Bereits der Auftakt von AMERICAN GANGSTER katapultiert den Zuschauer unvermittelt in die gewalttätige Unterwelt Harlems und führt den von Denzel Washington beunruhigend charmant verkörperten Charakter Frank Lucas, der in seinem ersten Auftritt kaltblütig einen Widersacher per Flammentod exekutiert, drastisch ein. Die im Feuilleton von diversen Seiten getadelte Verherrlichung eines Schwerkriminellen lässt sich schon hier kaum nachvollziehen und wird auch im weiteren Verlauf, u.a. durch schonungsloses Draufhalten auf die zahlreichen Drogenopfer, unmissverständlich vermieden. Natürlich finden sich die in der Blaupause des Genres, DER PATE Trilogie, etablierten Formeln wieder, beispielsweise die Legitimierung der verbrecherischen Aktivitäten durch die alleinige Sorge um das Wohlergehen der Familie. In einer Szene wird sogar behauptet, dass sich Lucas in dieser Hinsicht einiges von den Italienern abgeschaut habe. Des Weiteren wird die dunkle Seite des Amerikanischen Traums zelebriert, in diesem Fall durch die Annahme, dass wirklich jeder vom Chauffeur zum neuen Unterweltboss aufsteigen kann. Nicht nur, dass Frank Lucas seinen plötzlich dahinscheidenden Mentor wie selbstverständlich beerbt, nein, den wirtschaftlich fundierten Intellekt einsetzend revolutioniert er mal eben den Drogenhandel durch Übergehen der Zwischenhändler und Ausschalten der Konkurrenz durch den Verkauf von unverschnittenem, preisgünstigeren Stoff. Kapitalismus in seiner reinsten (da unverschnittenen...) Form.
Während man einerseits Zeuge der rasanten, teils mit brutalen Mitteln unterstützten Karriere des charismatischen, stets stilvoll gekleideten Gangsters wird, der sich mit wachsendem Ansehen in den schillerndsten und vornehmsten Kreisen bewegt, wird parallel der Werdegang seines hartnäckigen Jägers geschildert. Russell Crowe ist in der Rolle Richie Roberts` erneut perfekt besetzt als hemdsärmeliger Arbeiter aus der Unterschicht (hier New Jersey), der unbeirrbar und prinzipientreu sein Ziel verfolgt. Der ständig präsente Kontrast zwischen glamourösem Verbrecherleben und zermürbender, desillusionierender Polizeiarbeit wird kongenial und schwarzhumorig auf die Spitze getrieben in der Thanksgiving Day Sequenz, in der Lucas im Kreise der Familie an pompös bereiteter Tafel den Truthahn tranchiert, derweil Roberts sich in der kargen Küche ein freudloses Sandwichmahl bereitet. Ein weiteres Beispiel von Drehbuchautor Steven Zaillians (GANGS OF NEW YORK, SCHINDLERS LISTE) Sinn für tragische Komik ist der Grund, weswegen Lucas plötzlich die Aumerksamkeit der ermittelnden Behörden auf sich zieht: war der sich als Geschäftsmann gebende und gewandende Dealer immer bemüht, unauffällig im Hintergrund zu bleiben, wird ihm das Hochzeitsgeschenk seiner Frau zum Verhängnis - der schwarz-weiß gestreifte Pelzmantel nebst -mütze. Das der frisch Angetrauten zu Liebe, anlässlich eines Boxkampfes angelegte und im Grunde gehasste Zuhälteroutfit macht ihn umgehend zur Zielscheibe und läutet das Ende seiner bis dato unauffälligen Existenz ein.
Derart auflockernde - im wahrsten Sinne - Lichtblicke gibt es über die Laufzeit des grimmig erzählten Streifens nur wenige. Zwar ist Ridley Scotts Handschrift in jeder wohlkomponierten Einstellung sichtbar, doch derart monochrom und verstörend düster hat er selten ein Werk ablichten lassen (Kamera: Harris Savides, u.a. ZODIAC, THE GAME). Aber selbst wenn die straff, in diffusen Bildern umgesetzte Story hohe Konzentration fordert, vergehen die mehr als zweieinhalb Stunden ohne nennenswerte Längen. Dies ist weniger Verdienst von wilder Action oder überraschender Handlungswendungen, sondern allein den gewohnt hervorragend agierenden, gleichberechtigten Darstellern Denzel Washington und Russell Crowe geschuldet, die das Zusehen zum Vergnügen machen. Ob hierfür der Oscar fällig ist, lässt sich angesichts vergleichbarer, ebenso eindrucksvoll gemeisterten Darbietungen beider Talente schwer beurteilen. Der Eintrag in die Top 5 der Maßstäbe setzenden Gangsterepen ist AMERICAN GANGSTER allemal sicher.