Der Begründer der amerikanischen Kriegsliteratur
Eine neue Biographie über Ambrose Bierce
Von Romeo Giger
Die literarische Produktion von Ambrose Bierce hat man bisher nicht in ihrer ganzen Bedeutung erkannt. Im Weg stand einerseits sein Ruf als journalistisches Lästermaul; andererseits lieferte sein Leben beziehungsweise sein mysteriöser Tod grossen Anreiz für wilde Spekulationen, die vom Werk ablenkten.
Ein Zyniker sei so definierte der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce 1888 in «The Devil's Dictionary» ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung die Dinge sehe, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. Das Wiederlesen seiner herausragenden Kurzgeschichten lässt erkennen, dass der «Lexikograph des Teufels», wie der am 24. Juni 1842 in der Siedlung Horse Cave in Ohio geborene Journalist und Satiriker bald einmal genannt wurde, mit dieser Denkweise vorab seine eigene Sicht der Welt charakterisierte. Die detailkundige und differenzierte Biographie von Roy Morris, die nun auch in einer flüssigen deutschen Übersetzung von Georg Deggerich vorliegt, liefert dafür weiteres Beweismaterial.
Herausgearbeitet und anschaulich zur Darstellung gebracht hat Morris in seiner lebendigen Porträtierung dieses literarhistorisch überaus einflussreichen Schriftstellers insbesondere jene Begebenheiten, die seinen Protagonisten zum wohl scharfzüngigsten Schilderer bzw. Kritiker des amerikanischen Bürgerkriegs gemacht haben und ihn gleichzeitig zum Begründer der amerikanischen Kriegsliteratur werden liessen. Soweit bekannt, ist Ambrose Bierce der einzige amerikanische Autor von Format, der unmittelbar am Kampfgeschehen teilnahm und «das grosse Sterben» miterlebte: er kämpfte auf der Seite der Unionstruppen in so entscheidenden Schlachten wie jenen von Shiloh, Stones River und Chickamauga. Drei Jahrzehnte später legte er nicht zuletzt in seinen wegweisenden Erzählungen ein unvergleichliches Zeugnis davon ab.
PIONIERLEISTUNG
Dem ebenso kompetenten wie feinsinnigen Biographen gelingt es, die grausame Realität der einzelnen Ereignisse mit den daraus gespeisten Geschichten solcherart in Verbindung zu bringen, dass einerseits die Authentizität des Erlebten aufscheint, andererseits die meisterhafte literarische Umsetzung verfolgt werden kann. Gerade was sich in den Wäldern von Chickamauga der grösste westliche Kriegsschauplatz und zugleich das blutigste, zwei Tage andauernde Gemetzel des gesamten Krieges zugetragen hat und sich in der gleichnamigen Short story niederschlug, unterstreicht Bierces Vorreiterrolle. Dass diese Pionierleistung, die auf Schriftsteller wie Dos Passos, Hemingway, Mailer, Heller und andere vorausweist, von der Literaturgeschichtsschreibung bisher zu wenig gewürdigt worden ist, wird erst dann erklärbar, wenn man in Betracht zieht, dass selbst eine so ergreifende Erzählung wie «Chickamauga» gemeinhin unter falschen Vorzeichen gelesen wurde. Dies hauptsächlich deshalb, weil man ihrem Verfasser seit je Gefühlskälte und Zynismus nachsagte überwiegend auf Grund seiner journalistischen Invektiven und der mit diabolischem Humor verkündeten (düsteren) Weltanschauung. Zu wenig auseinandergehalten wenn überhaupt wurden die verschiedenen Facetten dieser schillernden Persönlichkeit. Fest steht jedenfalls, dass man den bitterbösen Zyniker nicht gleichsetzen darf mit dem ambitionierten Erzähler. In seinen Kabinettstücken amerikanischer Kurzprosa, in denen nicht er selbst redet, sondern die Umstände und seine Figuren sprechen lässt, wird sein tiefes Empfinden für die unschuldigen Opfer des Krieges und der darin begangenen Greueltaten spürbar. Kaum Beachtung fand ferner, dass der physische und metaphorische Weg des jugendlichen Helden, der zunächst durch das (dunkle) Dickicht von Unschuld und Unwissenheit führt, im Feuerschein einer grausamen Erkenntnis endet. Hervorzuheben ist des weiteren die ironische Verfremdung religiöser Motive und last but not least der virtuose Einsatz einer doppelten Erzählperspektive: Einerseits erleben wir den Handlungsablauf aus der Sicht des noch kindlichen Protagonisten, andererseits erfolgt die Schilderung von der Warte eines reiferen, wissenden Erzählers.
