Es scheint allgemein so zu sein, dass zeitliche Distanz einen "objektivierenden" Charakter mit sich bringt. Sobald die erste Euphorie oder der "Hype" um eine neue Sache verflogen scheint bleibt - mehr oder weniger - das "wahre" Wesen, der innerste Kern oder die "echte" Qualität allein zurück. Und wenn das, was bleibt, dann immer noch ausreicht, um nahezugehen, Emotionen hervorzurufen oder schlichtweg zu begeistern, dann kann man wohl wirklich von einem echten "Klassiker", zeitlos und nicht totzukriegen, sprechen.
Nun, wozu diese Einführung? THE MAN COMES AROUND liegt jetzt bald schon wieder 10 Jahre zurück und wurde 2011 wiederveröffentlicht bzw. neu aufgelegt...
Ich bin bestimmt nicht der größte Johnny-Cash-Fan auf Erden, habe lediglich diese Scheibe hier und den Sampler "Ring Of Fire: The Legend Of Johnny Chash" (vielleicht eine der allerbesten Best-of-Zusammenstellungen überhaupt) zuhause in meinem CD-Schrank stehen und bin - wie viele andere meiner Generation (Jahrgang `85) wohl auch - erstmals durch den im Zuge des "Walk The Line" - Filmes mit Mr. Phoenix (sehr sehenswert, nach wie vor) wiederbelebten Johnny-Cash-Hypes so wirklich mit dessen Musik und Lebenswerkes in Berührung gekommen.
Mittlerweile - so scheint es - hat sich dieser Hype wieder verflüchtigt, und was bleibt ist die Musik.
Und obwohl Mr. Cash in seiner Biographie mit Sicherheit sehr viele sehr interessante und bewundernswerte musikalische Errungenschaften vorzuweisen hat, finde ich gerade diese letzte Phase - um die es auf diesem Werk nun denn auch geht - persönlich am Interessantesten.
Mr. Cash alias The Black Man nimmt sich auf THE MAN COMES AROUND vor allem fremdkomponierter Stücke an. Das zur "Melancholiehymne" gewordene HURT (Nine Inch Nails) ist hierauf ebenso enthalten wie etwa PERSONAL JESUS (Depeche Mode) oder IN MY LIFE (The Beatles).
Das Besondere daran ist, dass Mr. Cash mit seiner Interpretation der Songs nicht bloße Coverversionen geschaffen hat, sondern, dass er den Songs einen ganz neuen Charakter gegeben hat, der auch den Hörern einen gänzlich - bislang unbekannten - Zugang schafft! Es hat den Anschein, als wären es tatsächlich Johnny-Cash-Songs - so viel Gefühl steckt hier mitdrinnen!
Hinzu kommt noch, dass Produzent Rick Rubin wirklich tolle Arbeit geleistet hat. Die Stimmung der Songs wurde hervorragend eingefangen, atmosphärisch passt alles perfekt zusammen: die Songs selbst, die ganze Aufmachung der Scheibe, das Album insgesamt.
Ehrlich: Da bleiben keine Wünsche offen, vorausgesetzt natürlich, man legt THE MAN COMES AROUND nicht als "Partyanheizer" in die Anlage ein! Das Album tendiert eher ins Melancholische denn in unbeschwerte Glücksseligkeit, obwohl ja gerade die bewusste Auseinandersetzung mit schmerzlichen Inhalten und Stimmungen zu zweiterer führen kann!
Und: Es ist ein mehr als würdiges, rundum gelungenes "Alterswerk" (so abgedroschen dieses Wort nun auch schon klingen mag) eines Mannes, der vieles gesehen und mehr noch gehört hat!
Oder anders gesagt: Mr. Cash weiß was er will und wie er die Songs sezieren, zertrümmern und wieder zusammenfügen muss, um ihnen einen authentischen, liebevollen und melancholischen Cash-Charakter verleihen zu können. Ganz im Ernst: Viele der hierauf enthaltenen Songs gefallen mir persönlich besser als die jew. Originale (obwohl auch die schon sehr gut waren).
Fazit: THE MAN COMES AROUND ist "ganz großes Kino" für die Ohren (das Kino dazu spielt sich dann im Kopfe ab). Für Musikgourmets und Sammler ist es meines Erachtens sogar unumgänglich. Johnny-Cash-Fans werden hierauf sowieso nicht verzichten. Und: Auch Leute, die sich Johnny Cash nicht so sehr verbunden fühlen, könnten - ja SOLLTEN - es einmal mit dieser Platte hier versuchen...
Abschließend noch ein einige Anspieltipps meinerseits:
- THE MAN COMES AROUND
- HURT
- PERSONAL JESUS
- IN MY LIFE
- WE'LL MEET AGAIN
Meine Bewertung: TOLL. 5 Sterne!