Seit den 60er Jahren beschäftigen sich die westlichen Ländern mit der Frage nach Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Heute ist diese Frage aktueller denn je. Jeder Einzelne muss sich seiner Verantwortung für die Umwelt bewusst werden. Der mehrfach ausgezeichnete amerikanische Biologe E. O. Wilson hat mit seinem "Ameisenroman" ein Buch vorgelegt, das wichtige Fragen zu diesem Thema aufwirft: Wie engagiert man sich sinnvoll für die Umwelt? Wann bin ich eigentlich das letzte Mal mit offenen Augen durch unberührte Natur gegangen? Welche Wege gibt es, um die Bedürfnisse des Menschen und die der Natur miteinander zu vereinen?
Raff Cody, der Protagonist des "Ameisenromans", streift schon als Kind stundenlang allein durch den Nokobee ' ein unberührtes Stück Natur im Süden Alabamas, wo einheimische und seltene Tier- und Pflanzenarten noch ein ungestörtes Leben führen können. Das Gebiet mit Sumpf, See und Kiefernwald wird für den Jungen zum Abenteuerspielplatz, hier kann er seltsam aussehende Insekten und Pflanzen erforschen. Schnell wird aus dem kleinen Jungen ein Hobbybiologe mit erstaunlichem Wissen. Wilson baut hier immer wieder Beobachtungen aus Biologie und Ökologie ein, die dem Roman sehr zugute kommen. Dem heranwachsenden Raff wird klar, dass der Nokobee-Tract in großer Gefahr schwebt. Der Bauunternehmer Sunderland lauert bereits auf seine Chance, das wertvolle Land zu erschließen und zu bebauen und damit der Natur ein Ende zu setzen.
Der "Ameisenroman" erzählt auf kurzweilige Weise die Geschichte Raff Codys, der, vorbei an Umweltfanatikern und religiösen Fundamentalisten, seinen eigenen Weg sucht, um den Nokobee-Tract und somit den Ort, an dem er aufgewachsen ist, zu retten. Die Handlung ist nicht nur leicht verfasst, sondern auch in sechs Teilen gut strukturiert, sodass die einzelnen Abschnitte des Kampfes gut untergliedert sind und der Spannungsbogen damit gehalten wird. Anschaulich zeigt Wilson die Probleme auf, denen sich ein Umweltschützer stellen muss. So kommt auch die Beschreibung des sozialen Milieus nicht zu kurz, in dem der Roman verortet ist. Der konservative und religiöse Süden Alabamas konfrontiert Raff Cody nochmals mit ganz anderen Problemen, wie es vielleicht in Deutschland der Fall wäre.
Ein Highlight des Buches ist die von Raff Cody verfasste 'Ameisenchronik'. In diesem Roman im Roman wird das Leben der Ameisen aus ihrer eigenen Perspektive geschildert und gibt dem Leser einen faszinierenden Einblick in eine Welt, die der unseren in ihren Problemen und Abläufen verblüffend ähnlich ist und trotzdem so wenig Beachtung findet.
Wilson hat mit diesem klugen Roman ein Buch geliefert, das dem Leser wieder bewusst macht, wie wichtig die Natur für den Menschen ist und dass sie absolut notwendig und schützenswert ist. 'Irgendwann hatte er begriffen, dass die Natur nicht etwas war, was außerhalb der Welt der Menschen stand. Das Gegenteil traf zu. Die Natur ist die wirkliche Welt, und der Mensch existiert nur auf Inseln innerhalb von ihr.'
Für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen bietet der Roman nicht nur eine spannende und lehrreiche Lektüre, sondern klingt mit seinen Themen und Fragen auch am Ende des Buches noch weiter nach. Ich werde auf jeden Fall nicht mehr achtlos am nächsten Ameisenhügel vorbei gehen.