Nein. Auch wenn die rot geschriebene Amanda im roten T-Shirt da auf den Holzplanken steht und vermutlich sehnsüchtig auf die See und in die Ferne schaut (Umschlagbild) - was sollte mich irgendeine Amanda angehen? Und der amerikanische Frühling, was immer das sein sollte, hätte mich auch nicht neugieriger auf dieses Buch machen können (Zugegeben, Amerika ist nicht gerade mein Traumland...).
Aber Arno Surminski gehört zu meinen absoluten Lieblingsautoren - also musste ich's sofort haben!
Uns Alten bleibt nur eines: Das Geld." Das steht als Motto auf der ersten Seite - ein Zitat der Heldin Amanda von Vegesack. Nun gut, darüber wollte ich zunächst wirklich nicht weiter nachdenken...
Die Geschichte beginnt an einem regnerischen Maitag im Jahre 1990, und die ersten Seiten waren eine Herausforderung an meine Geduld: Frühling??? Eher winterlich-tiefgefroren war der Beginn, ziemlich konstruiert die Handlung.- Immerhin lernen wir den Medizinstudenten Konrad Eisbrenner kennen und freuen uns schließlich, dass er tatsächlich zu der für ihn unerschwinglich teuren aber doch so ersehnten Amerika-Reise aufbrechen kann. Amanda, eine alte, etwas gebrechliche Dame will ihren Sohn besuchen und zahlt das Flugticket und ein Taschengeld, um von Konrad auf dem Hin- und Rückflug begleitet zu werden.
Stutzig wurde ich wenige Seiten später. Da tauchte Fidel Castro auf - wenn auch nur auf Konrads T-Shirt. Für einen langjährigen Surminski - Fan war das schon schon eine echte Überraschung! Aber bald wird das von Amanda weit übertroffen. Die eigenwillige alte Dame vertieft sich ins Wall Street Journal und in die Finacial Times, erzählt von Prinzen und Königen und schließlich auch, dass sie Kennedy, mit dem sie im offenen Auto durch Berlin gefahren sei, den Satz Ich bin ein Berliner" beigebracht habe. Spätestens jetzt begann ich zu zweifeln. An meinen Erwartungen, an Surminskis Verstand -und überhaupt: Was würde mir dieser weibliche Baron von Münchhausen" eigentlich noch alles auftischen?
Ich will nicht alles verraten. Nur so viel: Die Handlung gewinnt an Fahrt - wir erleben wirklich noch ein Frühlingserwachen". Es gibt überraschende Wendungen der Geschichte und spannende Passagen, in denen alles möglich scheint und doch alles anders kommt. Manchmal scheint die Geschichte sogar erotisch, manchmal wie eine Bildungsreise - für Konrad Eisbrenner und den Leser gleichermaßen. Es gibt ein Feuerwerk blitzgescheiter Gedanken und denkwürdiger Zitate (von Nietzsche bis zur Bibel, von Mark Twain bis Bismarck), die für sich allein schon eine faszinierende Aphorismensammlung darstellen, mit der man sich gerne weiter beschäftigen möchte. Die detaillierten Schilderungen der verschiedenen Reisestationen quer durch Amerika übertreffen die Insidertipps der besten Reiseführer problemlos - und ausgerechnet ich als eingefleischter Amerika-Verachter" habe mich tatsächlich dabei ertappt, den Weg von Amanda und Conny (Wie sie Konrad nennt.) schließlich auf meinem alten Schulatlas zu verfolgen... Es gibt historische Bezüge, die längst vergessenes Geschichtswissen wieder zum Vorschein bringen und teilweise in neuem Licht erscheinen lassen, und Amanda erzählt von den alten und neueren Stars aus Film, Musik und Tanz, deren Namen nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ja, selbst Warren Buffett hat mich dann schon gar nicht mehr überrascht.
Fast wünscht man sich, auch so eine Amanda zu finden, deren skurrilen, verrückten und doch weisen Geschichten man zuhören kann - vielleicht kann man das Buch ja sogar als Anregung zu einem toleranteren Miteinander verschiedener Generationen verstehen. Vielleicht auch einfach als die Geschichte vom amerikanischen Traum, denn Amanda ist zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär geworden, aber von der kleinen unbedeutenden Tänzerin zur reichen Aktionärin. Oder man nimmt die Geschichte eben als herrlich bildhafte Reisebeschreibung. Oder als phantastischen, etwas ungewöhnlichen Traum. Oder als historischen Ausflug. Oder als Anregung zu philosophischen Diskussionen. Oder... Alles scheint möglich - der Leser muss es selbst für sich herausfinden.
Zum Schluss liebte ich Amanda und Conny jedenfalls und hätte meinen Helden" so sehr noch manche weitere gemeinsame Reisen gewünscht - aber auch da wurde ich mit einer unerwarteten Wendung überrascht...
Ja - Amanda von Vegesack stammt natürlich aus einer ostpreußischen Familie, sie hat ihre Heimat verloren, aber sie hat gelernt, sich in der Welt zu behaupten. - Die ehemalige Tänzerin ist selbst eine tanzende Schneeflocke, wie sie sie in den langen kalten Wintern ihrer Kindheit am Fenster sah. Aber diese Herkunft ist auch schon alles, was an die bisherigen Surminski - Geschichten erinnert. Das ist ein ganz neuer Surminski, der sich selbst leicht wie eine Schneeflocke in die Welt neuer Geschichten und Themen aufmacht!
Mein Tipp: Nicht vom etwas gekünstelten Anfang entmutigen lassen - unbedingt weiter lesen!
Ich vergebe 4,5 Sterne, und weil wir mathematisch ja aufrunden, sind es fünf. Gratulation zu diesem großartigen Geschenk, dass sich der Autor selbst zum 75. Geburtstag gemacht hat!