Diese Grundmuster machen «Chickamauga» zweifellos zu einer der amerikanischsten Erzählungen überhaupt. Der hier vorgeführte Initiationsprozess eines Heranwachsenden steht am Anfang einer langen Reihe von bedeutenden Geschichten und Romanen sie reicht von «Huckleberry Finn» und den Nick-Adams-Stories bis zu «Catcher in the Rye» und «The Adventures of Augie March» , in denen Jugendliche in die Fährnisse des Lebens eingeführt werden. Dieselben Parameter hat allen voran auch Stephen Crane in seinem vielgepriesenen Bürgerkriegsroman «The Red Badge of Courage» verwendet. Doch entstand dieser erst fünf Jahre nach «Chickamauga», und Crane hatte nicht selbst im Krieg teilgenommen. Er hat denn auch Bierces Einfluss nie in Abrede gestellt.
GRUNDFRAGEN
Voraus weisen Bierces Meistererzählungen aber auch auf Ernest Hemingways Geschichten und Romane, in denen die Absurdität allen Heldentums und die Sinnlosigkeit gegenseitigen Tötens eine ebenso zentrale Rolle spielen wie die damit unmittelbar verbundene Ergründung der Conditio humana. Die ihn immer wieder beschäftigende Frage nach dem menschlichen Dasein hat Bierce in seiner grossartigen und zu Recht berühmtesten Bürgerkriegsgeschichte, «Ein Vorfall an der Owl-Creek-Brücke», in ihrer ganzen Abgründigkeit vor Augen geführt.
Thematisiert hat der Vater der amerikanischen Kriegsliteratur in einem eigentlichen «Kampf der Wörter» aber auch das Entstehen von Geschichte überhaupt, hierin gleichsam Norman Mailers Experiment in seinem «Faction»-Roman «The Armies of the Night» vorwegnehmend. In der offensichtlich als Lügengeschichte gedachten Erzählung «Jupiter Doke, Brigadegeneral» wird deutlich, dass Bierce über die Absicht hinaus, seine Leserschaft zu unterhalten, noch einen andern Zweck verfolgt. Unter Beschuss genommen wird hier nämlich der Prozess, in welchem facta und ficta derart miteinander vermischt werden, dass schliesslich niemand mehr ernsthaft von einer historisch verbürgten Wahrheit sprechen kann.
Eingesetzt werden zur Vermittlung der Ereignisse neben Augenzeugenberichten, offiziellen Befehlsschreiben, Tagebucheintragungen und persönlichen Briefen auch Zeitungsberichte und Kongressbeschlüsse wobei, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen, der Sachverhalt (je nach Standpunkt der Berichtenden) jeweils absichtsvoll verschleiert bzw. geschönt wird. Ausgenommen von solcher Manipulation des Tatsächlichen sind jedoch zwei Figuren, die das von ihnen Erlebte wahrheitsgetreu und ohne Hintergedanken wiedergeben. Nicht zu übersehen ist jedoch, dass auch ihre Schilderungen lediglich Teilwahrheiten darstellen können. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Bierce kurz vor der Niederschrift dieser noch heute Aktualitätswert aufweisenden Kurzgeschichte den Essay «The Crime at Picketts's Mill» veröffentlichte, in dem er erklärte: «Der zivile Leser darf bei der Lektüre militärischer Kampfberichte nicht davon ausgehen, dass irgendeiner der Beteiligten einen umfassenden Überblick über das Geschehen besessen hätte. Aussagen dieser Art werden selbst von den Kommandierenden in der Regel im Licht späterer Erkenntnisse getroffen, wie etwa anhand der offiziellen Feindberichte. Ein einfacher Untergebener weiss in der Tat selten Genaueres über die Stärke des Gegners ausser dass er ihm gefährlich werden kann , noch gegen wen er überhaupt kämpft. Und was die Mannschaften angeht, so besitzen sie keine weiteren Kenntnisse als über die von ihnen mitgeführten Waffen.»
