Schon formal ist der Film großartig. Eine prägnante Filmmusik leitet die Handlung ein. Eine Vorstadt wird gezeigt, in schönen Bildern, die dem Zuschauer aber auch nicht ein gewisses Gefühl von Gleichförmigkeit, Langeweile und Anonymität zeigt. Berühmt geworden ist die Szene mit der Tüte im Wind, die zeigt, dass Freude sich in ganz ungewöhnlichen Augenblicken versteckt. Und die Darsteller stellen äußerst verschiedene, aber immer extreme Charaktere immer glaubwürdig dar - so dass man selbst mit den schrecklichen unter ihnen gemeinsam die Probleme und Konflikte erleidet. Und dann gibt es natürlich den im Trailer oft verwendeten Höhepunkt: Die Verwandlung der eher durchschnittlich aussehenden, blonden Teenagerin in eine nackte Göttin mit blutroten Lippenstift zwischen Rosenblättern. Ein Männertraum. Es wird auch nur ein Traum bleiben.
Natürlich ist das gesamte Setting des Films typisch amerikanisch. Da ist nicht nur die Vorstadt, da ist auch die "Pursuit of Happiness" des "American Dreams". Da sind dumme Jobs mit hoher Bezahlung, McDo-Jobs mit mehr Sinn aber weniger Geld, da sind die dummen Sprüche der üblichen Motivationstrainer. Da ist das leere Glück des mittelständischen Reichtums mit Eigenheim und Familie, aber immer am Rande des sozialen und emotionalen Absturzes. Da ist auch die permanente Präsenz von Gewalt und Sex, die beide auf ihre Weise die amerikanische Massenkultur prägen. Aber im ernst: Sind wir in Europa nicht auch längst auf dem Weg dahin?
Vor diesem Hintergrund kämpfen nun die Hauptpersonen um ihr Glück. Bei vielen könnte man dabei von einem "Coming Out" sprechen. Insbesondere Lester, der Familienvater erkennt, wie weit sein Leben inzwischen von seinen eigenen Wünschen entfernt ist. Und plötzlich beginnt er, diese Wünsche auszuleben. Natürlich muss er das mit dem neuen Leben erst einmal lernen. So wirkt ein Mann in den besten Jahren (also irgendwo in den 40ern) nicht wirklich sexy sondern lächerlich, wenn er einer Teenagerin hinterher steigt. Aber dennoch ist es er, der wohl am konsequentesten die Neurosen seines Lebens durchschaut und daraus seine Schlüsse zieht. Und am Ende kriegt er ja auch noch die Kurve, als er merkt, dass sich hinter seiner Leidenschaft nur ein unsicheres, kleines Mädchen verbirgt, das verzweifelt um Anerkennung kämpft.
Seine Frau kriegt wohl nicht mehr die Kurve. Zu verquert ist ihr Leben, zu schräg sind die Lügen, die sie sich und anderen immer wieder erzählt. Dazwischen ist dann noch die Tochter, ein Freak, aber ein Freak mit Verstand. Merkwürdig, dass die Veränderung ihres Vaters nicht für mehr Nähe zwischen den beiden sorgt. Aber sie lebt vielleicht zu isoliert in ihrer Welt, um die Veränderungen wahr zu nehmen. Und auch sie wird erst dann wirklich frei, als sie ihrem Nachbarn begegnet, auf seine Weise auch ein Freak, aus einer Problemfamilie, die Lesters Probleme noch weit in den Schatten stellt.
Und so gibt es noch viele, andere, wunderschön schreckliche Geschichten in diesem Film, und das schöne ist, dass für jeden etwas dabei ist. Und das teilt der Film mit vielen anderen, schönen Kunstwerken - es gibt mehr als eine Aussage, Bedeutung und Geschichte. Wenn es alles nicht (auch) so traurig wäre, würde ich sagen: Mehr davon!