Johnny Cash erzählt anlässlich der amerikanischen 200-Jahr-Feiern 1976 die US-amerikanische Geschichte nach, und zwar auf seine eigene, unverwechselbare Art: Mit Songs und Einleitungen geht er den historischen Eckpunkten nach. Thematisch kann man "America" mit seinen Konzeptalben aus den 60er Jahren vergleichen, vor allem mit "Ride This Train" von 1960; allerdings kann "America" hier nicht ganz (aber fast) mithalten.
Ein rebellisches Album ist dieses Album keineswegs; mit den meisten Songtexten und den von ihm selbst verfassten und vorgetragenen Überleitungen stößt Cash wohl niemanden vor den Kopf. Manche Texte klingen sogar ein wenig arg "Go West"-lastig.
Aber ich betrachte "America" nicht als Geschichtswerk, sondern als Johnny Cashs musikalische Hommage an sein Land. Und als musikalische Hommage ist "America" allemal hörenswert -- mehr als das: Es ist ein feines, harmonisch in sich geschlossenes Konzeptalbum, das in jeder Hinsicht von Johnny Cashs Stimme dominiert wird.
Dass man "America" auch noch über 30 Jahre nach seinem Erscheinen gern hören mag, losgelöst von seinem Anlass, liegt ganz einfach daran, dass es musikalisch erste Sahne ist -- 11 Songs zwischen Country und Folk, "unplugged" anno 1976; jeden Song leitet Cash kurz ein (daher die beeindruckende Zahl von insgesamt 21 Tracks).
Was die Songs angeht: Zwar waren Tennessee Three, Carl Perkins und noch einige andere Musiker beteiligt, alle mit viel Gespür für musikalische Feinheiten und Kabinettstückchen gerade bei scheinbar einfachen Songs, aber klar im Vordergrund steht Johnny Cashs Gesang, der sich souverän quer durchs Spektrum bewegt: Tief, sehr tief mitunter und intonationssicher sowieso, und auch: düster, optimistisch und düster-optimistisch, traurig, locker, beschwingt, melancholisch, warm... Dieses Album verbreitet eine außergewöhnlich entspannte Atmosphäre, egal ob Cash Country- und Folk-Balladen singt, oder ob er in "Mister Garfield" Anleihen beim Blues-Sprechgesang nimmt.
Zwar ist "America" so konzipiert, dass man es sich unbedingt am Stück anhören sollte, aber einige besonders schöne Songs kann man doch gesondert empfehlen: "The Road to Kaintuck" natürlich, auch "The Battle of New Orleans", "Lorena", Big Foot" und "Mister Garfield".
Aber, wie gesagt: Diese ungewöhnliche musikalische Reise durch die Zeit (nochmal: das hier ist KEINE Geschichtsstunde!) lässt man am besten am Stück auf sich einwirken.