DER WEG ZUM SCHRIFTSTELLER
Bierces Laufbahn als Schriftsteller begann in London. Frisch verheiratet, begab er sich dank dem Geld seines Schwiegervaters mit seiner jungen Frau nach England. Als ehemaliger «Town crier» von San Francisco schrieb er dort für humoristische Zeitschriften und versuchte gleichzeitig, sich als literarischer Autor zu etablieren. Spätestens nach der dritten Buchveröffentlichung jedoch wurde klar, dass er mit dem inspirierenden heimatlichen Umfeld auch seine wirkliche Schöpferkraft eingebüsst hatte. Nach der Rückkehr nach San Francisco, wo seine Frau das dritte Kind zur Welt brachte, fristete er zuerst eine ziemlich ziellose Existenz. Da er wegen der Wirtschaftskrise keine journalistische Arbeit finden konnte, verdiente er seinen Lebensunterhalt im Münzamt. Nach einiger Zeit jedoch interessierten sich satirische Zeitschriften wieder für sein ganz besonderes Talent. Es dauerte indessen mehrere Jahre, bis Bierce auch als Erzähler seine eigene Sprache und seinen eigenen Ton fand.
Zuvor durchlebte der Exzentriker eine eher unglückliche Phase als Mitherausgeber einer, wie sich bald herausstellte, politisch gefärbten Zeitschrift, was ihn bewog, im Alter von achtunddreissig Jahren dem Journalismus abzuschwören und sich der Goldwäscherei grossen Stils zuzuwenden. Doch die Pechsträhne hielt an. Abgebrannt und zerknirscht kehrte er nach diesem neuerlichen Fiasko wieder nach San Francisco zurück. Seiner Unzufriedenheit mit dem Land, in dem er lebte, verschaffte er sich Luft, indem er mittels Artikeln in der satirischen Wochenzeitschrift «Wasp» er war dort mittlerweile Redaktor geworden ein scharf konturiertes Gegenbild zu der damals von Eisenbahnbaronen, Industriemagnaten und Grossgrundbesitzern dominierten Gesellschaft entwarf. Seinen beissenden Zynismus, der sich aus einem Gefühl tiefster Enttäuschung und Verbitterung nährte, bezeichnet Morris als «einzigartig im Viktorianischen Zeitalter».
In der verzweifelten Situation, in der sich Bierce nun seit längerem befand, erschien ihm die Vergangenheit mit einemmal als «eine wunderbare Zeit» in der «etwas Neues unter einer neuen Sonne war». Wie viele andere seiner idealistischen Generation fühlte er sich noch nicht einmal vierzig Jahre alt wie ein Fremdling in einem anderen Zeitalter; einem Zeitalter, das von reiner Gewinnsucht besessen war und um des Mammons willen vor nichts zurückschreckte.
In dieser geistig-seelischen Verfassung begann Bierce mit der Aufzeichnung seiner Erinnerungen. Was ihn dabei in erster Linie interessierte, war: eine adäquate Form zu finden (Struktur, Stil, Wortwahl, tonale Grundierung), die die Befindlichkeit eines Neunzehnjährigen, der «in seine erste und vermutlich einzig wirkliche Schlacht schreitet», zum Ausdruck bringen konnte. In seinen Reminiszenzen «Was ich in Shiloh sah» ist ihm dies auf so vorzügliche Weise gelungen, dass Morris der seinem Protagonisten durchaus auch kritisch gegenübersteht nicht nur von Bierces persönlichstem und wahrscheinlich bestem Text spricht, sondern ihn gar als «Urtext aller modernen Kriegsliteratur» sieht.
In denselben Zeitraum fällt auch die Entstehung der von ätzendem Witz geprägten Definitionen für «Des Teufels Wörterbuch». Bierce verschaffte sich dadurch die Möglichkeit, zu den verschiedensten Lebensbereichen (Wirtschaft, Religion, Politik, Krieg, Liebe usw.) bissige Kommentare zu verfassen. Als die kuriose Sammlung, die sich nach und nach in einer mit «The Devil's Dictionary» überschriebenen Kolumne im «Wasp» entwickelte, schliesslich in Buchform herauskam, widmete Bierce sie allen «erleuchteten Seelen, die trockene Weine den süssen vorziehen, praktische Vernunft der Schwärmerei, Witz dem derben Spass und reines Englisch dem Strassenjargon».
