Mit "Amazonen - Geheimnisvolle Kriegerinnen" liegt ein reich bebilderter, äußerst ansprechend gestalteter Katalog zur grandiosen Amazonenausstellung des Historischen Museums der Pfalz (Speyer) vor, der aber auch unabhängig von der Ausstellung kenntnisreich in Artikeln anerkannter Fachleuten (unter anderem Jochen Fornasier und Renate Rolle) über den neuesten Forschungsstand zu verschiedenen Aspekten des Themas informiert.
Breiten Raum nimmt natürlich zunächst einmal die Forschung zu den Amazonenmythen und -darstellungen der Antike ein, deren politische und ästhetische Funktion von unterschiedlichen Seiten beleuchtet wird (so etwa die ambivalente Rolle der Amazonen als Gegenentwurf zur erwünschten Gesellschaftsordnung einerseits, als Heldinnen von Stadtgründungssagen andererseits, oder die vielfältigen Möglichkeiten der künstlerischen Ausgestaltung des Themas).
Besonders gelungen ist der folgende Teilbereich der Aufsatzsammlung, der sich mit archäologischen Funden befasst, die auf historische Kriegerinnen hindeuten. Neben den bekannten Kriegerinnengräbern skythischer Steppennomaden werden dabei auch weniger berühmte Funde vorgestellt, so etwa das Grab einer prähistorischen Kämpferin oder Funde von mit Waffen bestatteten Frauen auf einem alemannischen Friedhof des Frühmittelalters. Dabei bleibt die wissenschaftliche Deutung aber immer redlich und zurückhaltend: Ein direkter Zusammenhang zwischen tatsächlich existenten Kriegerinnen und dem Amazonenmythos, mithin ein "historischer Kern" der Sagen, wird nirgendwo behauptet, und die Analyse der Funde ist nicht von Ideologie, sondern von echtem Erkenntnisinteresse geprägt.
Zu guter Letzt wird das Weiterleben des Amazonenmythos bis in die heutige Zeit geschildert. Hier wirken die Beispiele notwendigerweise ein wenig eklektischer zusammengestellt als bei den der Antike gewidmeten Teilen, aber ob es nun um Kunst und Literatur, um die Selbststilisierung zur Amazone im Zuge der französischen Revolution oder um die Fremdwahrnehmung afrikanischer Kriegerinnen des 19. Jahrhunderts als "Amazonen" geht - die Einzelaspekte tragen alle zu einem schlüssigen Gesamtbild bei, das über das spezielle Thema hinaus viel über das latente Nachwirken überkommener Geschlechterrollen bis in die neueste Zeit verrät.
Neben der Lektüre erfreut auch die hohe Qualität sämtlicher Abbildungen, die eine gelungene Ergänzung zu den Texten bilden.