor allem die Erzählperspektive, die den Fall der Familie Levov so faszinierend gestaltet. Als Erzähler fungiert einmal mehr der Schriftsteller Nathan Zuckerman, der in insgesamt neun Romanen Philip Roths eine tragende Rolle spielt. Zuckerman war zu Schulzeiten mit Swedes Bruder Jerry befreundet und staunt nicht schlecht, als er Jahrzehnte später vom Idol seiner Jugendzeit kontaktiert wird. Nur wenige Tage nach dem gemeinsamen Treffen stirbt Levov und Zuckerman empfindet es als seine Mission herauszufinden, was für Geheimnisse dem Leben dieses Mannes zu Grunde liegen. Vor allem auf Grundlage der Berichte des Bruders rekonstruiert er das Leben dieses Menschen, der alles gewonnen und alles verloren hat.
Fazit: 1998 wurde Philip Roth für "American Pastoral" mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Seit nunmehr 50 Jahren seziert Roth in seinen Romanen das Wesen der USA und der Bewohner dieses Landes voller Widersprüche und weiß dabei stets aufs Neue zu begeistern. Und Roth ist noch lange nicht am Ende. In seinen seit 2006 erschienen vier thematisch verbundenen short novels (
Everyman,
Indignation,
Humbling,
Nemesis) hat er gezeigt, dass er sich zur Zeit auf der Höhe seines Schaffens befindet.