Geplagt von Asthma, zog sich der vom Leben arg Gebeutelte in die Kiefernwälder von Howell Mountain zurück, um dort die damals noch gefürchtete Krankheit auszukurieren. Doch bald verspürte er wieder Sehnsucht nach dem Stadtleben. Er mietete eine kleine Wohnung in Oakland, wo er eines Tages unerwartet Besuch erhielt: Vor der Tür stand ein junger blonder Mann namens William Randolph Hearst. Dieser war gekommen, um den ehemaligen «Town crier» als Wochenkolumnisten für sein neues Skandalblatt, den «San Francisco Examiner», zu gewinnen. Mit dem per Handschlag besiegelten Vertrag nahm eine zwanzig Jahre währende, für beide Seiten erspriessliche Zusammenarbeit ihren Anfang.
GLANZ UND ELEND
In dieser für Bierce schöpferischsten Phase ergriff ihn, angeregt durch äussere Ereignisse, ein eigentlicher Schaffensrausch. Zwischen 1888 und 1891 schrieb er einige seiner besten Short stories. Die literarische Souveränität, die er dabei an den Tag legte, zeigt sich allein schon darin, dass er ohne weiteres in der Lage war, die Register je nach Bedarf zu wechseln. Nebeneinander entstanden so die von strengem Kalkül bestimmten Bürgerkriegserzählungen wie auch die makabren, gleichsam aus einer andern Welt stammenden Spuk- und Horrorgeschichten.
Der literarischen Glanzzeit steht ein ziemlich trauriges Privatleben gegenüber. Die Trennung von seiner Frau Mollie die er allzusehr vernachlässigt hatte wurde schliesslich unvermeidlich, und der (seinetwegen) davongelaufene älteste Sohn beging, als Folge einer unglücklichen Liebschaft, Selbstmord. Bald raffte der Tod auch seinen zweiten Sohn hinweg. Mit seiner Tochter hatte Bierce kaum noch Kontakt.
Mit der ihm eigenen Umsicht und Gründlichkeit prüft Morris zum Schluss die zahlreichen Hypothesen, die in Verbindung mit Bierces mysteriösem Verschwinden vermutlich im Jahre 1914 aufgestellt worden sind. Im Grunde handelt es sich um lauter Mutmassungen und Spekulationen. Die meistverbreiteten Legenden verlegen das Geschehen nach Mexiko. Entweder hat sich der lebensmüde Asthmatiker in eine Höhle in den Bergen verkrochen und ist dort gestorben, oder er wurde während der Revolutionswirren gefangengenommen und von einem Exekutivkommando hingerichtet. Weit romantischer indes ist die Version, gemäss welcher er sich mit Pancho Villa überwarf, jedoch wieder aussöhnte; nach der gegenseitigen Umarmung habe der Rebellenführer ihn aber meuchlings ermorden lassen. Die jüngste und nicht weniger kühne Behauptung stammt aus dem Jahre 1992: Alle bisherigen Thesen beruhten auf falschen Spuren, die Bierce selbst gelegt habe um sich in Tat und Wahrheit ungestört im Grand Canyon zu erschiessen. Am weitesten verbreitet aber dürfte die 1985 vom mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes in die Welt gesetzte Version, «Der alte Gringo», sein: Der zum Bestseller gewordene und in viele Sprachen übersetzte Roman operiert, wenn auch eher unglaubwürdig, ebenfalls mit dem Bild des ganz in Schwarz gekleideten «Bitter Bierce» sowie mit Pancho Villas Exekutivkommando.
Selbst wenn Morris auf Grund seiner Recherchen am ehesten die Grand-Canyon-Variante favorisiert, so betont er bei seinen umsichtigen Erwägungen doch immer wieder, dass keine der bisher ausgeheckten Theorien durchweg beweiskräftig ist. Offensichtlich ist dem 71jährigen Lebensspötter ein Abgang gelungen, wie er ihn sich gewünscht haben mag: nämlich mit einem ungeklärten Rest an (über)realen Unwägbarkeiten. So kann ähnlich wie in seinen Meistererzählungen zu guter Letzt niemand mit Bestimmtheit sagen: Genau so (und nicht anders) ist es gewesen.
Auf deutsch erschienen 1991 im selben Verlag «Des Teufels Wörterbuch» sowie sämtliche Erzählungen von Ambrose Bierce.