AMAROK? Atmo-Rock? I'm a rock? Amok? Von allem ein bisschen... Der rätselhafte Titel ist gut gewählt, denn diese Musik könnte wirklich alles bedeuten. Oldfields Idee war es zunächst gewesen, so etwas wie Ommadawn 2 zu produzieren. Ein bisschen anders ist es dann zwar doch geworden, aber dennoch geht der Stil eindeutig mehr in die Richtung Weltmusik, was man schon unschwer an der ebenso umfangreichen wie skurrilen Instrumentenliste im Booklet erkennen kann (Shoes, Toy Dog, Punchball and Club, Spoon, Face Slap, ..." und: not much synth at all"). Auch optisch erinnert das Cover sofort an Ommadawn, auf dem Oldfield ebenfalls durch eine verregnete Fensterscheibe schaute. Die Rückkehr zu den Wurzeln offenbart sich an auch vielen anderen Stellen: So arbeitete Oldfield erstmals seit langer Zeit wieder mit Tom Newman zusammen, der bereits an Tubular Bells mitgewirkt hatte. Das vielleicht Erstaunlichste war aber der Umstand, dass Oldfield, ganz wie früher, fast ausschließlich akustische Instrumente verwendet hat. Oldfield hatte in den Jahren zuvor durch die Veröffentlichung substanzloser und massengefälliger Popalben (ich sage nur Moonlight Shadow"...) viel von seinem einstigem Anspruch und Ansehen verloren, machte aber mit dem völlig andersartigen Amarok vor allem bei alten Fans wieder viel Boden gut. Eine so fundamentale künstlerische Kehrtwendung ist in der Musikgeschichte fast einzigartig, und kann gar nicht genug honoriert werden (etwas Vergleichbares haben eigentlich nur Talk Talk mit Spirit Of Eden" geschafft - von Synthie-Pop zu Postrock).
Wenn man das Album aus einem gewissen Blickwinkel sieht, ist Amarok ein einziger Schlag in das Gesicht von Virgin und seinem Chef Richard Branson, da das Lied/Album (egal) voller bissiger Seitenhiebe auf ebendiese steckt.
Zudem muss man bedenken, dass Virgin Oldfield vertraglich für die Produktion von 14 Alben verpflichtet hatte, was ihn fast zwei Jahrzehnte immer wieder unter unangenehmen Produktionsdruck setzte. Die manchmal recht erheblichen Lautstärkeschwankungen sind dabei nichts als pure Absicht, da Oldfield wusste, dass Branson seine Alben immer sehr laut im Auto zu hören pflegte...
Bei Minute 42.10 hört man Oldfield wütend im Studio herumstampfen und zwischendurch fragt die Vocoder-Stimme immer wieder unschuldig Happy?" Na, seid ihr jetzt glücklich?!
Oldfield wehrte sich so stark gegen jede Kommerzialität seines Albums, dass er nicht nur sämtliche Passagen so kurz hielt und ständig unterbrach, damit sich keine Single auskoppeln ließ, sondern auch noch den potentiellen Käufer auf der Rückseite des Albums beleidigte, indem er eine Gesundheitswarnung für weichohrige Trottel" abdruckte.
Kreativer Frust wurde selten so brillant umgesetzt... Obwohl Amarok aber nach wie vor das vielleicht schlecht verkaufteste Album Oldfields ist, hat es es dennoch in den UK-Charts bis auf Platz 49 geschafft.
Im Kreis der Eingeweihten (also die, die das Album schon mal gehört haben) ist Amarok ein eindeutiges Liebe-oder-Hass-Produkt; für die Liebe-Fraktion (zu der ich mich zähle) ist das Album jedenfalls so etwas wie Oldfields heimliches Meisterwerk, um das sich viele Legenden und Spekulationen ranken, zum Beispiel, dass Oldfield das ganze Ding fast allein auf einer Insel aufgenommen hat, jeden Tag eine Minute (und so hört es sich manchmal auch wirklich an...) oder die Frage, was die Stimmen bei Minute 26.10 flüstern.
Die gebotene Musik gehört (in ihrer Gesamtheit) jedenfalls zum seltsamsten, abwechslungsreichsten und ungewöhnlichsten was ich je gehört habe; wilde Flamenco-Gitarren wechseln sich mit New-Age-Chören ab, auf Buschtrommeln folgen perlende Gitarrenlicks, Bombastische Klangkaskaden hier, sanft aufgebaute Melodien da. Der Begriff Weltmusik trifft dies alles freilich nur sehr vage, denn das Zusammenschmeißen der vielen Stile und Einflüsse auf Amarok macht die Musik noch lange nicht zu einem homogenen Hörgenuss; dieses uneinheitliche Auseinanderfasern ist für viele Kritiker daher auch das Hauptargument, Amarok als überambitioniertes Unwerk abzutun, das man sich als Ganzes nicht antun kann - eine Auffassung, die ich natürlich nicht teile. Jede Minute dieses Mammutwerks ist spannend, originell und auf höchstem Niveau umgesetzt; ich habe mir das Album tatsächlich eine Zeit lang bis zu zwei mal am Tag in einem Durchlauf angehört. Fazit: Absolute Empfehlung für Oldfieldfans, aber unbedingt öfter als zweimal anhören.