Mit seiner mysteriösen Aura könnte "Ambient 4: On Land" auch der ideale Soundtrack zu einem surrealistischen Film wie "Lost Highway" sein, es markiert jedoch in gewisser Weise das Ende einer Epoche der Pionierarbeit von Brian Eno, weil dieses Album der Ambient-Serie einen logischen Abschluss verschafft. Denn die "Discreet Music" und deren Nachfolgewerke kann man noch als aurale Manifeste auffassen, die in einem formlosen elektronischen Experiment den mit Enos untrüglichem Sinn für Ästhetik erschaffenen Soundtexturen einen abgesteckten Rahmen geben, in dem sich schale Muster, wie die tropfenartigen Klaviertupfer und geisterhaften Chöre auf "Ambient 1: Music For Airports", nebulös durch das Universum bewegen. Dagegen weigert sich auf Ambient 4 ein morbides Kaleidoskop aus äußerst kryptischen Soundelementen von Anfang an in den vorgegebenen Grenzen zu verharren und tendiert dazu in einer labyrinthischen Szenerie auszubrechen, weil die verschwommen und diffus konturierten Klangpartikel allmählich beginnen, den ambienten Raum, von dem sie umgeben sind, zu transformieren. Ähnlich schwimmenden Schollen im Eismeer driften eigenartige Fragmente unbestimmter Töne wie exotische Naturgeräusche, echoartige Widerhalle, mystisches Pfeifen und weiträumige Flächen aus bedeutungsvoll auf- und absteigendem Brummen dissonant aufeinander zu, interagieren miteinander, knüpfen schließlich ein Gewebe, bis sich diese lose Materie still und leise wie von Geisterhand geordnet zu Clustern verdichtet und sich so aus ihrer wilden Unlogik heraus in einen strukturierten Kontext fügt und eine ganz subtile Soundlandschaft meditativer Art entstehen lässt. Diese ambiente Form der Musik kommt ohne Melodie und Rhythmus aus und taucht mit bodenständiger Atonalität in einen bedächtig mäandernden Fluss ein, der in gleichmäßig schlagenden Wellen sanft über einen warmen Sandstrand gleitet, bis die konzentrierte Intensität der Wogen sich langsam wieder auflöst.
Ambient 4 fällt deutlich lebendiger, aber auch rätselhafter und nervöser aus als etwa "Ambient 1: Music For Airports", das ein steriles Spiegelbild des modernen technologisierten Alltags reflektierte. Jetzt fügt Eno dem spektralen Farbspiel eine bis dato ungewohnt bedrohlich schimmernde Facette hinzu, die im krassen Gegenkontrast zu "Ambient 2: The Plateaux Of Mirror" steht, das die vertrauten Territorien noch mit grellen Lichtstrahlen ausleuchtete und seinen obskuren Kosmos durch Harold Budds von Satie inspirierten Pianolinien in ein sonnendurchflutetes Kolorit tränkte. On Land ist dagegen in einem deutlich dunkleren Ton grundiert, der einerseits gespenstig klingt und andererseits in seinem unaufhaltsam fließenden Strom eine starke Sogkraft entfaltet. Mit raffinierten seriellen Permutationen der Tonhöhen und seitlich wegspritzenden Schlag-Effekten lotet Eno die Weite des Raums aus und lässt uns in die unendliche Tiefe des gähnenden Abgrunds blicken, in dessen unwegsamer Finsternis kein Boden sichtbar ist. Sozusagen eine synthetisch wabernde Geräuschkulisse als beklemmende Offenbarung, die in ihrer perfekten Abstraktion ein seltsames Eigenleben entwickelt, das dem Hörer täuschend echt suggeriert, dass sie in ihrem authentischen Naturell scheinbar frei von jeglichem menschlichen Einfluss ist.
Das eigentlich Paradoxe ist, dass diese Musik im Schatten ihrer kargen Schlichtheit eine bewusstseinserweiternde Wirkung injiziert, die auf betörende Weise raumgreifend eine abgründige Schönheit entfaltet. In ihrem naiven Minimalismus erscheinen diese kontemplativen Soundlandschaften oberflächlich betrachtet zunächst als bedeutungslos. Dennoch erzeugen sie aber trotz ihrer immanenten Distanziertheit eine emotionale Stimmung, die durch ihren explorativen Charakter ohne aufdringliche Penetranz nachempfunden werden möchte. Denn Ambient 4 artikuliert sich nicht über lyrische Ausdrücke zu uns, sondern umgibt den Hörer wie ein anschmiegsamer Mantel und dringt dennoch tief unter die Hautoberfläche, indem dieses Klangpanorama dazu tendiert, menschliche Gefühle mit seinem diskreten Charme latent zu unterminieren. Entsprechend Enos Philosophie wurde diese Musik nicht zum nachvollziehbaren Hören, sondern mehr zum akustischen Wahrnehmen kreiert, als ob sie bewusst zwischen scheinbarem Chaos und magischem Zauber die Utopie von der Lesbarkeit der Welt desavouiert und in der Ablehnung von jeglichem Deutungszwang den tieferen Sinn negiert, was in einer von medialen Reizen überfluteten Zeit immer noch ein interessanter Gegenentwurf sein kann. Als Inspiration dienten dabei Feldaufnahmen bei einem Aufenthalt in Ghana, wo Eno auf einer Terrasse von der Faszination des Augenblicks getrieben einfach mal ein Mikrophon in die Landschaft hielt. Und so ein wenig entfaltet diese zeitlos schöne Klangwelt auch die atmosphärische Stimmung einer schaurigen Nacht in einer unbändigen Savanne, wo die einbrechende Dunkelheit die Natur mit all ihren Lauten zum Leben erweckt und Ambient 4 in einer Art Soundtrack diese akustischen Eindrücke in eine stilisierte Form gießt, um sie in einem spukartigen Tongemälde für die Ewigkeit festzuhalten.